Anne Carson – Anthropologie des Wassers

Gestern erst habe ich ein Gespräch mit Anne Carson gefunden. Ein Gespräch, an dem u.a. die wunderbare Karla Reimert beteiligt gewesen ist (außerdem beteiligt waren Alexander Gumz und Uljana Wolf), deren Gedichtband „Picknick mit schwarzen Bienen“ genau die Bedingungen erfüllt hat, die Anne Carson in dem erwähnten Gespräch von einem Dichter verlangt: „Ich denke die einzige Pflicht, die man als Dichter hat, ist, den Leser Zeit und Raum vergessen zu lassen, für den Moment, den es braucht, ein Gedicht zu lesen. Ihn so gründlich zu verführen, dass er die Zeit vergisst. Sich selbst vergisst, seine Sterblichkeit.“ Und das macht ja auch den „Unwert“ des Gedichtes aus, denke ich jetzt gerade, über den Falkner vor vielen Jahren geschrieben hat. Diesen besonderen Wert des Gedichtes, dass es nicht nützlich und verwertbar ist, sondern einfach nur ist, so sehr, dass es nichts gibt, das darüber hinaus geht. Das Gedicht, wie das Meer als Urbild des Widerstandes. Des einfach nur seins.

Über Karla Reimerts Gedichtband wird noch zu sprechen bzw. schreiben sein, über Anne Carsons Anthropologie des Wassers habe ich bereits versucht zu schreiben.

Die Schüchternheit der Novembersonne

Die Wiederholungen am Telefon

Die vorgebliche Begriffsstutzigkeit

Ein inwendiges Verschwinden

Verstreichen

Am Ende des Korridors wird eine Tür zugeschlagen

 

Der Regen spült die Ränder rund

Der Regen spült den Mond vom Himmel

Der Regen spült dem Himmel die Flausen aus dem Kopf

Der Regen

 

Er betritt das Gasthaus

Sein inwendiges Verschwinden

Bei Regenwetter am Telefon

Die nasskalten Häuser

Die regennassen Straßen

Die Einkehr zur Umkehr

Der einzige Gast

Das Telefon grün mit Wählscheibe

Der Kupferbart des Wirtes

Die Geräusche aus der Küche

Die Kellnerin mit der Heuschrecke in der Hand

Das Fahrtwasser das Regenwasser

Die nächtlichen Wolken

Abhandlungen über den Mond

 

Die Kellnerin am Telefon

Er kommt nicht

Ihr Kopfschütteln

Er kommt nicht

Ein inwendiges Verschwinden

Ein Regentag

Die Nacht die die Worte sorgfältig zerlegt

Bevor sie sie verschluckt