Dezember

Wie alt wir geworden sind

Denken die Tage

Grau bis weiß

Langsam und sorgfältig

Neigen sie sich dem Ende zu

Diesem Ende das nicht laut

Und bunt genug sein kann

Um zu glauben

Etwas Neues beginnt

Leise und unschuldig

 

 

 

 

 

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27. Dezember

Heute die Fahrt. Und dann erst am 02. spät abends wieder zurück. Kein Netz dort und eine große Ungewissheit, wie alles weiter geht.

Der Jahresrückblick, der schon jetzt nicht mehr zu stimmen scheint, allem, was gerade ist, widerspricht. Nur noch die Erzählung einer Erinnerung ist.

Januar

Inside Llewin Davis. Eine Hommage an all die Künstler, die nicht zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sind.

Der erste Schnappszahlgeburtstag des Nachwuchses.

 

Februar

Mit dem siebten Sprung, dem Roman von Ulrike Draesner, bahnt sich das Projekt „Heimat“ an.

Der Winter bleibt auch diesen Monat aus.

 

März

Der Monat der Begegnungen. Stanisic gewinnt völlig zu Recht den Preis der Leipziger Buchmesse. Spaziergänge, Didion und Bielefeld von einer ganz neuen Seite.

 

April

In das Heimatprojekt mischen sich zunehmend Erinnerungen. Rechtzeitig zum 100. Geburtstag der Duras das wunderbare Hörspiel C´est tout jetzt als CD. Bücher von Träumen (Margret Kreidl) und Unterbrechungen (Lucas Cejpek).

Mai

Ein janusköpfiger Monat. Ein Kindergeburtstag, der mit dem traumatischen Abstieg Arminias endet.

Krankheiten. Ein Todesfall.

Aber auch die Kraft, sich den Dingen zu stellen.

Und wie immer Bücher, die dabei helfen (Masé, Koch)

 

Juni

Wie immer im Sommer: Duras.

Wie schwer das ist, sich ein Bild von sich selbst zu machen, in dem man sich verliert.

 

Juli

Das Jahr entwickelt sich zu einem Jahr der Begegnungen. Im Juli in Bonn mit vielen wunderbaren Menschen einen unvergesslichen Abend verbracht.

Anne Carson entdeckt.

 

August

Zurück aus Fuerteventura empfängt uns ein kalter und regnerischer August. Aber egal: Anne Carson liegt auf dem Nachttisch.

Weitermachen mit der Suche nach der Geduld.

 

September

Der Sommer ist noch einmal zurückgekehrt. Dann der Nebel. Und die aufregende Begleitung von Anne Carson, ihrer Bücher.

Alte Familiengeschichten ausgegraben.

Begegnungen. Viele wärmende Stunden mit Freunden.

 

Oktober

Goldene Tage, und eine Unzahl von Krankheiten, die an mir rütteln und zerren, ohne dass ich begreife, was sie mir sagen wollen. Eine Freundin, die ich jahrelang nicht gesehen habe, taucht plötzlich wieder auf.

Immer noch, immer wieder: Anne Carson.

 

November

Aufbruchstimmung. Die bevorstehende Lesung, die Arbeit am Märchenmanuskript, und immer noch die Begleitung durch Anne Carson.

Sommertage und Sturm und Regen wechseln sich ab. Ob man leben kann in einer Blase aus Vernunft?

Dezember

Knausgard.

 

26. Dezember

Erwartungen und Enttäuschungen. Wie einen das ein Leben lang verfolgt. Die Erinnerungen, die das Lesen zur Zeit anschwemmt.

Die dreibeinige Katze, in der Siedlung, in der ich als Kind gelebt habe. Überhaupt die Katzen, die wir in Rudeln gesehen haben, obwohl Katzen doch Einzelgänger sind. Die Straßen, die ich im Sandkasten gebaut habe, Parkplätze und Tunnel. Und nie hatte ich eigene Autos, um sie zu befahren. Oder der Regen, der genau am Eingang zum Spielplatz aufhörte. Auf dem Spielplatz regnete es, und einen Schritt weiter war alles trocken.

 

Knausgard widerspricht sich. So wie wir uns selbst ständig widersprechen. So wie unser Leben widersprüchlich verläuft.

Entwicklung. Das ist vielleicht nicht zuletzt immer wieder ein Band zu lösen, das dich einschnürt.

25. Dezember

Ohne Zweifel bin in unserer Familie ich diejenige, die am wenigsten äußeren Zwängen ausgesetzt ist. Ob ich mich deshalb freier fühle?

Die Bilder im Flur ansehen (meine tote Mutter, die Kinder vor vielen Jahren) und das Gefühl haben; ich selbst bin der Schwindel.

Natürlich wünsche ich mir häufig die Zeit zurück, als ich noch das Zentrum ihres Lebens war, ihre leuchtenden Augen, während sie die Welt entdeckten, als noch alles ein Abenteuer war. Aber es ist ja nicht so, als wäre nichts Neues an diese Stelle getreten. Etwas, das ich in fünf Jahren wiederum vermissen werde.

 

24. Dezember

M., der lacht, wie meine Hand zittert, wenn ich die Tasse zum Mund führe. Meine Erinnerung an all die ersten Male. Keine Gedächtnisleistung, vielmehr Geschichten, die ich mir erzähle.

