Zwischen Begreifen und Beschränkung – Die Zukunft der Literatur

Anlässlich ihres 50jährigen Bestehens fragte die Literaturzeitschrift Text und Kritik nach der Zukunft der Literatur.

Gerhard Falkners Antwort ist eine Warnung.

Eine Warnung vor dem Primat der ökonomischen Verwertbarkeit.
Wie soll sich etwas entfalten, fragt er, das von vornherein „nützlich“, wirtschaftlich sein muss?
Derartige Bedingungen begünstigen eine „Literaturimitation“, d.h. es wird Literatur hergestellt, die sich eignet, Anträge zu stellen, alle und alles bleibt tunlichst an der Oberfläche, denn „sie wollen nicht wissen, was sie tun.“
Um dieses Nicht wissen wollen geht es im Kern. Als Folge einer verkümmernden Literaturproduktion und als etwas, das mit dieser Art von Literatur und deren Verbreitung einhergeht.
Literatur wird in erster Linie als Kommunikation betrieben, als Tauschware gegen Aufmerksamkeit und vor allem Zugehörigkeit in einem wirtschaftlich funktionierenden Betrieb. Naturgemäß passt der „innere Monolog“, der „bis vor zwei oder drei Jahrzehnten die Energiequelle der Literatur schlechthin“ war, nicht länger in so ein Konzept.
„Das Internet“, schreibt Falkner, „stellvertretend für das ganze gigantische Mediengebilde, ist die Zeit, die der Literatur verloren gegangen ist.“
Es leuchtet ein, dass in dieser Atmosphäre kein Platz ist für die „Wiedererfindung des Selbst in einem Zeit-Raum, der in aller Absicht nicht der Effektnützlichkeit von Geld-, Sozial- oder Muskelwerten dient“ (Ulrike Draesner im selben Band).
Reflektion findet kaum mehr statt. „Das Spiel mit dem eigenen verebbt“ (Falkner). Die „Kommunikationsnarkose“ lässt den inneren Monolog langsam aber sicher absterben.

Unterstützt wird dieser Prozess von der Literaturkritik, die ebenfalls Marktzwängen unterliegt. Feuilletons werden kaputt gespart und verkommen zu Werbeplattformen des marktkonformen Literaturbetriebs. Nicht zuletzt weil Zeit und Geld fehlt, um anspruchsvolle Literatur angemessen besprechen zu können. „Jeder Kritiker muss komplexe Literatur quasi auf „eigene Kosten“ besprechen, und die Kluft zwischen Aufwand und Ertrag wird immer unsinniger.“

„Literatur schenkt uns Zeit, unser eigenes Leben zu begreifen“, schreibt Ulrike Draesner, und die Zukunft der Literatur wird entscheidend davon abhängen, für welche Werte wir uns einsetzen, bzw. wer vor lauter Wirtschaftszwängen und Funktionieren noch den Mut findet, das eigene Leben und die eigene Beschränktheit zu begreifen.

23 Gedanken zu “Zwischen Begreifen und Beschränkung – Die Zukunft der Literatur

  1. Irgendwie auch nur Parolen, oder? So ein Satz wie „Das Internet, stellvertretend für das ganze gigantische Mediengebilde, ist die Zeit, die der Literatur verloren gegangen ist“ mag ja auf Applaus stossen, kommt mir aber arg kultur-larmoyant daher.Steht das wirklich so dort?

    1. Zu der Frage: Ja, es ist wortgetreu zitiert. Und wenn Sie es kulturpessimistisch verstehen, dürfte das durchaus im Sinne Falkners sein. Man sieht es doch auch in dieser Diskussion wieder, kaum jemand gibt sich die Mühe, sich mit dieser These auseinander zu setzen, vielmehr werden eigene Statements verfasst. Ich will das gar nicht bewerten, nur feststellen, dass Literatur lesen so eben nicht funktioniert, da setze ich mich nicht hin und formuliere gleich einen Widerspruch, da lasse ich es vielmehr zu, dass etwas angestoßen wird in mir und bestenfalls lasse ich zu, dass es sich entwickelt.

      1. Mit der These vermag ich mich nicht auseinanderzusetzen, weil ich vermute, dass sie sich nicht in einem Satz erschöpft. Andernfalls wäre sie reichlich banal.

