Traum vom Meer

Traum vom Meer - Isla volante

Traum vom Meer – Isla volante

Mit jeder Welle näherte ich mich der Ferne, dem Horizont, dem: es-gibt-kein-zurück. Die Möwen über mir spendeten mir Schatten, umkreisten mich ratlos und drehten ab. Ich ließ mich treiben, ich ruderte, ich verlor langsam das Ufer aus der Sicht. Noch ein paar Züge, dann versank ich so tief in meinem Traum vom Meer, dass nichts mehr in mein Bewusstsein drang.

Margaret Atwood

DEINE KINDER HABEN SICH AM GLAS GESCHNITTEN…

 

Deine Kinder haben sich am Glas geschnitten,

beim Griff durch den Spiegel,

in dem der geliebte Mensch sich versteckte.

 

Du hattest damit nicht gerechnet:

Du glaubtest, sie suchten das Glück,

keine Schnittwunden.

 

Du glaubtest, das Glück

werde einfach erscheinen, ohne Mühe

oder sonstige Art von Arbeit,

 

wie ein Vogelruf,

eine Blume am Wegesrand

oder ein silbrig schimmernder Fischschwarm,

 

aber nun haben sie sich geschnitten

an der Liebe und weinen heimlich,

und deine eigenen Hände werden taub,

 

denn du kannst nichts tun,

denn du hast ihnen nicht gesagt nein,

denn du hast nicht gedacht,

du bräuchtest es,

und jetzt ist alles voller Scherben

und die Kinder stehen da, ertappt,

 

und greifen noch immer nach Monden und Echos,

nach Leere und Schatten,

genau wie damals du.

[aus: Die Tür, Berlin Verlag, 2014, übersetzt von Monika Baark]

Leuchten

Es sind Angebote, die das Leben dir macht. Warum betrachtest du alles als Zumutung?, fragt er und sie leuchtet.

Ich glaube nicht, dass er dieses Leuchten wahrnehmen kann, das innere Licht. Ich glaube auch nicht, dass das etwas ist, das ihn interessiert. Sie ist weich und jung, und in seinen Augen hilfsbedürftig. Das ist, was ihn interessiert, was sie ihm bedeutet, und darum schlingt er seine Arme um sie, während er von oben auf sie herab sieht.

Und weder bemerkt, dass seine Finger überzählig sind, noch dass sie leuchtet.

[der Text verdankt sich einer Zeichnung von Dieter Motzel, das sich hinter dem Link im Text verbirgt]

Fisch

Fisch - Isla volante
Fisch – Isla volante

Durch Kiemen atmen und statt Haut Schuppen. Sich niemals im Spiegel sehen, vielmehr die Spiegel zerstören, die eine ruhige Wasserfläche bereitstellt für die, die immer und überall ihr eigenes Gesicht suchen. Keine Füße haben und keine Stimme. Aber immer in Bewegung sein und schwerelos.

Gefangenschaft

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In seinem Tagebuch ohne Datum beschreibt Adam Zagajewski, was Gefangenschaft eigentlich bedeutet, anhand eines Bildes von Brueghel. Er beschreibt, wie die zwei Affen keinen Blick aus dem Fenster werfen, sie sind blind für alles andere, außer der Beschränkung in der sie leben.

Ich muss, während ich seine Ausführungen lese, daran denken, wie Herrndorf sich aus dem Gefängnis seiner Krankheit herausgeschrieben hat, wie er dieser Enge, die sich über sein Leben stülpte, die Freiheit des Schreibens entgegen gesetzt hat; eines ganz und gar notwendigen Schreibens, das genau darum (aufgrund seiner Notwendigkeit) großartig ist, ergreifend und meisterhaft (nicht wegen des tragischen Schicksals. Nicht weil er jetzt tot ist, sondern weil er gelebt hat bis zuletzt. Was vermutlich nicht allzu viele von sich behaupten können.)

Pause

Pause - Isla volante
Pause – Isla volante

Wir schwimmen im kleinkarierten Bedauern unserer Ahnungslosigkeit. Unser Horizont ist nicht weit, aber immer begleitet vom Rauschen ungebetener Gedanken. Einmal im Jahr fahren wir ans Meer, um sie zu ertränken. Essen Fisch und bespötteln unsere Sparsamkeit. Und wenn wir langsam anfangen, uns daran zu gewöhnen, dass etwas uns trägt, fahren wir wieder nach Hause.