Heinz Bude – Gesellschaft der Angst

Als ich das erste Mal von Heinz Budes „Gesellschaft der Angst“ hörte, habe ich erwartet mit Hilfe dieses Buches zu erfahren, wie Angst strategisch als Machtinstrument sowohl im wirtschaftlichen als auch im politischen Bereich genutzt wird.

Die erhofften Hintergründe dazu, wie Wirtschaft und Politik sich die Existenzangst des Einzelnen zunutze machen, um Arbeitnehmer und Bürger unmündig in ihrer Ohnmacht zu halten, ist mir das Buch schuldig geblieben. Bude liefert stattdessen eine gründliche Analyse vom Umgang mit der Angst in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen. Das Prinzip Angst ist kein Machtinstrument bestimmter Klassen mehr, es ist längst zu einem gesamtgesellschaftlichen Problem geworden.

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19 Gedanken zu “Heinz Bude – Gesellschaft der Angst

  1. Meinst du mit „teilen“ eine Angst, über die man reden konnte, oder eine, die auf mehr Schultern verteilt war und somit vielleicht leichter zu ertragen war? Wenn ich überlege, wie die Generationen meiner Eltern oder Großeltern mit Ängsten umgegangen sind, habe ich allerdings den Eindruck, dass Ängste heute wesentlich ernster genommen werden, und dass es insgesamt eine Gesprächskultur gibt, die das Reden darüber überhaupt erst möglich macht (ich spreche hier von unserem Kulturkreis). Davon konnten meine Großeltern nur träumen.

    1. Damit hast Du sicher Recht. Andererseits hatten unsere Eltern und Großeltern noch so etwas wie eine Schicht, ein Mileu, dem tendenziell die selben Dinge widerfuhren, die Angst, auch die über die man nicht sprach und vielleicht auch nicht sprechen konnte, war etwas von dem man annehmen konnte, oder sogar wusste, dass sie die anderen ebenso heimsuchte. Das ist eine andere Ausgangsgrundlage als die, wenn ich selbst für alles verantwortlich bin, ich ganz allein, und dabei auch noch gezwungen immer die beste Möglichkeit zu suchen, sei es bei der Berufswahl, bei der Wahl des Partners, der Schule für das Kind etc. Es ist kaum noch möglich, die Verantwortung an so ein diffuses Gebilde, wie die Gesellschaft (oder das Schicksal) abzugeben, immer bin ich diejenige, die sich für alles, was nicht optimal ist, zu verantworten hat.

      1. Da stimme ich dir zu. Der Preis der Freiheit. Bin ich eingebunden, werden mir Entscheidungen abgenommen, weggenommen? Dem gewachsenen Maß an Selbstgestaltungsmöglichkeit entspricht größere Verantwortung. Leider sind die (persönlichen) Bedürfnisse da sehr unterschiedlich, während die Gesellschaft tendenziell alle über einen Kamm schert.Und Pseudoerkenntnisse der Wissenschaft suggerieren, alles sei machbar, mithin verantwortbar. Der Impuls meines ersten Kommentars war allerdings ein Gedanke, der mich schon länger umtreibt: dass die Vergangenheit als Projektionsfläche für Sehnsüchte genommen wird. Schlicht, weil sie sich nicht wehren kann. Ein bisschen meinte ich etwas in diese Richtung bei dir herauszuhören. Mit aller Vorsicht! 🙂

      2. Das heraushören stimmt fast immer bei meinen Texten. Bei diesem einen nicht. Das ist schlicht und ergreifend Soziologie. Keine Erklärung für alles, aber immerhin die Beschreibung der Grundlage, vor der sich vieles abspielt, das geht natürlich nicht ohne Vereinfachungen. So viel zum Buch und der dort vertretenen These.
        Etwas anders ist ja Deine Beobachtung, dass die Vergangenheit generell als Projektionsfläche für Sehnsüchte „missbraucht“ wird. Das schreibst du nicht so, aber ich spitze es einmal zu. Ich glaube das ist ein fast schon archaischer Impuls des Menschen, dieses „früher war alles besser“, einer gegen den man sich in der Jugend vehement wehrt, und dem man, sobald man selbst ein gewisses Alter erreicht hat, immer mehr verfällt…

      3. Es arbeitet in mir, und so komme ich doch nochmal auf den Punkt Ängste heute und früher zurück. Bist du denn der Meinung – um mal am Beispiel der Generaion meines Großvaters konkret zu werden – dass man mit der Angst, im Schützengraben von einer Granate getroffen zu werden, besser umgehen konnte, weil da noch ganz viele andere mit im Graben lagen? Oder mit der Angst, durch Rezession und Geldentwertung die Familie der Armut überantworten zu müssen?