        Ich wehre mich dagegen, dass Leute wissen wie Literatur lesen „funktioniert“ bzw. zu funktionieren hat. Das gilt sowohl für die Adepten der angeblichen digitalen Revolution als auch für die Kulturpessimisten.

        Brennend würde mich interessieren, warum „Reflektion“ nicht mehr stattfinden soll und was der bedeutungsträchtige Satz „Das Spiel mit dem eigenen verebbt“ bedeuten soll.

  2. erst gestern dachte ich, dass all die Spiegel-Bestseller doch eine wahrlich nette Literatur sind, sie kommt gefügig und unterhaltsam daher, unterhalten soll sie wohl auch, aber mir fehlt da eindeutig oft die Literatur an sich …
    der grosse Markt schluckt grossartige Worte und will sie erst gar nicht haben …

    1. Ich glaube es ist wirklich die Frage, ob Literatur so etwas wie Markt verträgt, bzw. das ist nicht einmal die Frage, es ist wohl ziemlich unbestritten, dass Literatur eben nicht marktmäßig funktioniert, daher ist Förderung ja gut und legitim, es ist nur bedenklich, wenn die ganze Förderungsmaschine nach den selben Kriterien funktioniert wie der Markt selbst.

  3. dann schauen sie halt nicht zum markt, schauen sie sich zum beispiel das programm des leipziger literaturverlages an, oder die edition korrespondenzen, oder afrika wunderorn, lesen sie das neue buch von antunes, lesen sie gedichte von paz, es ist alles noch da und was der markt macht, kann einen sehr egal sein

    1. Darum geht es doch gar nicht, es geht nicht darum, dass es zweifellos immer wieder Menschen gibt, die gute Literatur schreiben, andere, die den Mut haben, sie zu verlegen und sogar solche, die sich die Mühe machen, sie angemessen zu besprechen, es geht lediglich darum, dass es diesen Menschen immer schwerer gemacht wird, das mag nicht neu sein, erwähnenswert ist es allemal.

      1. Seine Meinung kann heute jeder überall kundtun, insofern haben Sie recht. Es ist so leicht wie nie. Andererseits hat es Zeiten gegeben, da konnten Literaturkritiker halbwegs existieren von ihrem Beruf, und konnten es sich sogar leisten ihre Rolle als Vermittler zwischen Literatur und Leserschaft ernst zu nehmen. Das ist vorbei. Jetzt gibt es Kundenrezensionen auf amazon und solche Sachen wie lovelybooks. Vermittlung findet kaum noch statt, wenn, dann auf eigene Kosten in den, das will ich ja keinesfalls abstreiten, durchaus vorhandenen sehr guten Blogs und den Literaturzeitschriften, die es Jahr für Jahr schaffen trotz allem zu überleben.

      2. Amazon- und LovelyBooks-Schreiber sind doch keine Konkurrenz zur Literaturkritik. Diese hat sich schon selber seit Jahrzehnten kannibalisiert, indem sie auf Reichweite geschielt hat statt auf Niveau. Inzwischen sind es bessere Schulaufsätze geworden, die Inhaltsangaben verfassen und Biographismen zwischen Autor und Text ausfindig machen. Dabei müssen sie auch noch aufpassen, keine Anzeigenkunden zu verprellen und die „richtige“ Gesinnung verbreiten. Das Ergebnis langweilt fast nur noch.

        Die „Vermittlung“ der Kritik zwischen Literatur und Leser ist ja durchaus ein zweischneidiges Schwert. Es wird dahingehend immer noch bedient, wenn es um Skandalisierungen geht. Die werden entweder erzeugt oder begleitet. Ansonsten sehe ich nicht recht ein, was „vermittelt“ werden soll.

