Anne Carson lesen

Irgendwann habe ich aufgehört, Geschichten zu schreiben, Texte mit Anfang und Ende, mit Fabel und Sinn. Ich konnte (oder wollte?) die Bruchstücke nicht mehr verbinden, sie nicht länger zu einer Geschichte zusammenfügen. Es gab nur noch sehr lange (und nie vollendete) Geschichten, oder Fragmente, kleine Scherben, die für sich allein bestehen mussten.

Was das mit mir zu tun hat, fragte ich mich erst als ich anfing Anne Carsons Bücher zu lesen.

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9 Gedanken zu “Anne Carson lesen

  1. du „fixest“ mich an, lieb E.. ich brauche noch mindestens ein oder zwei (Parallel-)Leben, um all die Bücher zu lesen, die ich lesen möchte … aber Carson lese ich hoffentlich demnächst in diesem! 🙂

    1. Das freut mich. Ich kenne diese „Überforderung“ durch Bücher, die ich unbedingt noch lesen möchte, aber wenn ich eine Autorin entdecke, die so viel in mir freisetzt, mir in so hohem Maße eigene, neue Gedanken ermöglicht, kehrt für eine Weile Ruhe ein, dann kann ich mich eine Zeitlang ganz auf diese Autorin konzentrieren.

  2. Und irgendwann wird einem bewusst, dass all die Einzelteile vielleicht nicht sichtbar miteinander verbunden sind, aber dennoch zusammengehören und gemeinsam vielleicht immer noch nur Stückwerk bilden, etwas Lückenhaftes, nicht sauber Umgrenztes, aber dennoch etwas ganz und gar und wundervoll Lebendiges.

    Deine Gedanken gleichen in verblüffender Weise meinen, die ich heute früh in einen Entwurf geschrieben habe, der noch nicht fertig ist …
    Wir sind uns, glaube ich, gar nicht all der Verbindungen und losen Verknüpfungen bewusst, die sowohl unsere eigenen Anteile zusammenhalten als auch am großen das Individuum übergreifenden Netz mitweben.

    1. Ich bin sehr gespannt auf Deinen Text. Was die Zusammenhänge angeht, ist die Kunst (für mich), sie auf eine Weise zusammenzubringen, dass ein Umriss sichtbar wird, ohne dass dieser Umriss mit einem vorgegebenen Bild ausgefüllt ist, das ist, was ich an Carson so bewundere und genieße.

      1. Ein Umriss, ja, damit kann ich etwas anfangen. Eine Kontur, die manchmal von außen sichtbarer ist als von innen, scheint mir.
        Was meinen Fragmentetext betrifft: Momentan ist er mir selbst für ein Bruchstück zu unfertig. Mal sehen, wo er landet, evtl. im Papierkorb, wie so vieles. Trotzdem sind selbst diese verworfenen und nie veröffentlichten Texte wichtige Schritte, die man nicht überspringen kann, finde ich.
        Woran ich noch denken musste bei deinem Text: An die Neigung (die ich von mir kenne und bei dir auch zu erkennen glaube), die Dinge fein säuberlich voneinander getrennt zu halten, sie nicht zu vermischen … Aus welchem Grund?

    2. Über Deine Beobachtung und die damit verbundene Frage habe ich lange nachgedacht, ich neige tatsächlich dazu, die Dinge fein säuberlich zu trennen, zu sortieren und einzuordnen. Aber warum? Vielleicht weil ich den Stillstand so schlecht ertrage, weil mir noch immer die Geduld fehlt, und ich deswegen die einzelnen Teile nicht so achten kann, wie es ihnen zustände.

  3. Ein interessanter Impuls zum Nachdenken! Ich sehe es wie Iris, Fragmente sind wie Puzzleteile. Das Bild mag noch nicht erkennbar sein, aber die Teile gehören zusammen und zum selben Bild. Bei Texten ist das „Bild“ die Person, die den Schreibstift in der Hand hält. Ein schöner Gedanke, weil ich selbst auch oft nicht weiß, was ich mit all den „Schnippseln“ anfangen soll.

    1. Danke für Deinen Kommentar. Puzzleteile trifft es ganz gut. Schreiben hat manchmal eine gewisse Ähnlichkeit mit Puzzlen, zuweilen geht es in erster Linie darum, welches Teil an welche Stelle gehört, die Teile sind da, man weiß auch, dass sie zusammengehören, nur die Reihenfolge ist noch unklar.

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