      4. Todesangst und Kriegserfahrungen sind natürlich ganz spezielle Erlebnisse und Ängste, die ich ausnehmen möchte, wir wissen ja zum Glück hier schon lange „nur“ noch aus zweiter Hand und aus Erzählungen vom Krieg. Aber nehmen wir die Angst vor der Rezession, die Angst vor Arbeitsverlust und Armut. Die Zeche wird dichtgemacht und die Kumpel stehen ohne Arbeit da. Also sind sie wütend und haben einen Feind, der ihnen die Arbeit genommen hat, der verantwortlich ist für ihr Los. (natürlich sind sie auch verzweifelt und haben Angst). Aber es ist eine Angst, die sozusagen nichts mit dem Einzelnen zu tun hat, die Kumpel sind nicht arbeitslos, weil sie ihren Lebensweg nicht optimal geplant haben, sondern weil die Wirtschaft so läuft wie sie läuft, weil die Manager die falschen Entscheidungen gefällt haben usw. usf. Das macht die Angst vermutlich nicht leichter, nicht erträglicher oder lässt sie gar verschwinden, aber es verschont den Einzelnen vor der zusätzlichen Schuld, dem persönlichen Versagen, weil es eben auch ganz anders hätte laufen können, wenn man nur besser nachgedacht und die Weichen des eigenen Lebensweges gleich viel selbstständiger und optimaler gestellt hätte. Dieses persönliche Versagen, was heute implizit und explizit dazu kommt, wenn jemand die Arbeit verliert, oder erst gar keine findet, das gab es sicher vereinzelt auch damals schon, aber eben als individuelles Problem, nicht als gesellschaftliches Phänomen. Ist es so klarer?

      5. Ich verstehe sehr gut, was du meinst. Du beschreibst die Veränderungen hin zu einer individualisierten, entsolidarisierten Gesellschaft. Für den Einzelnen, wenn er denn Angst hat, verändert sich dadurch nichts, es macht die Angst „vermutlich nicht leichter“, damals wie heute, wie du richtig schreibst. Die Frage der persönlichen Schuld ist allerdings eine andere, und natürlich ist der „moderne“ Mensch hier ganz anders gefordert – ohne Kirche, ohne Klasse, ohne „Kumpel“, womöglich ohne Familie etc. und – ich schreibe es nochmal: angesichts gestiegener Erwartungen an die „Machbarkeit“ des eigenen Schicksals, getriggert von pseudowissenschaftlichen Erklärungsmodellen (z. B. das Entstehen von Krankheiten zunehmend auf persönliches „Fehlverhalten“ zurückzuführen), die letztlich denn Sinn haben, die öffentlichen Kassen zu entlasten und das Gemeinwesen aus der Verantwortung zu nehmen. Mich trieb einfach die Frage um: wie fühlt es sich für den einzelnen Menschen an. Und da möchte ich mir kein Urteil über die Ängste unsere Vorväter und -Mütter erlauben.

      6. Ja, Danke dass Du das noch ergänzt hast, dass auch Krankheit zunehmend als „persönliches Fehlverhalten“ bewertet und gewertet wird, das kann ja auch eine Möglichkeit aus der Ohmmacht heraus sein, aber leider bleibt es lediglich bei der „Schuldzuweisung“. Dann habe ich ja die ganzen Worte und Erklärungen umsonst gesucht und geschrieben ;-), denn in dem Punkt hast Du natürlich Recht, wie es sich für den Einzelnen angefühlt hat, können wir nicht beurteilen. Danke übrigens für diesen anregenden Austausch.

  2. … und es gibt, denk ich, „gesprächsfähige“ ängste und tabuisierte (schon immer und auch heute, jetzt). und angst, ängste, die durch „sprechen“ nicht schwächer, milder, bewältigbarer werden.