  4. All das ist lange bekannt. Aber es gibt neben dem Marktbetrieb immer noch genügend durchaus gute Bücher. Nicht so sehr die Autorinnen und die Autoren oder die Feuilletons sind das Problem, sondern die Leserinnen und Leser. Wer ist noch fähig, Texte wie Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ oder Joyces „Ulysses“ kompetent zu lesen? Wer wagt sich noch an Alban Nikolai Herbsts Anderswelt-Trilogie heran? Wer an Handkes „Mein Jahr in der Niemandsbucht“? Den meisten geht nach einigen Seiten der Atem aus, weil das Lesen von komplexen Texten, die mal nicht der eigenen Gefühlsseligkeit entgegenkommen und in denen die Leserin und der Leser sich nicht unmittelbar wiederfindet, eine Kulturleistung ist, die mit Abstraktion und mit einer bestimmten Form von wilder Phantasie zu schaffen hat. Der Markt samt Feuilleton bedient nur und macht das, was das Publikum will. Manchmal freilich hilft er ein wenig nach – man denke an das deutsche Fräuleinwunder in der Literatur der 90er Jahre. Sie muß nicht schreiben können, aber hübsch muß sie sein. (Erinnert mich ein wenig an einen Song von Georg Kreisler: „Sie ist ein herrliches Weib“)

    Die Literatur, die Falkner und andere meinen, ist und war sowieso eine Sache für Minderheiten. Es wird sie weiter geben. Ob aber jede Schriftstellerin, jeder Schriftsteller davon wird leben können, bleibt eine andere Sache. Wer aber Romane oder überhaupt gute Texte schreiben will, der wird sie schreiben – und sei es auch nach der lästigen Erwerbsarbeit. Das erfordert allerdings ein wenig Fleiß und Disziplin.

    Was das Internet betrifft, so ist das eine andere Sache. Wer den ganzen Tag über bei Twitter oder Facebook et al. verbringt, der wird vermutlich kaum noch zum Lesen von Büchern kommen, weil beständig das Smartphone abgecheckt werden muß. Von komplexeren Texten, die über 140 Zeichen hinausgehen, mal ganz abgesehen. 800 Seiten Text benötigen nun einmal eine gewisse Lesezeit. Aber auch das ist nur die halbe Wahrheit. Technik ist dazu da, daß man sie sinnvoll einsetzt. Das Internet und Twitter sind so gut oder so schlecht wie ihre Benutzerinnen und Benutzer.

    1. Man könnte gewiss eine lange Liste von Schriftstellern erstellen, die zu Lebzeiten von ihren Werken nicht leben konnten; Proust, Joyce, Kafka, Pessoa, usw. Als Existenzsicherung taugte das Schreiben nur in den seltensten Fällen. Bestsellerlisten waren nie Garanten für Qualität. Und zu Goethes Zeiten war Kotzebue der meistgespielte Dramatiker – wer kennt den heute noch? Immer klaffte eine Differenz zwischen Qualität und Quantität.

      Werke wie der „Ulysses“ oder auch Handkes „Niemandsbucht“ wären zu allen Zeiten Minderheitenliteratur gewesen. Ich glaube nicht, dass Twitter oder Facebook die Lektüre hemmen. Wer dauernd Fastfood konsumiert, wird das Gourmetessen nicht vermissen. Umgekehrt bieten mir die sozialen Netzwerke gelegentlich eine gewisse Erdung.

      Ich wehre mich gegen die Gleichung „Internet = Zurückdrängung von Kultur“. Und wer vor dem „Primat der ökonomischen Verwertbarkeit“ warnt, darf dann auch den Berufsschriftsteller nicht als Normalität ausgeben. Insofern sind die Klagen m. E. unproduktiv und dienen, wenn überhaupt, der Vergewisserung der Bataillone der Zustimmung. Man sitzt dann zusammen und klopft sich auf die Schulter. Dabei frage ich mich, was die Autoren für Geschichten hätten erzählen können, wenn sie nicht mit dem Schreiben von Kulturkritik beschäftigt gewesen wären.

  5. Ein paar lose Gedanken dazu:

    Neugierig bleiben, ins Innere wie ins Äußere gerichtet; mit Sprache spielen oder um sie ringen; Lust haben auf Erweiterung, dazu gehören für mich sowohl Selbsterprobung als auch Erprobung neuer Mittel und Möglichkeiten;

    Nicht die Länge eines Textes ist das entscheidende Gütemerkmal, es gibt auch alte Aphoristiker, die zu lesen sich lohnt, Heraklit z.B. oder – nicht ganz so alt und einer meiner Lieblinge: Stanislaw Jerzy Lec, es gibt allerdings auch Tweets, die sind richtig gute Aphorismen; (es gibt auch Tweets, die machen einfach Spaß, nichts daran ist verwerflich. und es gibt auch andere, ja, na und?);

