Über den Tod

Ein guter Tod

 

Was soll das sein?

Im Mittelalter hatte man eine Vorstellung davon. Sterbebüchlein sollten helfen, sich auf einen „guten Tod“ vorzubereiten. Dieses Ideal zu erreichen.

Nachdem ich mein Studium abgeschlossen hatte, rief mich einer der Professoren, die meine Diplomarbeit betreut und begutachtet hatten an, um zu fragen, ob ich in seinem Seminar eine Stunde übernehmen wollte. Ich sollte über die gewandelten Vorstellungen von einem guten Tod sprechen.

Ich fragte die Studenten, was für einen Tod sie sich wünschten.

Dreißig Augenpaare, die mich verständnislos ansahen. Keiner hatte jemals über eine in ihren Augen offensichtlich absurde Frage nachgedacht.

Das ist jetzt über zehn Jahre her. Hat sich etwas geändert?

Würde ich heute Antworten bekommen?

Ich hatte damit gerechnet, dass man mir antworten würde: Ich möchte einfach einschlafen und nicht mehr aufwachen.

Das, hatte ich gedacht, ist das Ideal der Gegenwart.

 

 

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34 Gedanken zu “Über den Tod

  1. doch kommt der TOD….unverhofft und unerwartet…da läßt sich in keinster WEISE was darauf vorzubereiten……hab einen guten TAG…HERZlichst ANDREA:))

    1. Miriam benennt das alles ja sehr gut in ihrem Kommentar. Ich hoffe auch, dass es diesen Zirkel gibt, dass ein gelungenes Leben (gefüllte Gefäße) am Ende den Abschied und das Sterben „leicht“ machen. Und wir somit vielleicht tatsächlich sogar diesen letzten Schritt ein Stück weit selbst bestimmen können.

    1. Deine Antwort erinnert mich sehr an eine eindringliche Geschichte, die ich letztens bei Candy Bukowski lesen durfte, sie schrieb dort, dass jemand, der schon viele Menschen sterben gesehen hat, sagte: Wer wütend ist, kann noch nicht sterben. Das klingt bis heute bei mir nach.

      1. Wütend ist nicht das richtige Wort… ich war nicht wütend, ich bin ergeizig und gebe mich nie damit zufrieden, das etwas nicht gehen soll …. ich überlege dann immer, welche Wege es gibt, es doch zu schaffen……

  2. Die Frage nach einem guten Tod ist den meisten wahrscheinlich genauso fremd, wie die Frage nach einem guten Leben.
    Im besten Falle wissen wir, was wir (haben) wollen, aber was es ausmacht, ein gutes Leben, welches Bewusstsein wir entwickeln können für ein gutes Leben?
    Die Ratlosigkeit der Masse nimmt zu.
    Sterben ist heutzutage der größte Fehler; etwas, das eigentlich nicht passieren dürfte und gehört nicht mehr als eine Einheit dem Leben an.

    Und egal, was wir antworten, wie wir ihn uns wünschen/vorstellen, es sind alles nur Konstrukte. Ob nun ein heldenhafter, gewaltsamer Tod für eine höhere Sache oder der Wunsch, einfach einzuschlafen, denn der Tod ist auch kein Schlaf (das, was uns an dem Gedanken tröstlich erscheint ist ja, dass wir keine Schmerzen haben und es selbst nicht mehr mitbekommen, was ich bezweifle, denn der Tod wird uns, vermute ich, bis tief in den Schlaf erfassen).

    Die Frage nach einem guten Leben enthält (die Antwort für) einen guten Tod. Und ich glaube, dass es die Möglichkeit auf ein gutes Leben gibt und einen guten Tod.

    Durch das Ablegen aller möglichen Konstrukte (gesellschaftliche, anerzogene oder individuelle Ich-Vorstellungen) und Aufgeben der Widerstände, nähern wir uns dem Leben und dem Tod, verlieren unsere Angst vor ihnen. ❤

    1. Das wäre schön gewesen, wenn jemand wie du in diesem Seminar gewesen wäre. Was hätten wir für eine fruchtbare Diskussion führen können. Ich danke Dir sehr für Deine Worte. Besonders für diesen Satz: „Sterben ist heutzutage der größte Fehler…“ Das bringt es für mich sehr gut auf den Punkt, denn eigentlich ist das Sprechen über den Tod kein Tabu mehr, ich empfinde das nicht so. Gerade im Vergleich zu dem Zeitpunkt vor ca. 15 Jahren als ich meine Arbeit über den Tod schrieb, gibt es heute so überbordend viel Material zu Tod und Sterben, aber alles geschieht irgendwie vor dieser Haltung, die Du mit dem Satz so treffend zusammenfasst.
      Und im übrigen bin ich vollkommen Deiner Meinung, dass wir nur „richtig“ (aufrichtig) leben können, wenn wir die Angst vor dem Tod verlieren, bzw., dass die Angst vor dem Tod immer auch (oder eigentlich) eine vor dem Leben ist.

