Wasserwesen

 

Meer - Wasserwesen - Isla volante
Meer – Wasserwesen – Isla volante

Ein Mann aus Lehm, der alles wusste, bis der Wind ihm einen Namen gab und er anfing zu vergessen. Und Franz hieß oder Walter und sich nur noch an das erinnerte, was geschrieben stand. Was erzählt wurde. Immer wieder, dieser seltsamen Singsang der Stimmen.

Was der Wind erzählte und die Jahreszeiten, die Felder und die Wolken, verstand er längst nicht mehr. Nur manchmal am Meer, wenn die Wellen wütend ans Ufer schlugen und salzige Körner auf seinen Lippen zurückließen, saß etwas in seinem Kopf, das lachend Steine und Muscheln warf, die sich weder hinunterschlucken noch ausspucken ließen.

Seine Tränen sammelte er in einer Konservenbüchse. Eines Tages würde er sie den Mädchen zeigen.

 

Schließ die Fenster, hatte sie gesagt, es wird ein Unwetter geben. Er hatte nicht aufgesehen und nichts gefragt. Kein Schulterzucken und die Nacht war längst hereingebrochen, die Kinder schliefen. Ihre Kinder.

Seine Kinder. Tags zuvor waren die Reste der Schwimmhäute abgefallen. Das war das letzte Zeichen.

 

Das Schlimmste war ihre Haut, die immer dunkler wurde, jeden Tag, an dem er die Frage nicht stellte. Schlimmer als der Tang und die Algen. Als der Geruch des Meeres, der den Poren entströmte, die grün schimmernde Kopfhaut unter den Haaren. Ihre Konturen verliefen, aber jede Nacht kreuzte sie seine Arme über der Brust.

 

Wie lächerlich, sagten die Mädchen, die längst keine Kinder mehr waren, als sie seine Tränen in der Dose sahen, ein durchsichtiges Gewässer über rostig rotem Grund.

Sie brauchte kein Wasser mehr, behaupteten sie, ihr waren längst Füße gewachsen.

 

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10 Gedanken zu “Wasserwesen

  1. das Leben kam aus dem Wasser und vielleicht leigt ja hier die grosse Sehnsucht der Menschen nach dem Meer- ja, längst haben wir unsere Schwimmhäute verloren, aber noch immer bemühen wir uns frei zu schwimmen-

    ein feiner und melancholischer Text!

    herzlichst Ulli

  2. Was für ein wunderbarer Text! Immer schon hatte ich so eine sehnende Zärtlichkeit für die wilden Undinen, in Menschennetzen verfangen…Du hast meine Seele berührt. Hab Dank! Margarete

  3. Manchmal schreibst du so, dass es mich an meine Wahrnehmung erinnert, wenn ich einmal „dissoziiere“ (manchmal kommt das vor, immer seltener leider oder Gott sei Dank). Wenn sich ein wenig die Grenzen von Ich und Welt auflösen, so wie wir wahrnahmen, als wir noch Säuglinge waren … Da ist eine Kälte in diesem Text, eine, die sich anfühlt wie nass-kühler Schweiß auf der Haut, die man einfachso hinnimmt, weil sie nichts Halbes und nichts Ganzes ist – die aus einer Sehnsucht stammen könnte, die ganz bewusst von niemandem erfüllt werden kann (und vielleicht soll); und einen Unterschied macht es eh nicht, egal wie, man lebt ja doch noch weiter vor sich hin …

    1. Was den Text und Deinen Kommentar darauf angeht, schreib ich Dir die Tage eine Mail. jetzt und hier stattdessen Danke für das Veröffentlichen dieser Abirede heute auf Deinem Blog.

  4. diese zeilen habe ich nun einige male mit staunen und hochgezogenen augenbrauen gelesen. so wundervoll und rätselhaft.
    ich druck das jetzt aus und hänge mir das an die wand!

    1. Wow, was für ein Kompliment. Besonders weil Sie ja besonders bemerkenswert aussehen, mit hochgezogenen Augenbrauen ;-). Ich überprüfe dann demnächst mal, wo das Textwerk hängt… 😉

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