Form

In Anthropologie des Wasser betrachtet Carson Buße als Form.

Was ist eine Form?

„Aber Tatsachen“, schreibt sie, „nach denen wir auf Fotos oder in historischen Berichten fahnden, formen sich mal so, mal so.“

 

Ich weiß nicht, ob man wirklich abschließen kann mit den Dingen, sie so hinter sich lassen, dass sie eine Teil von einem selbst werden, so selbstverständlich wie die Lungen, die sich mit Atem voll saugen und ihn wieder ausstoßen.

Abschließen beschwört ja das Bild einer Tür hervor, die sorgsam verschlossen wurde. Aber hinter dieser Tür ist ein Raum voll mit dem, was ausgeschlossen wurde.

Advertisements

11 Gedanken zu “Form

  1. „Abschließen beschwört ja das Bild einer Tür hervor, die sorgsam verschlossen wurde. Aber hinter dieser Tür ist ein Raum voll mit dem, was ausgeschlossen wurde.“

    Danke, meine liebe, dieses Bild hat mir noch gefehlt, obwohl „abschließen“ genau dieses Bild beschwört, habe ich (auch) immer wieder die Vorstellung, dass sich ungewünschte Formen aus der Vergangenheit auflösen, wenn wir ihnen auf gewisse Weise gegenüber treten. Vielleicht sind es diese Räume des Ausgeschlossenen, die uns müde machen.

    1. Vielleicht ist es aber doch die Frage, welche Form man findet, für das, was abgeschlossen werden muss, möglicherweise gibt es Formen, die es durchlässig lassen, aber auf eine Art, die auf sich selbst beruht, die eben nicht ausgeschlossen werden muss. Eine Auflösung statt eines Abschlusses, das schreibst du ja, und diese Vorstellung gefällt mir.

  2. Abschließen: Manchmal aber heißt das doch nur „vollenden“ oder „beenden“, d. h. etwas mit einem Ende zu versehen. Oder mit einem Schluß, einem Abschluß — und keinem Verschluß! Vielleicht muß auch ich in solchen Fällen meinen Sprachgebrauch verändern (heute würde es vielleicht optimieren genannt werden), um exakter, akzeptierbarer mich zu äußern zum Eigenen?

    Es gibt viele Wörter, die verscheidene Bedeutungen haben …

    1. Ich glaube, dass es diesen unterschiedlichen Worte gibt, vollenden und beenden und eben abschliessen, weil sie durchaus unterschiedliche Dinge bezeichnen. Vollenden ist wunderbar, da schließt sich ein Kreis, etwas ist nicht vorbei, sondern abgerundet, eben vollendet, das ist (für mich) etwas grundsätzlich anders als eine Sache abzuschließen, was ja wiederum aus unterschiedlichen Gründen geschehen kann, ich kann ein Projekt abschließen, und das meint dann vielleicht nur, dass es jetzt genügt, dass ich genug Fakten, Sätze, was auch immer, zusammengetragen habe und „fertig“ bin damit. Aber das ist ein anderes Niveau als eine Vollendung. Obwohl Du natürlich Recht hast und ein Abschluss nicht notwendig ein Verschluss sein muss. Dennoch glaube ich, dass – jedenfalls ich persönlich – viele Dinge mit einem Ende versehen habe, die deswegen noch lange nicht zu Ende sind, vielleicht ist das der Unterschied zur Vollendung, dass im Fall der Vollendung, die Dinge, die Geschehnisse sich einverstanden erklären mit einem Ende, und sowohl bei Abschluss wie Verschluss ist dieses erklärte Ende eher einseitig, etwas bleibt offen…

      1. Abschließen kann auch „vom Anschluß lösen/entfernen“ heißen, fällt mir grad noch ein … Und dann kann ich solcherart Abgeschloßnes auch loslassen …

        Spannend.

  3. wie zu sehen ist, stimme ich Emil zu, ähnliche Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich deinen Text las, manches in meinem Leben habe ich abgeschlossen, aber nicht hinter verriegelte Türen gesperrt, sondern ad acta gelegt, es war, wie es war und ändern lässt es sich nicht, ich kann es nur nehmen und für die Zukunft daraus lernen, um Fehler nicht zu wiederholen, oder um eine Art Frieden zu schliessen …

    gestern hörte ich diesen Satz: leiden ist doch ein Nichteinverständnis mit der Realität- bezogen auf mein kleines persönliches Leben bin ich aber nicht mehr bereit ewig zu hadern und zu leiden, mir Vorwürfe zu machen etc.
    dennoch bin ich mir sehr wohl darüber im Klaren, dass auch meine Erinnerung nicht objektiv ist, nicht sein kann-

    herzlichst Ulli

    1. Ich habe es eben Mary schon geschrieben, dass es vielleicht wirklich eine Frage der Form ist, die wir für das finden, was beendet werden muss, oder von selbst endet, wenn wir es lösen ist es vielleicht so weit durchlässig, dass es uns begleitet, ohne uns zu beschweren und einzuschränken, und also für uns gar nicht die Notwendigkeit aufkommen lässt, es wegzuschließen.

  4. liebe mützenfalterin, ich bin gerade dabei, dein blog kennenzulernen. deine „schubladen“ haben es mir angetan und ich habe die „papiermützen“ aufgezogen, weil ich heute etwas über papierboote gelesen habe, urtümliche verwandte der kraken, deren männchen sich einen arm amputieren, um irgendwo im ozean schwimmende weibchen zu befruchten. papierboote scheinen tatsächlich in selbstgefalteten mützen zu leben, was so schön aussieht, aber für uns bei diesem herbstwind gar nicht angehen würde. auf eine art sehen sie sogar aus wie lungen, die sie selbstredend nicht haben, und deren formen sich nicht von der eingeatmeten luft im innern formen, sondern durch das wasser draussen. vielleicht also auch eine gute idee, erinnerungen in papierboote zu geben und im ozean auszusetzen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s