Gefangenschaft

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/c/ce/Pieter_Bruegel_d._%C3%84._095.jpg/1024px-Pieter_Bruegel_d._%C3%84._095.jpg
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In seinem Tagebuch ohne Datum beschreibt Adam Zagajewski, was Gefangenschaft eigentlich bedeutet, anhand eines Bildes von Brueghel. Er beschreibt, wie die zwei Affen keinen Blick aus dem Fenster werfen, sie sind blind für alles andere, außer der Beschränkung in der sie leben.

Ich muss, während ich seine Ausführungen lese, daran denken, wie Herrndorf sich aus dem Gefängnis seiner Krankheit herausgeschrieben hat, wie er dieser Enge, die sich über sein Leben stülpte, die Freiheit des Schreibens entgegen gesetzt hat; eines ganz und gar notwendigen Schreibens, das genau darum (aufgrund seiner Notwendigkeit) großartig ist, ergreifend und meisterhaft (nicht wegen des tragischen Schicksals. Nicht weil er jetzt tot ist, sondern weil er gelebt hat bis zuletzt. Was vermutlich nicht allzu viele von sich behaupten können.)

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11 Gedanken zu “Gefangenschaft

  1. Ich habe mich auch schon mal mit den 2 Affen beschäftigt, sehe sie dank Zagajewski und Deinem Beitrag wieder mit anderen Augen. Erschwerte Lebensbedingungen sind ja vor Lebensende zu erwarten und ob man dann so leben kann wie erwünscht bleibt fraglich. Es ist aber schon eine Art von Lebendigkeit, wenn die Fähigkeit, seine Gedanken zu formulieren, erhalten bleibt. Da kann man dann bei aller Schwere etwas froh sein.

    1. Ich glaube es gibt nicht viele Menschen, die das überhaupt aushalten, selbstbestimmt zu leben, wir verstecken uns doch alle mehr oder weniger hinter (angeblichen) äußeren Zwängen, die Familie, der Beruf, die Anforderungen der Gesellschaft, die Gesundheit usw. usf. Wir haben uns alle gut eingerichtet in unseren Gefängnissen und der Blick aus dem Fenster macht uns Angst, weil er uns klar macht, dass wir eigentlich frei sind, es ist unsere Entscheidung.

      1. Ja lauter, lauter Pflichten: ich muss jetzt erst mal…verkürzen die Zeit. Bindungen verstellen den Blick auf die eigene Person. Aber ich finde das nicht so schlimm, denke manchmal an meine Oma, die ihre Zeit und Energie für uns Kinder gegeben hat.
        Apropos Brueghel- ich werde das Gefühl nicht los, dass ich die 2 Affen in einem anderen Bild als Detail gesehen habe, aber mein alter Kopf kommt nicht drauf wo.

  2. Hab Dank für dieses Bild, das sich mir in die Seele brennt. Ja, Ich glaube Dich zu verstehen, was Du zu Herrndorf meinst. Ich weiß nicht, ob er ausgebrochen ist mit seinem Schreiben, aber er hat sich auch nicht abhalten lassen von Krankheit und Elend, er hat weitergeschrieben, er hat es sich nicht nehmen lassen, das zu tun, was er musste. Irgendwie kommt manchmal so eine Art Verdacht auf, daß er geschrieben hat, weil er sterben musste…er hat geschrieben, weil er schreiben musste und das täte er vermutlich auch, wenn er noch am Leben wäre. Viele liebe Grüsse

    1. Ich habe vorhin gerade Deinen ganz persönlichen Nachruf auf Herrndorf gelesen, den ich sehr berührend fand. Was die Möglichkeit des Ausbruchs durch das Schreiben betrifft, hat Tikerscherk das meiner Meinung nach sehr schön auf den Punkt gebracht, dass die Krankheit die Wände seines Gefängnisses war, die ihm sehr deutlich seine Grenzen gezeigt haben. Und das Großartige für mich besteht darin, dass er diesen Grenzen, die so massiv und unüberbrückbar waren trotzdem keine Macht (jedenfalls keine absolute Macht) über sich zugestanden hat, dass er aufbegehrt und gekämpft hat. Das klingt so pathetisch und gespreizt, aber vielleicht verstehst du trotzdem, was ich meine.