    2. hallo MaryamSamara, du bringst es auf den Punkt für mich und so bleibt mir nichts mehr zu sagen – danke dafür
      und herzliche Grüsse an dich und auch an dich, liebe Mützenfalterin für diese Debatte

      herzliche Grüsse
      Ulli

  3. @MaryamSamara Dein Kommentar spricht mich sehr an. Ich glaube auch, dass ein (gut) gelebtes Leben Voraussetzung für einen guten Tod ist. Oder für ein Sterben, mit dessen Art und Zeitpunkt man sich einverstanden erklären kann.

    Für mich wäre vor allem wichtig, versöhnt – mit wem und was auch immer – sterben zu können. Und ich würde mir wünschen, Zeit zu haben, um Abschied zu nehmen. Für mich selbst, vor allem aber für meine Kinder und andere Angehörige/ Freunde. Für mich war der plötzliche Tod meiner Mutter viel schlimmer als der vorhersehbare meines Vaters.

    1. Liebe Iris, ich habe leider keine Vergleichsmöglichkeiten, aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass ein Abschiednehmen den Tod erleichert, für die Hinterbleibenden, aber auch für die Sterbenden selbst. Ich selbst durfte das noch nie erleben, alle Menschen, die ich verloren habe, sind „plötzlich und unerwartet“ aus dem Leben gerissen worden.

  4. Liebe Muetzenfalterin, schön dass du dich mit dem (wieder?, noch?) tabuisierten Thema beschäftigst – einfach und schlicht! Welchen Studiengang hast du mit der Frage nach dem guten Tod konfrontiert?
    Ich habe in letzter Zeit auch immer wieder darüber nachgedacht, weshalb wir eigentlich in der Schule, welche den Menschen aufs Leben vorbereiten soll, so wenig über das Selbige lernen und sprechen: Geburt, Elternschaft, Glück, Sterben… Zumal der Tod letztlich doch das Einzige ist, dass uns alle (jenseits von Herkunft oder Stellung) eint. Mich hat der Bericht einer Freundin sehr berührt, welche in einem Hospiz, gearbeitet hat. Sie erzählte wie unterschiedlich Menschen mit dem Sterben umgehen, wie groß der Unterschied ist, zwischen den Menschen, welche sich schon einmal mit dem Tod, Sterben und danach? besschäftigt haben, im Gegensatz zu denen, welche dies Zeitlebens verdrängt haben.
    Macht Angst stumm? Verdrängung der Selben ein Leben lang? Ich verstehe nicht, weshalb wir uns diesbezüglich nicht kollektiv weiterentwickeln. Was passiert mit unserem Bewusstsein?
    Beim kürzlichen Tod meiner Oma, habe ich mich intensiv mit ihr beschäftigt, sie gedanklich begleitet und mich von ihr verabschiedet. Trotz des Verlusts, hatte ich das Gefühl, sie hatte einen „guten Tod“, da sie im Kreise ihrer sie liebenden Familie starb und sich von uns allen verabschieden konnte. Sie konnte im Wissen geliebt zu werden und sich verabschiedet zu haben, sterben. Das war ein Trost für mich.
    Ich persönlich habe Angst davor, einen qualvollen Tod zu erleiden, die „Aufgaben“ welche ich sehe, nicht beendet zu haben, mich nicht von den Menschen, mit welchen ich verbunden bin verabschiedet zu haben. Ich will das volle Potential des Lebens ausgeschöpft haben, um sagen zu können – es ist gut so. Dann loslassen, ruhig gehen.