    Das Schreiben im Internet ist Schreiben auf einer Bühne, es löst nicht per se den inneren Monolog ab, es kann ihn im Gegenteil befruchten, dafür sind gar keine Reaktionen nötig, allein schon das Wissen um die Augen rundherum setzt anderes, Neues frei, das es so vorher nicht gab, das man von sich selbst so nicht kannte, was soll daran schlecht sein?;

    Mir gefällt, was Gregor Keuschnig sagt, weil es in Richtung einer größeren Freiheit geht. Eine Erlaubnis, mit den neuen Möglichkeiten zu spielen, sie als Erweiterung, nicht als Konkurrenz des „Alten“ zu sehen (womit ich wieder beim Anfang meines Kommentars bin);

    1. Du hast Recht. Vermutlich sogar in allen Punkten, die Du ansprichst, allerdings lese ich diese Punkte nicht als Widerspruch zu der Tatsache, dass das Internet der Ort ist, der der Literatur die Zeit nimmt. Erstens entsteht eine andere Art von Literatur im Internet, die interessant ist, andererseits greift aber auch der Markt in große Teile des Netzes. Es findet Verdrängung statt, was natürlich nicht bedeutet, dass es keine Nischen gibt. Ich bin aber nach wie vor der Meinung, dass es einen großen Unterschied macht, ob ich im Netz lese, oder ob ich ein Buch lese. Ich vermute, Du, wie auch ich, praktizierst das parallel, aber was ist mit denen, die nur noch im Netz lesen. Ich glaube, das wirkt sich aus, auch auf den inneren Monolog, den kann man zwar auch auf eine Bühne bringen, damit ändert er aber sein Wesen.

  6. Natürlich ist nicht die Länge, sondern die Qualität des Textes entscheidend. Auch auf Twitter lassen sich Aphorismen zaubern oder wenigstens schreiben. Deshalb mein Satz, daß es auf die Benutzer der Medien ankommt. Das Medium selber verhält sich da relativ neutral, wenngleich diese Medien durchaus unser Verständnis von Welt sowie unsere Wahrnehmung prägen und neu strukturieren. Mittelalterliche Mönche über Papierrollen, die Texte kopierten, haben diese Werke sicherlich anders gelesen und damit auch Welt anders wahrgenommen als heutige E-Book-Leser. Das pauschale Medienbashing gegen Internet, Twitter und Facebook ist ebenso absurd wie die Flussersche Glorifizierung des Computerzeitalters: Weder messianische Verzückungen noch anschwellender Bocksgesang über die Verwerfungen der Moderne sind da der richtige Weg, sondern es geht um eine mit Bewußtsein und Kritik angereicherte Nutzung dieser Medien.

    Das, was Falkner schreibt, ist nicht besonders originell. Seine These bleibt in der bloßen Kulturkritik stehen. Aber in einer kapitalistisch organisierten Gesellschaft hat nun einmal der Markt die Priorität. Ich wundere mich immer wieder darüber, daß sich Menschen darüber wundern und sie dieses Faktum der Marktherrschaft insbesondere bei der Kunst so sehr in Erstaunen versetzt, während es ihnen ansonsten und im übrigen vollkommen egal ist. Kunst als hehrer Bereich reinen Seins ist eine schöne Illusion. Falkners These, so wie ich sie hier lese, wohnt ein hohes Maß an Naivität inne.

    Schwer war es schon immer, gute Literatur zu schreiben. Das liegt aber nicht am Markt, sondern weil Schreiben guter Texte meist Arbeit macht. In den Zeiten zahlreicher Verlage wird es den Menschen übrigens nicht schwerer, sondern leichter gemacht. Jeder hat prinzipiell die Möglichkeit, Bücher zu schreiben und auch zu veröffentlichen. Auch gute. Aber es gelangt eben nicht jede/r zu den Futtertrögen und kann davon leben. Das Klagen darüber scheint mir ein Jammern auf sehr hohem Niveau. Und in den einschlägigen Blogs oder Literaturzeitschriften fällt sicherlich auch die eine oder die andere Besprechung ab. Richtig ist allerdings, daß die Literaturkritik der großen Feuilletons immer wieder die Bücher aus denselben Verlagen bespricht. Ulla Hahn gab Schriftstellerinnen und Schriftstellern einen guten Rat: Sich einen Erwerbsjob suchen und schreiben. Nicht jede/r wird von den Büchern leben können. Platz für gute und auch Ausgefallenes, das man als Erweiterung des Literaturbegriffs und sogar als avanciertes Kunstwerk wird bezeichnen wollen, wird es immer geben, solange geschrieben wird. Leider auch das Mittelmäßige bis Laue. Aber auch das gehört zur Literatur.

