Über den Tod

Der Tod der anderen

Kürzlich ist eine Frau, die ich nur über das Schreiben kannte, gestorben. Ihr Mann teilte mir ihren Tod auf elektronischem Weg mit. Ich war betroffen und traurig. Aber ich wollte mich nicht der klischeehaften Formeln bedienen und eigene Worte hatte ich nicht. Also blieb ich stumm. Das fühlte sich weder richtig an, noch falsch. Nur hilflos.

Während ich bei anderen Todesfällen krank wurde. Als meine Mutter beerdigt wurde, begriff ich erst in dem Moment als der geschlossene Sarg in der Kapelle aufgebahrt war, die Endgültigkeit ihres Todes. Als ich Tage zuvor am offenen Sarg Abschied nehmen wollte, hatte ich mich geweigert, den Körper in diesem Sarg mit meiner Mutter in Verbindung zu bringen. Das Gesicht im Sarg war leichenblass, während das Gesicht meiner Mutter doch zeitlebens voller Sommersprossen gewesen war.

Der Tod der anderen bedeutet mit dem Fehlen zu leben. Mit dem leeren Stuhl am Tisch, auf dem mein Vater gesessen hatte, mit den dunklen Fenstern, die früher erleuchtet waren, wenn ich nach Hause kam, weil meine Mutter auf mich wartete.

Mit der Scheu, den Namen meiner Cousine auszusprechen, die sich das Leben genommen hat.

Erinnerungen, die nicht länger geteilt werden können und dadurch manchmal ein unerträgliches Gewicht erhalten.

Keine Lehren für den eigenen Tod.

Ich glaube nicht an die ars moriendi als Vorbereitung auf den eigenen Tod. Ich fürchte für die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod gibt es keine Regeln, Vorschriften oder Rituale, die uns eine ganz individuelle und damit eben unteilbare Auseinandersetzung abnehmen.

Am Ende sterben wir alle, aber jeder von uns einen eigenen Tod.

Verlöschen. Das langsame Sterben. Als wenn das Leben langsam ausläuft. Das Lebenslicht langsam erlischt. Ich weiß nicht, ob es das gibt. Gleichzeitig bin ich sicher, dass es wahr ist. Die gefüllten Gefäße. Und irgendwann ist es einfach vollendet.

Das Leben.

Und das Sterben beginnt.

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13 Gedanken zu “Über den Tod

  1. Die Namen, die bleiben, und nicht mehr ausgesprochen werden. Die Erinnerungen, die nicht mehr geteilt werden können, ganz so, als habe man die Reise alleine gemacht.

    Anders als Du, glaube ich daran, dass man sich auf seinen eigenen Tod vorbereiten kann. Ich versuche es zumindest.
    Die Vorbereitung besteht darin, immer mehr los zu lassen, immer weniger in eine entfernte Zukunft zu planen, immer mehr mit mir selbst auszumachen, um diesen letzten Weg, den jeder von uns gehen wird, alleine und gelassen zu schaffen.
    Es ist die Haltung, die ich versuche zu erlernen, und ich stelle fest, dass ich ruhiger und furchtloser werde, je länger ich übe.

    Wie die letzten Minuten dann sein werden, das allerdings bleibt ein Geheimnis bis zum Schluss.

    Danke für diesen Text, der so gut in die Zeit meiner Rekonvaleszenz passt.

    1. Vielen Dank für Deine Antwort. Das wunderbare daran ist, dass ich das, was Du als „Vorbereitung auf den eigenen Tod“ bezeichnest, als Leben definiere. Und das ist doch ein wundervoller Zirkelschluss: Indem wir wirklich leben, üben wir den Tod.
      Ich freue mich, wenn Du etwas anfangen konntest mit meinem Text, ganz besonders wenn er auch noch in eine Zeit des Wieder – Starkwerdens passt.

      1. Die Angst vor dem Tod ist erst da, seit ich Mutter bin. Davor war der Tod sehr abstrakt für mich, auch wenn Menschen, die mir nahe standen, gestorben sind. Ich habe es nie verstanden, ich verstehe es bis heute nicht.
        Dein Text und euer Austausch hier haben mir ein paar Gedanken mit auf den Weg gegeben, wie ich dieser Angst begegnen kann.

    1. Ich kenne schon die Angst vor dem eigenen Tod, aber wie beschrieben, ist sie geringer geworden. Viel bedrohlicher empfinde ich, ebenso wie Du, die Möglichkeit, dass mir sehr nahe Menschen sterben könnten.

  2. Über meine Schwester, die Sterbebegleiterin (und Trauerbegleiterin speziell für Kinder, die Eltern verloren haben) ist, weiß ich, welches Chaos aus ins Tabu oder auch nur ins Unklare geschobenen Todeserfahrungen entstehen kann. Ich glaube, die Scheu vor dem Tod ist selten pathologisch, meistens ist es Unerfahrenheit (oder unverdaute/verquere religiöse Vorstellungen). Reden, sich erinnern, seinen Erinnerungen nachfühlen, wach werden für das endlose, intensive Sterben um uns herum (zumindest manchmal), das glaube ich, hilft und bewirkt, dass man im Zweifel vielleicht selbst auch mal helfen kann. Es ist nicht nur eine private Sache. Danke für den Text!

    1. Und Danke sehr für diese Antwort. Besonders für die Erwähnung, dass es das Darüber Reden (mit all der Unsicherheit und all dem Zweifel) ist, zusammen mit dem Sich Erinnern, dass, vielleicht, alles ein wenig erträglicher machen kann. Und vielleicht sollte man sich immer wieder bewusst machen, dass es manchmal genügt, da zu sein, und den Schmerz, die Trauer einfach zu teilen, ganz wortlos.

  3. seitdem es mir vor kurzem passiert ist, dass mir ein sehr naher mensch plötzlich und viel zu früh gestorben ist, habe ich seltsamerweise keine angst mehr (oder kaum) vor dem eigenen tod, was vorher eher der fall war. allerdings gibt es seitdem einen anderen gedanken … wäre ich gestorben, dann hätte der andere mensch gelitten, unter meinem tod. wierum ist es nun „besser“? der tod ist und bleibt leider ein mysterium, und uns bleibt einfach nichts anderes übrig, als ihn als teil des lebens zu akzeptieren. … und wenn nötig, dann öffnen sich einem wege, wie man das ganze annehmen kann. für jeden vielleicht auch andere wege.
    bemerkenswerte texte, diese beiden „über den tod“, liebe mützenfalterin, über die sich lange sinnieren lässt … danke.

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