    Liebe Grüße

    1. Danke sehr auch für Deinen Kommentar. Es waren Soziologie Studenten, die ich mit der Frage konfrontiert habe. Ich glaube gar nicht einmal, dass überhaupt nicht über Tod und Sterben gesprochen wird, in der Schule z.B.,nur geschieht das in einem funktionellen Rahmen, als wäre es etwas, das ähnlich abstrakt behandelt werden kann wie ein mathematisches Problem. Es an sich selbst heranlassen ist noch einmal ein ganz anderes Thema glaube ich. Ich bin jedenfalls sehr erstaunt und positiv überrascht, wie viel sehr reflektierte Resonanz hier bezüglich dieses Themas zu lesen ist.

  5. nicht nur wie, sondern auch wann und wo… macht man sich darüber keine gedanken, weil man darauf keinen einfluss hat?
    obwohl – das ist eigentlich falsch, wie mir grad auffällt. wann, das kann man nicht beeinflussen. und das wie und wo nur insofern als man sein leben beeinflussen kann. oder anders: wer im warmen sterben will, sollte beizeiten nach afrika ziehen.

  6. „Philosophieren heißt sterben lernen“ schrieb Montaigne. Die meisten Menschen sind unphilosophisch gestimmt. Vielleicht tun sie sogar gut daran. Denn es nützt die Beschäftigung mit dem Tod nur, wenn sie dem Leben dient. Ist man tot, dann ist man tot, um es in der trivialen Weise – und an Andi Brehme angelehnt – zu schreiben. Keiner ist seinem eigenen Tod gewachsen. Es gibt für den Umgang mit dem Tod keine Regeln. Mein Begleiter ist der Tod, seit ich sechs Jahre alt bin. Ich habe derart viel über den Tod reflektiert, daß ich schon wieder vergessen habe, worum es am Anfang dieses Prozesses eigentlich ging.

    Was das gesellschaftliche Moment anbelangt, so werden wir wahrscheinlich nach Wilhelm Schmids Suche nach der neuen Lebenskunst und sonstwelchen Kniffen absurder Sinngebungsszenarien als trivialem Reparaturkasten für das falsche Leben im Falschen demnächst die Kunst richtig zu sterben beigebracht bekommen. Spätestens für den geburtenstarken Jahrgang 1964 mit seinen Rentenansprüchen tun sich diesbezüglich ungeahnte Perspektiven auf, sobald jener Jahrgang das 67. Lebensjahr erreicht hat.

    1. Naja, wenn man dein Eingangszitat mit einbezieht, würden wir indem wir die Kunst richtig zu sterben beigebracht bekommen, schlicht lernen zu philosophieren.
      Was Freud 1949 schrieb, scheint jedenfalls kein bisschen an Aktualität verloren zu haben: „Wir betonen regelmäßig die zufällige Veranlassung des Todes, den Unfall, die Erkrankung, die Infektion, das hohe Alter, und verraten so unser Bestreben, den Tod von einer Notwendigkeit zu einer Zufälligkeit herabzudrücken.“

  7. Als Fan bewerte ich das Spiel, wenn es vorbei ist. Klar wuensche ich mir ein gutes Spiel mit einem 4:0. Aber ich habe diese Wunschvortsellungen aufgegeben. Jetzt schaue ich was kommt und nach dem Spiel sag ich dann manchmal “ schoen wars“
    Es gibt glaube ich umsonst das tibetanische Totenbuch als Filmdoku, ich meine mich zu erinnern, dass dort tibetische Kinder befragt werden, ob sie denn Angst vor dem Tod haben, sie lachen, sie verstehen die Frage nicht, da der Tod einfach ein Teil des Lebens ist.

    1. Na ja, wenn ich eines gelernt habe in meinem Studium und mit meiner Diplomarbeit, dann, dass Tod und Sterben soziale Konstruktionen sind, dass die Art und Weise, wie wir darüber reden, bzw. nicht darüber reden, den Tod integrieren oder „totschweigen“ davon abhängt, in welcher Kultur und mit welchen Wertvorstellungen wir aufwachsen, und dass unsere westliche Gesellschaft ein ansatzweise natürliches Verhältnis schon lange verloren hat, ist sicher nicht zu bestreiten.

      1. Wer sagt dir, oder was sagt dir, was eine natuerliche Weise ist?
        Deine Denkweise resultierend aus deinen Erfahrungen, deiner Sozialisation.
        Ich selber mag es nicht bewerten, was eine natuerliche Weise ist mit dem Tod umzugehen, alles hat seinen Grund, seine Berechtigung, nur durchschauen wir die Zusammenhänge meistens nicht.

