Poetische Quellen John Burnside und Michael Krüger in der Auferstehungskirche in Bad Oeynhausen

Vier Männer zwischen zwei riesigen Kerzen. Den Gekreuzigten im Rücken.

Eine Kirche ist vermutlich nicht der schlechteste Ort, um über das Licht zu sprechen. Vom „inneren Licht“ das von den Gedichten John Burnsides ausgeht z.B. Das dazu geführt hat, dass Michael Krüger den Dichter Burnside sofort erkannt hat, durch seine Gedichte und ihn verlegt hat, im Hanser Verlag, dessen Leiter er noch bis vor kurzem gewesen ist. Später am Abend wird Krüger sich ereifern, dass die reichen (sic) Verlage sich so ablehnend Gedichten gegenüber verhalten, dass Übersetzungen aus den europäischen Nachbarländern viel zu wenig gefördert werden und, vielleicht um diesen Verlagen Mut zu machen, hinzufügen, dass Burnsides Gedichtband „Versuch über das Licht“ bereits in der dritten Auflage vorliegt.

Eigentlich erstaunlich, dass Krüger und Burnside miteinander korrespondieren, denke ich, nachdem ich gehört habe, wie unterschiedlich ihre Herangehensweise an Gedichte ist. An das Schreiben der Gedichte und vielleicht auch an den Glauben, was ein Gedicht ist und kann. Woher es kommt.

Während Burnside vom Reptilienhirn spricht, von prähistorischem Urschleim, aus Ursprungsort des Gedichtes und das Entstehen eines Gedichtes mit einem Unterwasserschwimmer illustriert, der nur selten und kurz auftaucht, um Luft zu holen, definiert Krüger das Gedicht als die letzte Form, die auf Vollkommenheit aus ist. „Jeder von uns ist eine kleine Familie“, zitiert Krüger Novalis, um für sein Verständnis vom Gedicht, den Schluss zu ziehen, dass der Dichter die Entscheidung für eines der Familienmitglieder trifft, um diesen dann zur Vollendung zu verhelfen. (ein gänzlich anderer Ansatz also, als Fernando Pessoa, der ja bekanntlich schrieb:

“Ich bin eine Anthologie.

Schreib in solcher Vielfalt,

Daß niemand, sei der Gedichte Wert

Groß oder gering, sagen wird,

Daß als Dichter ich nur einer bin.

So muß es sein – jedermann
Kann einer sein, weil er einer ist.
Ein Dichter muß mehr
Als einer sein, um einer sein zu können.“

Krüger las Burnsides Gedichte in der deutschen Übersetzung von Ian Galbraith, anschließend las Burnside seine Gedichte selbst im Original, zwei Versionen eines Gedichtes, die mindestens ebenso viel mit der unterschiedlichen Auffassung vom Gedicht zu tun hatten, wie mit der Sprache.

Burnside, der momentan ein Jahr lang in Berlin lebt, empfindet ohnehin eine große sprachliche Nähe zwischen dem schottischen Dialekt, mit dem er aufgewachsen ist, und dem Deutschen.

An dieser Stelle muss unbedingt Bernhard Robben erwähnt werden, der das Gespräch zwischen Jürgen Keimer und John Burnside dolmetschte, und von dem Burnside selbst sagt: „The writer´s life offers many disappointments [ask Samuel Beckett], a few real pleasures and one or two distinct privileges. Chief among the latter, for me, ist being translated by Bernard Robben, whose wisdom, integrity and astonishing linguistic gifts have rendered my work into a sublime German that all too frequently has readers queuing up, not to ask the usual questions, [where do you get your ideas? What is your next project?] but to demand, Who ist your translator? – a question that, ninety-nine times out of a hundred is followed by the rhetorical: I hope you realise how good he is! I do – and I am forever grateful, blessed and, yes, privileged to count him as both a friend and a colleague.”

Später las Krüger auch aus seinem eigenen Gedichtband „Umstellung der Zeit“, und wieder wird deutlich, wie unterschiedlich die beiden Männer die Welt und vielleicht nicht die Rolle, aber die Herkunft des Gedichtes in dieser sehen.

Burnsides Gedichte sind ganz erdnah, beschreiben Momente der Epiphanie in oberflächlich alltäglich erscheinenden Situationen, während Krügers Gedichte immer einige Meter über dem Boden schweben und dem Kopf sehr viel näher sind, als dem Unterwasserschwimmer.