(4)

„Das sind die Regeln: Ich muss täglich schreiben, habe also nur begrenzt die Möglichkeit, mir auszusuchen, worüber. Schreibe aber meistens mit vierundzwanzig Stunden Abstand (am Morgen über den vorigen Tag). Dieser Filter ist wichtig. Vielleicht ist seine jahrzehntelange Kalibrierung das Wichtigste, was ich in der Zeit des nicht wirklichen Schreibens gelernt habe. Und dann nochmal vierundzwanzig Stunden bis zur Veröffentlichung. Das gibt mir die Möglichkeit, mir selber ein letztes Mal ins Wort zu fallen und wenigstens die schlimmsten Unglücke zu verhüten – wenn auch nur sehr begrenzt, denn aus dem, was da von gestern steht, muss jetzt der Eintrag werden. Es wird nichts neues geschrieben. Es ist genau dieses Zusammenspiel aus Freiheit und Regeln, die mich vor mir selber schützen, nach dem ich so lange gesucht habe.“ Schreibt André Spiegel am 04. Dezember letzten Jahres in seinem Blog „fortlaufend“.

Braucht das Schreiben Regeln? Vorsichtsmaßnahmen vor dem Veröffentlichen? Wäre das nicht vernünftiger, sinnvoller, als die Kommentarfunktion zu schließen? Überhaupt diese Verschlossenheit, die wachsende Unlust zu reden, und auf der anderen Seite die unstillbare Sehnsucht nach echten Gesprächen, solchen, die weiterführen, etwas ändern, oder zumindest bewegen. Viel zu früh schleicht sich wieder Verständnis ein, oder weniger Verständnis als Rücksicht. Vermeintliches Verständnis für die andern, die ich nicht verletzen will, nicht überfordern mit mir. Selbstkontrolle und Zensur statt radikaler Selbstliebe, wie sie Mary am Meer empfiehlt.

„Ach, ich trage mein Herz mit mir herum wie ein nördliches Land den Keim einer Südfrucht.“ (Heinrich von Kleist).

Advertisements