Tadeusz Dabrowski

Im anderen Zimmer liegt Vater, liest vor dem Schlafen.

Er hat mir immer gegeben, was ich brauchte.

Ich glaube, ich bin gut zu ihm.

 

Wir liegen in benachbarten Zimmern, Stille, man hört das Wasser

in den Heizkörpern murmeln. Die Zeit vergeht. Was sonst

kann ich tun, ihn endlos umarmen, immer wieder sagen:

 

Ich liebe dich? Ich finde nicht. Also liege ich da und denke

an sein altes Herz und die abnehmende Zahl

der ihm zugedachten Schläge. So viel Liebe, und keine Ahnung

 

wohin damit.

[aus: Die Bäume spielen Wald – Lyrik Kabinett]

3 Gedanken zu “Tadeusz Dabrowski

  1. Ein hübsches Gedicht, gefällt mir gut. Sehr klangvoll. Der Autor ist wohl Pole? Schade, dass ich es (mal wieder) nicht im Original lesen kann.
    Ich lese den Text so, dass der Vater ein Pflegefall geworden ist, und der Sohn/die Tochter nun seine Gefühle ihm gegenüber zu ordnen versucht („ich glaube, ich bin gut zu ihm“). Was mich jetzt aber sehr verwirrt, ist, dass das lyrIch sich einerseits nicht traut, diese Liebe auch zuzugeben und zu artikulieren („ihn endlos umarmen, immer wieder sagen, ich liebe dich“), auf der anderen Seite aber beteuert, diese Liebe zu haben („so viel Liebe, und keine Ahnung wohin damit“).
    Es gibt vielleicht zwei Erklärungen – Nr. 1: Das lyrIch traut sich aufgrund irgendwelcher zweifelhafter gesellschaftlicher Konventionen nicht, die Liebe zu den eigenen Eltern zu artikulieren. Nr. 2 (liegt mir eigentlich näher): Das lyrIch spielt sich selbst etwas vor und kann eigentlich kaum erwarten, dass der Vater von dieser Welt geht.
    Mit Nr. 2 im Hinterkopf fallen mir noch zwei mehr Dinge auf, die dazu gut passen würden: „die abnehmende Zahl der ihm zugedachten Schläge“ – Vielleicht ist eine Pflegekraft da, die den Vater nicht gut behandelt, sondern ihn sogar schlägt (vordergründig geht es natürlich um Herzschläge). Das lyrIch kriegt das mit, tut aber nichts dagegen. „Er hat mir immer gegeben, was ich brauchte“ – Vielleicht ist mit der Vergangenheit des lyrIch noch viel mehr im Busch, was wir hier nicht erfahren, und es hat gar keinen Grund, den Vater zu lieben?

    So – mal abgesehen davon finde ich die dreizeiligen Strophen ziemlich reizvoll.

    Jetzt hast du mir fast Lust gemacht, diesen Band mal anzuschaffen. 😉

    Gruß

      1. naja. ich hab mir tatsächlich schon gestern abend ein gebrauchtes Exemplar auf Ebay gesucht – vielleicht hol ich mir das. 🙂 ich hab im Moment leider nicht das Budget, mir jedes Buch zu kaufen, auf das ich Lust bekomme. 😉

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