Worauf lässt sich meine Zersplitterung, die ständige Demontage von Konzentration zurückführen? Wohin würde es mich führen, wenn es mir irgendwann doch wieder gelänge, mich zu konzentrieren? Jenseits von Ansprüchen und Verzettelung. Nur Neugier und sonst alles offen. Weich wie der Milchkaffee, den ich gerade trinke. Kompetent wie der Arzt, der mir erklärt, dass alles halb so schlimm ist, die Schmerzen, das Brennen in den Armen, die ständige Einnahme von Schmerzmitteln, die immerhin unter das Betäubungsmittelgesetz fallen.

Vielleicht ist Liebe auch diese hilflose übergroße Fremdheit zwischen einem kleinen Wesen, das noch alles weiß und nichts sagen kann, und denen, auf die es angewiesen ist, die nichts mehr wissen, alles vergessen haben und ihm (dem Säugling) völlig hilflos ausgeliefert sind, mit nichts außer ihrer Liebe ausgerüstet.

Diese Unmittelbarkeit der Babies, unmittelbar und absolut.

Diese restlose, diese unüberwindbare Sprachlosigkeit. Fremdheit, Zurückgeworfensein auf Körperlichkeit. Und natürlich erlebt und erfährt man es nicht so, wenn man Mutter wird, auf einmal diese vollkommen neuen, restlos unbegreiflichen Erfahrungen macht, weil der Instinkt eine lange Zeit lang den Verstand ersetzt. Das sind Gedanken, die man viel später, über zehn Jahre später denkt, während man andere Mütter mit ihren Babies beobachtet.

Die alten Zeichnungen der Kinder, Zeichnungen, die gemacht worden sind, als sie gerade anfingen lesen und schreiben zu lernen, vermitteln eine große Freude, eine Entdeckeraufregung, wenn es um Zahlen und Buchstaben geht, die überall eingebaut sind, häufig spiegelverkehrt.

Immer noch die Hoffnung, einmal etwas wirklich Großes zu schreiben. Ebenso hartnäckig wie die, irgendwann wieder schmerzfrei zu sein. Und wie abwegig sie auch sein mögen, ich möchte keine von ihnen verlieren.

23. Dezember

Man sagte damals, als sie das Jahr magischen Denkens geschrieben hatte, über Joan Didion, und sagt es jetzt über Karl Ove Knausgard, dass gerade das sehr Persönliche Allgemeingültigkeit erhält.
Vielleicht meint man damit in erster Linie, die Aufrichtigkeit, nach der man sich sehnt.
Und Aufrichtigkeit, das ist zweierlei: zum einen, Fragen zu stellen, vielleicht sogar sich selbst in Frage zu stellen, und zum anderen, den Mut aufzubringen, sich lächerlich zu machen, verwundbar, weil man keine Antworten findet (die für andere überdeutlich zu Tage treten).

22. Dezember

Auf einmal sind unsere Gesichter faltig. Die Haare dünn. Vielleicht ist da noch ein gewisser Glanz in den Augen, eine Anmut in den Zügen, aber das Alter hat deutlich Besitz von uns ergriffen, spielt sich in den Vordergrund, dominiert alles.

Alt ist meine zarte Haut geworden

und weiß die schwarzen Haare,

schwer die leichten Knie,

die früher tanzen konnten wie Rehe

Sappho, 58. Fragment

21. Dezember

„Man könnte sich vorstellen, dass diese Fotografien eine Art Gedächtnis verkörpern, eine Art Erinnerungen bilden, nur ohne das „Ich“, von dem die Erinnerungen normalerweise ausgehen, und daraufhin stellt sich natürlich die Frage, was sie bedeuten.“

Wieder Knausgard, Spielen.

Unheimlich ist das, was wir wissen, obwohl wir keine Ahnung davon haben. Was wir nicht wissen können, wovon wir mit Recht behaupten, keinen blassen Schimmer davon zu haben, und doch spüren wir es. Irgendetwas in unserem Körper, (unserer Seele?) weiß es. Diese wiederkehrenden Vorstellungen von einer ganz anderen Frau, die meiner Mutter nicht im geringsten glich, und doch mit einer unumstößlichen Sicherheit nicht anders als eben als meine Mutter vorstellbar war. Das Gefühl, dass etwas sehr schlimmes geschehen war, quasi genau in dem Moment, wo Großmutter gestorben war, ohne dass irgendjemand so schnell schon die Gelegenheit gehabt hätte, mir das mitzuteilen.

Das Ende der Kindheit und wie sie dann doch weitergeht.

 

20. Dezember

Die Zeit: eine Kröte, die dich schluckt.

Stay heißt stehen sagt mein Kind, das noch die Fähigkeit hat, lautmalerisch zu übersetzen. Über zu setzen von einem Ufer ans andere, tragbare Stege voll Übermut und blühender Güte. Später dann trägt die Erkenntnis dick auf und keine Brücke hält, es gibt keine leichten Überfahrten, nur schwer verschlungene Wege, die meisten Schritte unverdaut. Später hält dich etwas in Atem. Alles bleibt wie dieses Herauswachsen aus dem Mutterleib. Aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. Etwas symbiotisch Verbundenes sprach uns aus.

Und das, was außen herum passiert, die Angst vor Pegida und die Geschichten, die dagegen erzählt werden. Oder Menschen, die statt zu reden, etwas tun, Spendengelder sammeln, Gedankenkisten packen.