Über den Tod

Der Tod der anderen

Kürzlich ist eine Frau, die ich nur über das Schreiben kannte, gestorben. Ihr Mann teilte mir ihren Tod auf elektronischem Weg mit. Ich war betroffen und traurig. Aber ich wollte mich nicht der klischeehaften Formeln bedienen und eigene Worte hatte ich nicht. Also blieb ich stumm. Das fühlte sich weder richtig an, noch falsch. Nur hilflos.

Während ich bei anderen Todesfällen krank wurde. Als meine Mutter beerdigt wurde, begriff ich erst in dem Moment als der geschlossene Sarg in der Kapelle aufgebahrt war, die Endgültigkeit ihres Todes. Als ich Tage zuvor am offenen Sarg Abschied nehmen wollte, hatte ich mich geweigert, den Körper in diesem Sarg mit meiner Mutter in Verbindung zu bringen. Das Gesicht im Sarg war leichenblass, während das Gesicht meiner Mutter doch zeitlebens voller Sommersprossen gewesen war.

Der Tod der anderen bedeutet mit dem Fehlen zu leben. Mit dem leeren Stuhl am Tisch, auf dem mein Vater gesessen hatte, mit den dunklen Fenstern, die früher erleuchtet waren, wenn ich nach Hause kam, weil meine Mutter auf mich wartete.

Mit der Scheu, den Namen meiner Cousine auszusprechen, die sich das Leben genommen hat.

Erinnerungen, die nicht länger geteilt werden können und dadurch manchmal ein unerträgliches Gewicht erhalten.

Keine Lehren für den eigenen Tod.

Ich glaube nicht an die ars moriendi als Vorbereitung auf den eigenen Tod. Ich fürchte für die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod gibt es keine Regeln, Vorschriften oder Rituale, die uns eine ganz individuelle und damit eben unteilbare Auseinandersetzung abnehmen.

Am Ende sterben wir alle, aber jeder von uns einen eigenen Tod.

Verlöschen. Das langsame Sterben. Als wenn das Leben langsam ausläuft. Das Lebenslicht langsam erlischt. Ich weiß nicht, ob es das gibt. Gleichzeitig bin ich sicher, dass es wahr ist. Die gefüllten Gefäße. Und irgendwann ist es einfach vollendet.

Das Leben.

Und das Sterben beginnt.