Versuch einer Annäherung

Ich weiß nicht, ob sie das Wasser jemals gesehen hat, ob sie einmal am Ufer gestanden hat, und sah wie der Horizont mit dem Meer verschmolz.

Das Wasser hat sie sich schließlich in den eigenen Körper geholt. Und gewartet, dass es stieg.

 

Aber das war erst viel später.

Zuerst war da ein kleines Mädchen, ein Klavier, eine junge Frau.

Wie viel weiß man von einem Menschen, dessen Vergangenheit man nicht kennt?

 

Wie viel weiß ich von einer Frau, die für mich erst zu existieren begann, als sie bereits zwei Söhne verloren hatte und mindestens fünf Enkelkinder bekommen hatte? Die zu früh starb, um mir Antworten zu geben.

Weil Fragen wachsen müssen. Reifen. Weil das Selbstverständnis einige Jahre braucht, bis es sich verliert.

 

Ich bin mir sicher, dass das Bild von der sehr weichen, gütigen Frau, die ständig in eine Decke gehüllt am Fenster ihrer kleinen Küche saß, nicht übereinstimmt mit dem, was das Kind, das ich war, sah.

 

Es gibt keine Fotos von ihr, als sie ein Kind war, aber es gibt Erzählungen. Erzählungen von einem „guten Haus“, von einem Salon mit Klavier und davon, dass Anna lernte auf diesem Klavier zu spielen. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts.

 

Warum sie einen Arbeiter geheiratet hat, fleißig und intelligent, aber nicht standesgemäß, bleibt ihr Geheimnis. Den Mann habe ich kennen gelernt, den Grund für ihre Ehe nie. Denn Verbundenheit und Liebe war nichts, was meine Großeltern umgab. Ich kann mich kaum an beide in demselben Zimmer erinnern. Mein Großvater rauchend auf dem Balkon, meine Großmutter frierend und wartend in der Küche. Das sind die Bilder, die auftauchen.

 

Vielleicht war er ihre Große Liebe. Zuerst. Und zuletzt (die weitaus längste Zeit), ihre größte Enttäuschung. Egoistisch. Herrisch. Ein Patriarch. Mit dem sie trotz allem fünf Kinder bekam. Vier Jungen und ein Mädchen. Mit dem sie einen dieser Söhne sehr früh, sehr jung an den zweiten Weltkrieg verlor, mit dem sie den zweiten Sohn an einen fremden, sehr entfernten Kontinent verlor. Und für seine Auswanderung, um ihm den Start in Australien zu ermöglichen, verkauften sie das Haus, das Anna von ihren Eltern geerbt hatte, damit er seinen Erbanteil mitnehmen konnte, für einen neuen Anfang. Für den Anfang ihres Sohnes zogen meine Großeltern in eine Drei Zimmer Wohnung, in der Anna vorwiegend die Küche bewohnte, und wo sie Jahre später im Bad starb.

Aber vorher verloren sie den dritten Sohn, auch er noch nicht alt, an die Krankheit, die stärker war als er, die aufgrund von Fehldiagnosen genügend Zeit hatte sich so sehr auszubreiten, dass sie unheilbar wurde, aber Zeit ließ für ein langsames Sterben.

 

Dann erst kam das Wasser. Annas Beine wurden immer dicker. Sie verließ ihren Platz am Küchenfenster immer seltener. Das Haus verließ sie schon lange nicht mehr. Anfangs nahm sie noch Tabletten. Später gab sie nur noch vor, sie zu nehmen, damit man sie in Ruhe ließ. Vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben weigerte sie sich, leistete Widerstand. Sie war nicht dazu zu bewegen, einen Arzt aufzusuchen.

Schließlich hat sie nur noch gewartet. Was ihr bis zum Schluss geblieben ist, war weder Angst noch Auflehnung, sondern eine unendliche Geduld.