Das Kleid

Sie trug dieses Kleid. Ihre Großmutter hatte es ausgesucht. Es gefiel ihr nicht. Es war zu dunkel. Winter. Sie stellte sich die Schneeflocken vor. Das war die Art, wie sie aussehen wollte.

Sie glaubte nicht mehr an Drachen, das heißt, sie hatte daran geglaubt, wie alle, die nicht wirklich etwas zu fürchten haben, sich Dinge ausdenken, die sie fürchten können.

Der Keller.

Manche lebten im Keller. Sie wusste das. Sie wusste, wie es später sein würde.

Die Eltern erzählten manchmal von früher. Von Fehlern und Versäumnissen (von Fortsetzungsromanen, bei denen man das Interesse aufrecht erhalten musste). Was man heute anders machen würde und woran man schon damals hätte erkennen können, was Jahre später geschah. In diesen Jahren, sagten sie oft und sie spürte, dass die Zeit nichts Abgeschlossenes war, dass es Jahre gab, die lange zurücklagen und immer noch wuchsen und andere, die man sich vorzustellen versuchte, aber wenn sie drohten, sich einzulösen, schob man sie von sich, schob sie vor sich her.

Sie dachte an die Großmutter. Sie betastete das Kleid. Sie begann sich nicht nur an den Stoff zu gewöhnen, er fing an, ihr zu gefallen. Sie lehnte an der Scheibe, an die Dunkelheit hatte sie sich längst gewöhnt. Die Dunkelheit innen und außen, die damit verbundenen Geräusche, die Träume, die sich schließlich nicht mehr von der Wirklichkeit (Wachheit) unterscheiden ließen.

Kann man sich an die Angst gewöhnen, wie an ein fremdes Kleid, fragte sie sich. Die Großmutter hatte keinen Brief geschrieben. Sie hatte nur dieses Kleid geschickt, ohne ein Wort. Niemand verlor ein Wort darüber. Vielleicht wussten auch sie, was das bedeutete. Sie würde morgen zum Bahnhof gehen und dort erfahren, wann die Großmutter kommt. Sie würde in die Halle eintreten, die ihr ein wenig wie ein Palast erschien und die Tafeln mit den Ankunftszeiten studieren. Ihr kleiner Bruder weinte, die Stufen knarzten. Sie hörte Geflüster, das Rascheln der Bettdecke. Das Schreien hörte auf. An seine Stelle waren Schritte getreten. Schritte und leises Summen.

Hast du mir auch vorgesungen, als ich klein war?, hatte sie die Mutter gefragt, gestern und vorgestern und vor einer Woche, und sie hatte nur traurig und müde gelächelt, gesagt hatte sie nichts. Als gäbe es nur eine sehr begrenzte Anzahl von Worten, die für sie bestimmt war, so dass die Großmutter keinen Brief zum Kleid schicken konnte und die Mutter nur die notwendigsten Fragen beantwortete. Als würden sie sie sparen, die Worte, um später etwas Großes daraus errichten zu können. So groß und hell und hoch wie diese Bahnhofshalle, so voller Möglichkeiten, Ankünfte und Abfahrten.

[Dichtungsring 43]

 

 

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3 Gedanken zu “Das Kleid

  1. deine Texte wirken immer nach und wecken Erinnerungen an Gefühle, die ich einst hatte und eben auch heute habe-pflege und nähre dein Talent, liebe Elke!

    herzliche Grüsse Ulli

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