  3. Das Bild, bzw. seine Deutung geht mir sehr nah, obwohl ich mir einbilde oder vielleicht sogar wünsche, dass der rechte Affe im Bild nach draußen auf das Wasser und die dahingleitenden Segelschiffe blickt.
    Andererseits bin ich nicht sicher, ob das nicht noch trauriger wäre. Eine unerfüllbare Sehnsucht, die die Ketten, an die das Tier gebunden ist, noch spürbarer werden lässt.

    Was Du über Herrndorf schreibst, finde ich in diesem Zusammenhang sehr interessant.
    Herrndorf musste weiter schreiben. Gegen die Enge, die die Krankheit und der nahende Tod über sein Leben stülpten.
    Der Blick nach außen und nach früher allerdings zeigte ihm auch seine Grenzen.
    Er war also frei im Schreiben, aber nicht mehr frei in Gedanken.
    Beim Lesen seines Blogs, war ich immer wieder erschüttert, wieviel Raum die Krankheit einnahm. Meist schien es nur noch darum zu gehen, dass er bald sterben muss (was ich verstehen kann).
    Seine Gedanken kreisten um diese schreckliche Tatsache und wurden ihm zu Gefängnis, so schien es.
    Dass er es aber gleichzeitig geschafft hat in dieser Zeit noch „Bilder deiner großen Liebe“ zu schreiben, finde ich absolut erstaunlich und bewundernswert. Da zeigt sich für mich, wie frei das Schreiben ihn eben doch gedanklich machte, und wie meisterhaft er es bis zum Schluß drauf hatte.

    1. Ich hatte genau den Gedanken, den Du bezüglich des rechten Affen beschreibst. Also, dass er nach draußen schaut, aber ich glaube, er sieht tatsächlich zu Boden, nicht nach draußen und das ist ein noch schlimmeres Bild, ein Bild einer noch größeren Gefangenschaft, weil er sich nicht einmal mehr die Sehnsucht erlaubt, das Träumen, und – natürlich damit verbunden – den Schmerz, dass diese Sehnsucht nicht erfüllbar ist. Da sehe ich den großen Unterschied zu Herrndorf, er hat sich dem Schmerz ausgeliefert, in seinem Tagebuch schrieb er ja oft genug, dass es nur „Arbeit und Struktur“ waren, die ihn überhaupt mit dieser Krankheit leben ließen, die ihm halfen, nicht aufzugeben, weiterzumachen, so lange es ging, und dass er das entscheiden wollte (was er dann ja auch getan hat). Du hast das sehr gut beschrieben, dass die Krankheit sein Gefängnis war, mit ganz massiven Mauern, die sich absolut nicht verschieben ließen, aber er hat das ausgehalten, trotzdem aus dem Fenster zu sehen. Ich weiß gar nicht, ob so etwas dann eine bewusste eigene Entscheidung ist, oder einfach nur so sehr Notwendigkeit, dass es passiert (und bei anderen eben nicht passiert). Vielleicht kommt alle große Literatur aus diesem Widerspruch, diesem Zwiespalt zwischen Gefangenschaft und dem Trotzdem des Ausdrucks, aus dem Mut gegen das Unabänderliche aufzubegehren, auch wenn es nicht verändert werden kann. Bilder deiner großen Liebe ist der Ausdruck einer großen Liebe, zum Leben, zur Freiheit, zur Selbstbestimmung. Deswegen ist gut, dass Herrndorf uns das Fragment hinterlassen hat, trotz all seiner Bedenken. Das Buch ist der Blick aus dem Fenster, den sich so viele von uns verbieten.

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