Dualität (2)

Verwundung also. Dualität zwischen Verletzung und Heilung. Weil niemand ein gutes, aufrechtes Leben führen kann, ohne sich mit dem Schmerz auseinander zu setzen. Weil der Schmerz notwendig ist, damit wir die Demut nicht verlieren, die Herr Schneck in seinen Überlegungen kürzlich angesprochen hat.

Und das zu begreifen, theoretisch nachzuvollziehen ist ja eine Sache. Weil es sehr einleuchtend ist, sehr leicht zu verstehen. Aber was ist mit der Umsetzung? Da schieben die meisten von uns doch viel zu schnell einen Riegel vor das Ganze. Einen Riegel mit der Aufschrift: Das kann ich nicht. Das geht nicht.

An genau diesem Punkt (punctum) ist mir kürzlich ein Interview mit Mary Bauermeister in die Hände geraten. Ein dunkler Nachmittag, Kerzen auf dem Tisch, Waffelgeruch in der Küche, und in einer der Zeitschriften, die ich durchblättere, bevor ich sie endgültig dem Altpapier übergebe, ein Interview mit dieser Künstlerin, die ich bislang nicht kannte. Das gesamte Interview kann man hier nachlesen. Mir geht es aber insbesondere um einen Satz: „Ich wollte mal eine Farbe in den Kopf kriegen, die es nicht gibt. Ich habe den Kopf geschüttelt und gegen die Wand gestoßen, aber ich kriegte sie nicht rein. Bis ich dachte: Ich kann die Farbe nicht sehen, aber ich kann mir vorstellen, dass es so eine Farbe gibt. Das hat mich wieder einen Schritt weitergebracht. Weil ich merkte, dass ich ganz utopisch denken kann, dass das Denken nicht immer unbedingt an die Realität gebunden sein muss.“

Vielleicht sieht es auf den ersten Blick nicht so aus, als hätte das mit der Auseinandersetzung mit Schmerz, Angst und Trauer zu tun, mit den Dingen, die weh tun und gerade deswegen so notwendig sind, mit unserer Weigerung da dran zu bleiben, wo es weh tut. Aber ich lese darin zwei Hinweise. Zum einen den, das Scheitern anzuerkennen, also das was man eigentlich nicht wahrhaben will, das Eingeständnis: es geht nicht, das was ich will, bekomme ich nicht. Ich habe versagt. Und dann aber eben nicht darüber hinweg gehen, sondern sich eine Weile damit aufhalten, mit der Unmöglichkeit, sie anerkennen. Dann erst, nachdem der Verletzung ein Raum gegeben wurde, öffnet sich der Blick und eine neue Lösung tut sich auf.

Die Dualität, die unser Leben bestimmt, ist ja wesentlich die Einsicht, dass etwas zu Ende gehen muss, damit etwas neues beginnen kann.

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