Alter

„Alt sein heißt auch, sich selbst nicht wiederzuerkennen“. (Priya Basil)

Was für ein Satz. Der zunächst durchaus treffend zu sein scheint. Zutreffend.

Auf den ersten Blick. Und trostlos in seinem Beharren auf ein feststehendes Bild auf den zweiten Blick.

Ich erinnere mich an eine Frau, die sagte, jedes Mal wenn sie in den Spiegel sehe, wenn sie Fotos von sich, die gerade gemacht wurden, anschaue, erschrecke sie, weil ihre Vorstellung von sich im Alter von vierzig Jahren stehen geblieben sei.

Und in der Bibel steht: Du sollst Dir kein Bildnis machen. Wer sagt denn, dass das kein Gleichnis ist, auch wenn es im alten Testament steht? Wer ein Bild hat, hat einen Rahmen. Das verleiht Sicherheit, aber es bedeutet auch Beschränkung. Stillstand.

Auf Herrn Schnecks vielgeschätztem Blog fand ich kürzlich diesen Satz: Die alte Dame, die geht. Die Kirschkern, die beginnt, zu leben. 

Und ich hatte unmittelbar das Bedürfnis mich einzuordnen, zwischen diese Standpunkte und fand das „Dazwischen“.

Vielleicht ist dieser Ort eine Möglichkeit sich zugleich wiederzuerkennen und ständig neu zu erfinden. Eine versöhnlichere Definition des Alters.

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13 Gedanken zu “Alter

  1. Ich finde das Zitat auch auf den zweiten Blick sehr treffend. Denn das Beharren auf einem Bild von sich ohne Spuren des Alters ist nur allzu nachvollziehbar. Es meint, so wie ich es verstehe, nicht Stillstand, sondern den Wunsch nach Unsterblichkeit, nach unbegrenzter Teilhabe am Leben. Und zugleich das Erschrecken und die Angst vor dem Alter, die Erkenntnis, dass der Tod kommt. Die Initialzündung des Menschen passiert in seiner Jugend. Dieser Funke, dieses Gefühl, dass alles beginnt, ist so kostbar, dass jeder Gedanke an Alter und Tod zwangsläufig damit kollidiert. Und unsere heutige Zeit (jedenfalls in der westlich geprägten Kapitalistischen Kultur) arbeitet mächtig daran, das Bewußtsein dieses Funkens weit ins Alter hinein zu verlängern, erleb- (und kommerziell nutz)bar zu machen. Tolle textliche Anregung, liebe Mützenfalterin, danke!

    1. Danke für das Kompliment, dass ich ungemindert zurückgeben kann. Ich habe lange über diese Initialzündung in der Jugend nachgedacht und über die Kollision mit dem Tod. Vermutlich hast du Recht. Diese unbändige Lebensfreude gemeinsam mit all den Möglichkeiten, die sich eröffnen, hat man nur in der Jugend. Das ist es ja, was so weh tut, auch (oder gerade?) wenn man sich dazwischen befindet, noch nicht wirklich alt ist (so dass man vielleicht abgeschlossen hat mit vielem und eine neue Gelassenheit gewinnt), aber eben auch längst nicht mehr jung. Aber eigentlich steht das auch alles in dem Zitat, das Pega beigetragen hat.

  2. Simone de Beauvoir in ihren 1963 veröffentlichten Memoiren „Der Lauf der Dinge“:
    „Solange ich mein Gesicht ohne Missfallen betrachten konnte, vergaß ich es, es verstand sich von selbst. Jetzt ist alles vorbei. Ich hasse mein Spiegelbild: über den Augen die Mütze, unterhalb der Augen die Säcke, das Gesicht zu voll und um den Mund der traurige Zug, der Falten macht. Die Menschen, die mir begegnen, sehen vielleicht nur eine Fünfzigjährige, die weder gut noch schlecht erhalten ist. Sie hat eben das Alter, das sie hat. Ich aber sehe meinen früheren Kopf, den eine Seuche befallen hat, von der ich nicht mehr genesen werde.“

    Und weiter schreibt sie: „Meine Revolten sind durch das nahe Ende und die Unvermeidlichkeit des Verfalls gedämpft. Aber auch meine glücklichen Stunden sind blasser geworden. Der Tod ist nicht mehr ein brutales Abenteuer in weiter Ferne, er verfolgt mich in den Schlaf hinein. Beim Erwachen spüre ich seinen Schatten zwischen der Welt und mir: Das Sterben hat schon begonnen. Das hatte ich nicht vorausgesehen – dass er so früh beginnt und dass es so weh tut.“

