Umdrehen

Eine Verschwiegenheit lag in der Luft, verschloss Fenster und Türen vor dem Geflüster, das sich sehr langsam, sehr vollständig über alles legte, was bewegungslos war. Die Vögel flohen vor dem Geflüster in den Bäumen, die nächtlichen Schatten standen unruhig vor den geschlossenen Fenstern.

Am See, am kleinen Weiler am Dorfrand, dort wo letztes Jahr ein Mann von dem niemand viel mehr als den Namen wissen wollte, ins Wasser gegangen war, stand sie, flocht ihre Zöpfe, wartete darauf, dass die Wolken den Mond freigaben.

Wartete vielleicht auf Erlösung, auf das Schweigen der inneren Stimmen. Im schwarzen Wasser spiegelte sich ihr Gesicht. In jeder Falte eine Erinnerung und niemand außer ihr, der sich besinnt. Ihr Gesicht war unterteilt in mehrere Schichten, Geschichten, in denen sie mehr oder weniger eine Rolle gespielt hatte. Vergangene Geschichten, die nie vollständig vergehen. Tut es weh, wenn du dich umdrehst?

Was für eine Frage. Natürlich tut es weh.

Niemals hätte sie sich umgedreht, dumm und schmerzunempfindlich wie Lots Frau, wie Orpheus.

[Matrix 33-34, 2013]

 

13 Gedanken zu “Umdrehen

  1. Ja. Man muss sich noch einmal umdrehen. Damit es ein letztes Mal wehtut und nach vorne gegangen werden kann. Eine Geschichte der Gottesfürchtigkeit hat mit den vielen Geschichten der Neuanfänge, eben wenig zu tun. Feiner Text! 🙂

  2. ja, zurückschauen tut weh und dann ausatmen und weitergehen … wie sich gerade hier in Bloghausen wieder synchrone Themen zeigen, das ist immer wieder Faszination und Freude

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