  7. Um all das geht es mir nicht. Und ich glaube auch Herrn Falkner geht es nicht darum. Es geht nicht darum, Schriftsteller zu alimentieren, auch nicht darum zu behaupten, früher sei alles besser gewesen. Es ist eine etwas zugespitzte Beschreibung des Status Quo und der Versuch die Gefahren zu benennen, die aus dem Zustand sich entwickeln können. Blogs, Literaturzeitschriften usw. sind Nischen, darunter gibt es ganz wunderbare Schätze, aber sie werden kaum wahrgenommen. Nur von Menschen, die sich längst für Literatur interessieren. Es geht um Wahrnehmung und dass hier ein Kreislauf besteht, der das Mittelmäßige nährt, auf dass es sich fortpflanzt und fortpflanzt.

    1. Es geht um Wahrnehmung, ja. Es geht auch um Beziehung. Um Literatur zu vermitteln, wirklich zu vermitteln, müsste ich ja im Prinzip beide Seiten kennen: Das literarische Werk und die Leserschaft, der ich es vermitteln will. Es sei denn, ich gehe davon aus, dass dieses Werk von solch immenser Bedeutung ist, dass es um jeden Preis in die Welt muss und prinzipiell jeden etwas angeht. Aber gibt es das? Die Idee davon bzw. den Glauben daran gibt es schon, ich empfinde ihn allerdings als arrogant und ignorant. Mir gefällt die Entthronung der Kritiker, die einhergeht mit einer Art Selbstermächtigung der Leser, die selbst und nach eigenen Kriterien auswählen und bewerten. Ob das dem Niveau schadet? Zunächst einmal ermöglicht es eine größere Teilhabe. Es ist ein berechtigter Widerstand gegen eine Form von selbsternannter Elite. Diese wiederum hat sich an diesem Widerstand zu prüfen und zu behaupten. Und ich glaube, sie wird sich im Einzelfall behaupten, da wo sie in der Sache berechtigt ist.

      Als Buchhändlerin sehe ich mich als Vermittlerin von Literatur. Da ich das Glück habe, in einer kleineren Buchhandlung zu arbeiten, kenne ich den Großteil der Kunden und ihre Neigungen. Wenn mich ein Buch überzeugt und begeistert, empfehle ich es natürlich gerne, möchte es nicht nur verkaufen, sondern auch teilen. Aber nicht jedes Buch passt zu jedem Leser. Auch ich lese nicht alles, was „gut“ ist, es interessiert mich nämlich nicht alles. Abgesehen davon, dass das Pensum sowieso nicht zu bewältigen ist. Und ich lese gerne querbeet. Anspruchsvolles, Experimentelles, Leichtes, Lyrik, Romane, Kurzgeschichten, Krimis. Ich habe einen gewissen Anspruch an Sprache und Thematik. Manchmal brauche ich etwas, an dem ich mir die Zähne ausbeißen kann, das mich herausfordert, woran ich wachse. Manchmal brauche ich etwas, bei dem ich laut und herzlich lachen kann. manchmal will ich weinen. Manchmal in Abgründe schauen. Manchmal will ich Spielerein, mit Sprache und Form. …

      Zu deiner Antwort auf meinen ersten Kommentar: Ich kenne persönlich niemandem, der nur noch im Netz liest (womit ich nicht bestreiten will, dass es dieses Phänomen gibt), ich kenne aber einige, die erst durchs Netz auf manches aufmerksam werden.
      Ich mag mündige Leserinnen, die sich ihre Literatur selbst aussuchen, die sich nicht um einen Kanon scheren.
      Trotzdem sehe und bedaure ich auch den Hype um manche Autoren und ihre Werke, Paulo Coelho z.B. ist für mich ein Scharlatan, ich ärgere mich über jedes einzelne Exemplar, das über die Ladentheke geht (weiß hier aber auch um meine Arroganz). Ebenso bedaure ich, dass manche Schätze ein Nischendasein fristen. Ich bedaure die Trägheit mancher Leserinnen und das Verharren in Lesegewohnheiten, die nichts Neues zulassen, verstehe aber auch und finde absolut berechtigt, wenn man Lektüre in erster Linie zum Abschalten und zur Unterhaltung sucht.