    (diese textstelle[n] trage ich schon seit geraumer zeit mit mir herum. was du schreibst, mützenfalterin, hat mich wieder ans thema erinnert. lg, pega)

    1. Ich danke dir ganz herzlich für dieses wunderbare Zitat, gerade den ersten Teil finde ich sehr aufschlussreich, es ist ja wahr, dass diese Selbstverständlichkeit des eigenen Gesichts, des eigenen Anblicks verloren geht, (genau das ist es wohl auch, was die von mir zitierte Frau gemeint hat) das ist ja noch mehr als Eitelkeit, es ist auf der einen Seite sicher dieser Griff des Todes, der jetzt einfach offensichtlicher wird, aber es ist noch mehr. Manchmal habe ich das Gefühl es ist dieses Alter in dem ich mich gerade befinde eine Art zweite Pubertät, man muss sich noch einmal neu an den geänderten und sich immer weiter verändernden Körper gewöhnen. Und wie gut, dass wir nicht früher voraussehen können, dass das Sterben „so früh beginnt und dass es so weh tut.“

  3. ich möchte mich immer wiedererkennen, auch und gerade im Alter, das so negativ dargestellt wird. Erst gestern dachte ich bei einer Reklamewand, die auf das Pflegebedürfnis alter Menschen hinwies, dass mittlerweile fast jede und jeder davon ausgeht, dass sie dies im Alter sein werden, verschwiegen dabei wird die Möglichkeit sich fit zu halten, im Geist und den Körper sowieso … und wenn es dann wirklich anders kommt, dann ist es eben so …
    nein, ich lasse mir keine Angst mehr machen!

    danke für deinen Beitrag
    und herzliche Grüsse Ulli

    1. Es gibt so wunderbare und schöne alte Menschen. Ich muss nur an das „zerstörte“ Gesicht von Marguerite Duras denken. Vielleicht ist das die Aufgabe, Ulli, sich keine Angst machen zu lassen und immer weiter zu versuchen, sich wiederzuerkennen, sich das Bild, das man gerade abgibt zu eigen zu machen. Danke für Deine Gedanken.

  4. Das Zitat spielt für mich mit etlichen Möglichkeiten, Veränderungen während des eigenen Alterns, oder eben im Alter, wahrzunehmen, zu bemerken. Damit meine ich keineswegs nur die äußerliche Wahrnehmung des Alterns als Veränderungsprozess. Wir haben doch vermutlich zu jeder Zeit in unserem Leben eine Vorstellung von uns selbst. Für Außenstehende mögen wir kategorisierbar sein, nämlich als Jugendliche, junge Frau, junger Mann, als „50 +“ (Himmel !!) oder als Senioren. Wir selbst werden uns vermutlich immer auch als das wahrnehmen, was wir in der Gänze unseres Lebens sind und gewesen sind. Alles gehört da zusammen. Baut auf einander auf und kann losgelassen werden, vielleicht, irgendwann. Vielleicht auch nicht.

    Herzlichen Dank, liebe mützenfalterin,

    mb

    1. Dieses Gefühl hätte ich gerne, dass alles zusammen gehört, all die „Phasen“, durch die ich schon gegangen bin, dass das, was jetzt ist, ein Resultat aus all dem ist, etwas, das natürlich gewachsen ist, also kein Verlust, sondern nur der „Lauf der Dinge“. Aber vermutlich ist es gerade dieses Gefühl von Verlust, von etwas, das unwiderbringlich verloren ist, dass dazu gehört, zum Alter, zu dem, was jetzt ist.
      Auch Dir herzlichen Dank für Deine Gedanken.

  5. Ich finde diesen Satz auch sehr sehr treffend. Auf dem ersten, zweiten und auch dem dritten Blick. Gestern begegnete ich in der Bahn einem alten Mann, der sehbehindert war. Ich stand auf und bat ihn, sich hinzusetzen. Er meinte, er traue sich nicht zu, es sicher zum Sitz zu schaffen, also fragte ich ihn, ob ich ihn halten dürfe. Er hatte nichts dagegen. Als er sicher saß, sagte er: „Hoffentlich werden Sie niemals alt. Werden Sie einfach niemals alt.“ Das sagte er in einem selbstironischen Ton, der mir das Herz brach. Aber ich lachte und sagte, dass es dagegen leider noch kein Mittel gibt.

    Und deshalb passt dieser Satz so zu mir. Es war, als hätte dieser Mann sagen wollen: „Ich bin eigentlich nicht so unsicher, wackelig und schwächlich. Ich bin eigentlich anders, aber das Alter zwingt mich dazu, jemand zu sein, der ich gar nicht bin.“ … Und ich glaube, da ist leider etwas dran.

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