      2. Aber womoeglich sind Tod und Leben auch zwei unterschiedliche Sachen, so wie Strassenbahn und Flugzeug, zwei Transportmittel, aber beide auf verschiedene Art

  8. Auf das Geborenwerden haben wir jeweils keinen Einfluss. Es geschieht.
    Und fortan sind wir mit der Aufgabe betraut, das Leben zu lernen, es zu gestalten und es irgendwann möglichst auch nach unseren eigenen Vorstellungen zu führen. Wir wollen Meister und Meisterin werden in der eigenen Lebensführung, wollen Verantwortung übernehmen, wir sollen und wollen uns eine Meinung bilden über das, was wir hoffen, glauben, denken und tun. Lebenslang wollen oder sollen wir lernen, wir beschäftigen uns mit der Erziehung und Fürsorge unserer Kinder, wir treiben Sport, um uns gesund zu halten, oder weil es Spaß macht, und wir gehen zu Vorsorgeuntersuchungen, manche von uns jährlich, weil es einen Befund gibt. Wir sind auf LEBEN ausgerichtet, als gäbe es kein Sterben und keinen Tod, sondern ausschließlich eine Zukunft.
    Und dann gibt es eben immer wieder Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer – über diesen Lebenstellerrand zu schauen, bereit sind. Wie hier bei Dir.
    Und das freut mich sehr!

    mb

    1. Das Leben zu lernen, das gefällt mir sehr, das als Aufgabe zu sehen und wer weiß, wenn eine diese Aufgabe wirklich ernst nimmt, vielleicht ist dann auch das Sterben relativ leicht, ein natürliches Ende, nachdem alles, was zu lernen war, gelernt ist. Danke für diese schönen Gedanken.

  9. Unglaublich großes Thema. Ich denke, mein persönlicher „guter“ Tod wäre einer, den ich selber in der Hand hab. Ich möchte selber bestimmen, wann es vorbei ist. Wenn ich tot krank wäre, ich würde mir lieber selber das Leben nehmen, als es mir nehmen zu lassen.

    1. Das Thema, was Du da anschneidest, nämlich selbstbestimmtes Sterben, ist noch viel größer, daran habe ich mich noch nicht getraut, weil mir das zu komplex erscheint. Vielleicht auch, weil es mir (noch) zu viel ist, darüber nachzudenken.

  10. Nein, es hat sich nichts geändert. Als Mitarbeiter in einem ambulanten Hospizdienst ständig damit konfrontiert, darf ich das so einschätzen. Für junge Menschen spielt es vorgeblich keine Rolle, das Leben scheint endlos, einzelne „Betriebsunfälle“ einmal ausgeschlossen. Ältere Menschen wollen nicht darüber nachdenken, es ist schon zu nahe, bedrohlich. Ausnahmen in beiden Gruppen bestätigen eher die Regel.

    Und was ist ein guter Tod? Vielleicht, wenn ich liebevoll (!) versorgt werde, ich vergeben kann und Vergebung finde, da ein Mensch ist, der bei und mit mir ist und mit bis an diese letzte Grenze geht …

    Viel mehr braucht es, glaube ich, letztlich garnicht.

    1. Danke für diese Informationen aus der Praxis, sozusagen. Ich habe gerade ein Zitat gefunden, was vielleicht in diesem Zusammenhang ganz passend ist, weil es erklärt, wie schwer wir es uns machen, den Tod herein zu nehmen in den Alltag, wie sehr wir bemüht sind, etwas ganz fremdes, unaussprechliches sogar daraus zu machen. Thomas Macho, ein Sozialwissenschaftler, der viel über den Tod geschrieben hat, schreibt: „Unser Begriff vom Tod ist gleichsam durch die Erfahrung bestimmt, daß von der Erfahrung des Todes nicht gesprochen werden kann.“ Und natürlich ist das wahr, und ebenso ist es nicht richtig, sondern immer wieder eine willkommene Einsicht, um sich den Tod vom Leib zu halten.

  11. Der Vernunftreifeweg Selbsterkenntnis und Einsicht führt zur weisen Kunst,
    sich mit der Existenz Tod, dem Sein im reinen, absoluten Frieden,
    schon zu Lebzeiten begreifend zu versöhnen, ohne dafür mit dem Leben zu bezahlen.
    Wolf6an6 Henni6

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