      Das wird hier viel zu lang, tut mir leid. Dennoch ist alles nur angeschnitten. Es ist schon so, dass mich dieses Thema auch nicht unberührt lässt, von einem etwas versetzten Standpunkt.

      1. Ich habe gerade nicht die Zeit, auf Deinen Kommentar einzugehen, aber so viel möchte ich schon sagen; er setzt einige Denkbewegungen in Gang und ist sicher nicht zu lang für ein derart komplexes Thema. Mein Beitrag, so sehe ich das inzwischen, ist längst nicht so durchdacht wie die meisten Kommentare, die dem Thema eher gerecht werden, wobei ich nicht sagen will, dass ich die vertretenen Meinungen teile. Gerade denke ich über die von Dir erwähnte Ignoranz und Arroganz nach, die der Literaturbetrieb ja schon immer an den Tag gelegt hat. Vielleicht brauchen wir das in Zeiten der medialen Überflutung mehr denn je. Ignoranz gegenüber denen, die das immer Gleiche wiederkäuen, das Komplexe verleugnen und ihm einfache Lösungen entgegensetzen. Die damit erfolgreich sind, weil wir alle uns gerne bestätigt sehen, weil es einfacher ist, sich einlullen zu lassen, als sich auseinander zu setzen, mit Sprache ebenso wie mit anderen Meinungen, Haltungen, Lebensweisen. Wie gesagt, ich denke darüber nach.

      2. Auch ich denke weiter darüber nach, liebe Mützenfalterin, gerade über den Punkt Arroganz, das beschäftigt mich, muss aber sicher wie alles differenziert betrachtet werden. Ich bin längst nicht mehr so zurückhaltend, dass ich jede Bewertung mit „ich finde“ einleite, sondern sage inzwischen häufig „das ist so und so“. Das mag arrogant wirken, ist es vielleicht auch in gewisser Weise, ich sehe es eher als gewachsenes Selbstbewusstsein. Dass ich z.B. ein Buch als schlecht geschrieben bezeichne und dies nicht relativiere, hat mit meiner Leseerfahrung zu tun, ich fühle mich berechtigt, so ein „Urteil“ auszusprechen. Als arrogant empfinde ich aber nach wie vor, die verschiedenen Gattungen von Literatur in eine Bedeutungshierarchie einzuordnen. Nur ich selbst kann beurteilen, was für mich von Bedeutung ist. Und wer sollte beurteilen können, was für die Welt von Bedeutung ist? Aber das sind Gedanken mit denen ich noch nicht fertig bin. Deshalb mag ich solche Anstöße, wie sie z.B. dein Blogartikel geben.

      3. Schön, dass wir weiter im Gespräch bleiben über dieses Thema. Das freut mich. Denn ich bin immer noch der Meinung, dass – vielleicht mehr denn je – eine gewisse Arroganz durchaus angeraten ist. Ich glaube wirklich, es ist von jeher für die Welt von Bedeutung gewesen, dass es Menschen gab, die sich eigene Gedanken machten und ich glaube auch, dass es diesen Unterschied bei der Literatur gibt, Bücher, die zu eigenen Gedanken anregen, sie ermutigen und andere, die das eben nicht tun. Was nicht heißt, dass es nicht völlig in Ordnung ist, sich einfach mal unterhalten zu lassen. Andererseits glaube ich ist das durchaus das Bedürfnis gefordert zu werden, und die Verlage und die meisten der Buchhandlungen, unterschätzen die Leute, ich glaube man könnte ihnen „schwerere“ Literatur zumuten, zum allerseitigen Nutzen. Eben habe ich einen schönen Artikel von Sybille Berg gefunden, der recht gut zu unserer Unterhaltung passt. Vielleicht hast du Lust ihn auch zu lesen: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-ueber-buchmarkt-und-literaturbetrieb-a-981535.html

      4. Danke für den Link zu Sybille Bergs Artikel, der passt wirklich gut, sie schreibt ja hin und wieder zu dieser Thematik. Ich merke auch, dass ich mich, obwohl ich Buchhändlerin bin, zu wenig mit dem Geschäft Literatur, mit dem ganzen Thema Markt beschäftige. Das ist wohl eine Art innere Verweigerung, kein Nichtwahrhabenwollen, sondern ein stilles Entgegensetzen meiner eigenen Sicht.