    1. Sehr gute und interessante Einwände, Pega. Und ich glaube, es gibt dann noch zusätzlich diesen Zwang, dass man generell über alles reden können soll, heute, was aber nicht jedem Menschen angemessen ist. Vielleicht geht uns auch zunehmend die Fähigkeit verloren manche Ängste einfach schweigend gemeinsam zu ertragen. Teilen statt wegreden. Bei den Gegengewichten und Gegenentwürfen fällt mir gar nicht viel ein, was das sein könnte, obwohl es sehr plausibel und wichtig klingt. An was hast Du da gedacht?

      1. „teilen statt wegreden“: da sprichst du etwas an! in meinem beruflichen feld habe ich sehr oft mit menschen zu tun, die bestimmte (ganz schwierige) gegebenheiten (er)tragen müssen, und ich sehe mich mit meiner eigenen hilflosigkeit konfrontiert und muss mich damit auseinandersetzen, dass ich nichts „machen“, nichts ändern kann; jedoch ist es hilfreich und wohltuend und erhält meinen gesprächspartnern und mir selbst die würde, wenn ich wahrhaftig bleibe, wenn ich diese meine hilflosigkeit aushalte und wertschätzung, respekt und verstehen (bzw. immerhin das bemühen zu verstehen) signalisiere – also: nicht abschwächen, wegreden, sondern dem schwierigen, angstmachenden raum geben, es anerkennen; also so was wie „die angst ansehen ohne angst“. wenn das gelingt, wenn ich diese art von unverstelltem kontakt zu jemandem herstellen kann, erlebe ich das als ein geschenk, eine art gnade. ich weiß nicht, ob das verständlich ist und hoffe, es klingt nicht zu geschwollen.

        und zu den gegengewichten, gegenentwürfen – ja, das könnte vielleicht eine (wie auch immer geartete) spirituelle ausrichtung sein, oder auch bindungen, beziehungen, eingebundensein in eine gemeinschaft, oder ein ziel, eine idee, eine vision, ein brennendes interesse, ein entflammt-sein für etwas; ein ehrenamt oder verantwortung zu übernehmen für eine sache oder (einen) andere(n) menschen und dafür auch anerkennung zu erhalten … das ist jetzt nur sehr kurz und pauschal formuliert. angst und was sie tut mit einem menschen – das ist ein so komplexes thema … hat ein mensch überhaupt noch einen bereich in seinem leben, wo er selbstermächtigung, selbstwirksamkeit erfährt oder fühlt er sich ganz fremdbestimmt, ganz ausgeliefert … hm, ein wichtiges und interessantes thema – und es tut mir leid, dass ich so lange die antwort schuldig geblieben bin, doch widerstrebte es mir, so kurz und wenig durchdacht zu antworten – zugleich fehlt mir die zeit für ausführlicheres und fundierteres. ich hoffe, es ist so erst mal okeeh – liebe grüße!

    1. Ich habe ganz klar den Eindruck, dass „Angst“ machtstrategisch und wirtschaftlich manipulierend gebraucht wird, seit Jahren „wirkt“ diese Drohung der Unternehmen, wenn die Lohnkosten zu hoch werden, lagern wir die Arbeit aus, und Politik und Belegschaft fügen sich, dazu kommt, dass sich so gut wie niemand mehr seines Arbeitsplatzes sicher sein kann, und ich behaupte, das ist gewollt, dass das die Leute krank macht und letztendlich auch leistungsunfähig ist (noch) nicht angekommen in den Etagen, die entscheiden.

  3. Und es gibt auch die Angst, dass in dieser ich-habe-nichts-zu-verbergen-Gesellschaft vielleicht doch die dunklen Seiten zum Vorschein kommen, die oft nicht nur zu verbergen, sondern mittlerweile regelrecht zu negieren versucht werden. In einer Gesellschaft, in der Transparenz ein Schlagwort ist und – wie schon meine VorschreiberInnen anmerkten – Selbstverantwortung gepredigt wird. Letztlich sind wir alle Konkurrenten in diesem globalisierten Markt, egal ob wir nun in der Schweiz oder in Deutschland sitzen. Bin „ich“ auch nur ein bisschen anstrengend, womöglich sogar etwas eigen, macht meinen Job vielleicht bald ein Anderer.

    1. Du hast Recht. Danke für Deine Ergänzungen. Das ist ein wichtiger Punkt, dass die Angst heute so wirkt, auch gezielt so eingesetzt wird, dass wir uns alle gegenseitig als Konkurrenten empfinden, statt Solidarität zu üben, auf diese Weise wird der schwächste Flüchtling zu einer Bedrohung, die Kollegen sowieso…

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