        Vielleicht wird irgendwann das Lesen wieder ganz abgelöst und wir sitzen ums Feuer und erzählen uns Geschichten …
        Die Zukunft ist nicht vorhersehbar, weil wir zwar statistische Berechnungen anstellen können, aber immer nur ausgehend von den heutigen Mitteln und Kontexten. Wer weiß, was es noch an technologischen Entwicklungen geben wird. Und die Befürchtungen, dass etwas revolutionär Neues das bewährte Alte verdrängen könnte, haben sich schon oft zerschlagen. Weder Radio noch Fernsehen hielten die Menschen vom Lesen ab. Aber die Befürchtungen waren groß, es gibt da einen uralten Artikel aus dem Börsenblatt, den ich leider auf Anhieb nicht finden kann. Bei Gelegenheit reiche ich ihn vielleicht nach.

        Was du zum Bedürfnis gefordert zu werden schreibst: Vielleicht bin ich da überempfindlich, aber ich sehe sehr schnell in allem, was ich glaube zumuten zu dürfen/zu müssen oder aber besser vorzuenthalten, eine Entmündigung meines Gegenübers. Denn um ein gleichgestelltes Gegenüber handelt es sich ja, dem ich etwas anzubieten habe, ja, aber mit einer Art innerer Bescheidenheit, denn ich weiß vielleicht viel über das Buch, das ich empfehle, aber in der Regel wenig bis nichts über mein Gegenüber. Also kann ich es zwar mit ehrlicher Überzeugung empfehlen, was ich auch tue, aber ich kann nicht behaupten, dass es (von diesem Kunden) gelesen werden muss. Ich scheue die Anmaßung, empfinde selbst jegliche Lese“befehle“ als Anmaßung, die haben dann entsprechend eher den gegenteiligen Effekt.

  8. @ Iris
    Leserinnen und Leser wählen schon lange nach eigenen Kriterien aus und lassen sich von keinem Kritiker ihre Lektüre vorschreiben. Deshalb waren Mario Simmel und Konsalik, deshalb sind E. L. James, Dan Brown und Simon Beckett Bestseller-Autoren. Allerdings existiert eine Vielzahl an Lesertypen. Vom strukturellen Leser bis zum Unterhaltungsleser. Das bringt die Pluralität so mit sich, darüber zu klagen ist eher müßig. Ich selber versuche, den ersten Lesertypus zu forcieren.

    Ich habe nichts gegen Eliten, wenn sich deren Kompetenz nicht auf die bloße Autorität und den Namen, sondern von der Sache, also von den Formen des Wissens bzw. der Kenntnis her gründet. Zu lesen vermag zwar jede/r, der es gelernt hat. Doch existieren durchaus qualitative Unterschiede im Lektüreverhalten. Kompetentes Lesen erfordert ein bestimmtes Wissen, das sich mit der Zunahme an Lektüre erweitert. Nur wer viel liest, kann auch viele Bezüge entdecken. Vor allem aber erfordert das Lesen, von den Identifikationsprozessen abzusehen und sich auf Fremdes einzulassen. Bereits in der Philosophie etwa, die nun – anders als die Belletristik – durchaus eine Disziplin für Spezialisten ist, beobachte ich bereits lange schon diese Verschlunzung des Lesens. Namen wie Hegel, Adorno, Derrida, Benjamin, Zizek oder Agamben dienen als Name-Droping oder man ist eher stolz darauf, deren Texte nicht gelesen zu haben; gleiches gibt es in der Literatur. Ach Proust, ach Thomas Mann, ach Arno Schmidt, das braucht doch heute keiner. Sozusagen ein negativer Bildungsdünkel, der sich breitmacht. Kein Kritiker kann hier Leseverhalten vorschreiben. Aber ein guter Kritiker kann der Übersetzer und Fährmann, der Zöllner eines Buches sein, oder auch der Schmuggler, der es als Konterbande unters Publikum bring. Hier wäre in der Tat das Feuilleton gefordert, auch unbekannte Autorinnen und Autoren zu besprechen. Das geschieht leider viel zu selten.

    Parfumketten, die auch Bücher verkaufen, gönne ich jede geschlossene Filiale übrigens von Herzen. Und ich hoffe, es kommen nun wieder die kleinen Buchhändler mit einem guten und ansprechenden Programm zum Zuge, Buchhandlungen, in denen nicht auf Stapeln und an den Wänden vierzig Mal dieselben Bücher stehen. Daß solche Ketten wie Thalia, die vorher systematisch kleine Buchhandlungen um die Ecke brachten, sich nun ausgerechnet über Amazon beklagen, entbehrt nicht einer gewissen Komik. In der Tat ist auch die Buchhändlerin, der Buchhändler ein Vermittler von Literatur, und da ist es dann an der Buchhandlung, Lesungen zu veranstalten und ein geschicktes Programm auszuwählen. Wie gesagt: in einer marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaft kann man sich nicht ganz dem Markt entziehen, aber man vermag durchaus Akzente zu setzen.

    @ Mützenfalterin
    Was heißt, das Mittelmäßige? Bücher wie die von Coetzee, von Petrowskaja, von Saša Stanišić, von Clemens Meyer, von Don DeLilo werden regelmäßig in den einschlägigen Blättern besprochen. Das Feuilleton der FAZ zählt immer noch zum besten, was es gibt. (Das der „Zeit“ leider nicht mehr oder nur noch bedingt.)

    Ich kann die Klage über den Verfall der Bildung nur bedingt nachvollziehen. Diesen beobachte ich, seit ich lese. Seit ich in der Schule bin. Und es scheint mir, daß bereits Generationen vor mir diesen Verfall konstatierten. Er hat für mich etwas Larmoyantes und Saturiertes, wenig konstruktiv. Wir sollten die neuen Medien in unserem Sinne nutzen. Richtig ist, daß es eine Netzkommunikation gibt, die sich rhizomartig diversifiziert hat, kleinteilig geworden ist. Das Modell der großen Zeitungen hat in einem bestimmten Sinne ausgedient, andere Wege sind gangbar. Überleben werden die kleinen Magazine, die sich sehr intensiv mit der Literatur beschäftigen, auch sogenanntes Abseitiges besprechen, und es wird für die breite Masse das „Feuilleton“ von „Spiegel“ und „Stern“ oder vom „Focus“ geben. Die, welche die Gedichte von Uljana Wolf oder von Daniela Danz lesen, bleiben weiterhin eine Minderheit. Sie waren es immer schon.

    Der kompetente Leser, die kompetente Leserin lassen sich nicht herbeiwünschen, sondern sie entstehen, indem beim Lesen Kompetenz und Phantasie sich ausbilden. Das erfordert einerseits gut geführte Buchhandlungen (und nicht Amazon!), in denen Perlen und Raritäten zum Blättern ausliegen. Das erfordert Schulen, die das Lesen zu einem Vergnügen und nicht zur Pflichtübung machen. Das Feuilleton ist in diesem Prozeß eher marginal. Und wer mal ein Germanistisches Seminar besucht hat, wird sehen, auf welchem Bodensatz die Literatur angelangt ist. Da nützt dann auch kein Feuilleton mehr. Die entsprechenden Redakteure kommen nämlich aus genau diesen Seminaren.

  9. mich beunruhigen ganz andere Sachen, z.B. daß die Indie-Verlage nun unbedingt auch eine Hotlist präsentieren müssen – 30 Titel, die die Aufmerksamkeit des Publikums fokussieren und aufsaugen werden. Es ist zwar nachvollziehbar, dem Mainstream (wobei in den Großverlagen auch nicht nur solcher produziert und bedient wird) etwas entgegensetzen zu wollen, aber indem man diese Art Aufmerksamkeitsökonomie bedient, macht sich die Indi-Szene auch ein wenig überflüssig oder läuft zumindest Gefahr, sich ad absurdum zu führen …

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