Oder Europa?

 

Kann Europa so etwas wie eine Heimat werden?

Irgendwann?

Ein Ort, an dem wir uns gemeinsam sicher fühlen können?

 

Im aktuellen SZ Magazin haben Schriftsteller aus zehn Mitgliedsstaaten kurze Gedichte über ihr Land verfasst, und die einzige Gemeinsamkeit, die ich in den Gedichten finden konnte, war das Bewusstsein für ein Fehlen. Ein Fehlen von Solidarität und Menschlichkeit. Sheptim Selmani schreibt für den Kosovo:

 

„Am ersten Tag wurde das Blut erschaffen,

am zweiten Tag der Tod,

am dritten Tag war von Liebe die Rede,

dann war kein Tag mehr übrig für die Menschen.“

 

und Sasa Stanisic skizziert Deutschland:

 

„Die Geheimnisse sind wir los. Abgegeben, wie unsere gut gebauten Waffen,

unfreiwilliger. Schütteln Babys, verliert Bayern ein Spiel, wir sind bischofs-

residenzschön. Wetten, dass unser Bier übernimmt, ein Denkmal für Erwin

Rommel, unsre Epen, unsre Migranten am Theater, unsre russische Energie.“

 

Wer weiß, vielleicht ist das Bewusstsein, dass etwas Grundlegendes fehlt, zusammen mit dem Erkennen „unsrer Migranten am Theater, unsrer russischen Energie“, ja ein Anfang, um so etwas wie eine menschliche Heimat aufzubauen. Und irgendwann viel später können die Generationen nach uns sagen: Am Anfang war die Utopie.

 

 

 

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37 Gedanken zu “Oder Europa?

  1. Das wird es bleiben, eine Utopie.
    Intellektuell reizvoll, aber nicht zu realisieren.
    Das Problem heißt Mensch.
    Wenn schon in einem Land sich jeder der Nächste ist, wo soll das Einigende her kommen, das uns grenzüberschreitend verbindet.
    Die Grenzen sind in in uns, nicht auf Karten.
    Ich weiß nicht einmal, ob ich das bedauern soll.
    Ist es denn wichtig?
    Europa?

    1. Ja, ich verstehe diese Einwände gut, ist ja nicht so, dass ich das nicht nachvollziehen könnte. Andererseits gibt es ja in der menschlichen Geschichte nicht nur diverse Katastrophen, sondern eben auch durchaus den Menschen dienende Fortschritte und immer stand eine Utopie am Anfang.
      Europa ist für mich einfach die Idee eines gemeinsamen Projektes, eines „Kontinents“, wenn Du so willst, den von den Menschen gemeinsam aufgestellte Regeln und Ideen bestimmen, statt Staatsgrenzen, so ein vielleicht fast schon babylonisches Projekt, ein Babylon, das auf dem Boden bleibt. Das würde ich mir für meine Kinder wünschen.

  2. Der Weg dorthin ist für mich vermutlich weiter, als ich bereit oder fähig bin, ihn zu gehen.
    Wird Europa mein Leben verbessern?

    Es wird mein Leben verändern und ich weiß nicht, ob mir das gefällt.
    Die täglichen Dinge, die den Lebensweg bestimmen, sind auch ohne das Fremdgesteuerte schon umfangreich genug.

    Ich bezweifle, dass der Gedanke Europa zb. die sozialen Probleme, die vor der eigenen Haustür, zum Glück noch davor, beginnen, lösen kann.

    Der gelebte Gedanke und Wunsch von Akzeptanz existiert.
    Er muss nur in allen existieren und das ist eine Utopie.
    Sonst würde der Wunsch von Wenigen den anderen aufgezwängt.
    Kein schöner Gedanke.
    Europa als Zwang.

    1. Na ja, Europa als Zwang, bzw. die Welt als Zwang existiert ja längst, ich muss da nur das Stichwort Globalisierung fallen lassen und genau da setzt für mich Europa an, hier Kontrollen zu etablieren, Gegenströmungen gemeinsam zu lenken, eben die Bürgerinteressen entgegen den Interessen der Konzerne zu vertreten. Dafür stehen einige Parteien, dafür gibt es Möglichkeiten, die muss man aber ausfüllen, sich an ihnen abarbeiten, damit etwas anderes aus der Utopie wird als fremdbestimmter Zwang.

      1. Ich sehe Europa eher genau als das Gegenteil.
        Gemeinsame Regelungen, um die Globalisierung in größerer Geschwindigkeit als bisher voran zu treiben.
        Die Kontrolle wird nie geahnte Größen erreichen.
        Der Einzelne noch mehr als bisher auf der Strecke bleiben.
        Abspaltung, einen Platz für sich selbst suchen, einen, der sich abgekoppelt hat.
        Kleine Gemeinschaften, weg von der Masse.
        Nur so viele, dass es zum Leben reicht.
        Kein Volk, kein Europa.
        Eine Gemeinde. Nur da ist der Raum für Freiheit.
        Das ist leider ebenso utopisch.

        http://foodandwineporn.de/2013/12/08/meta/

        Ich bin so frei und verlinke auf einen alten Text von mir.
        Der hat zwar nichts mit Europa zu tun, aber mit dem Problem der Größe, der Masse. Und der Konsequenz daraus.

  3. Wenn der Lobbyismus nicht beseitigt wird , muss Europa am Ende scheitern. Frag jemanden auf der Strasse, wie Europa politisch funktioniert. Europa ist eine Idee, nicht die Idee der Bürger.
    Die Politik richtet sich viel zu oft gegen diese, aber einscheidet fuer Saatgutenfirmen, Lebensmittwlriesen, Finanzindustrie etc..

    1. Ich habe schon etwas in der letzten Antwort erwähnt, was auch auf Deinen Kommentar zutrifft. Für mich ist Europa auch die Möglichkeit gegen den Lobbyismus zu kämpfen, gegen auf nationale (und sehr kurzfristige) Ziele ausgerichtete Länderpolitik. Du schreibst Europa ist eine Idee, nicht die Idee der Bürger. Das ist aber nur zum Teil wahr. Und selbst wenn es so wäre, es gibt Möglichkeiten, das zu verändern, man muss sie allerdings ergreifen.

  4. ich habe gänsehaut – diese texte sind so komplex und werfen in mir fragen auf, die du dir auch gestellt haben magst: wie kann man heimat schaffen?
    ist heimat eine utopie? oder nur etwas für einfach gestrickte?
    was für eine hoffnung, die du da in mir anzündest mit deinen letzten sätzen!

      1. Interessant: Du stellst eine Frage in den Raum – zur Diskussion? (Wozu sonst?)
        Und jetzt hast du den Eindruck, DEINE Position verteidigen zu müssen?
        Seltsam.

      2. Liebe Kontrollsucht, nur zur Erklärung, ich habe mir angewöhnt, Fragen, die eigentlich keine Fragen sind, ich glaube man nennt es rhetorische Fragen, nicht zu beantworten. Ich bin schon ausreichend damit beschäftigt, meine Positionen zu verteidigen (wo ich es für angebracht halte) und zu überdenken, wo man mich durch kluges Argumentieren verunsichert oder überzeugt hat. Möglicherweise ist das ähnlich seltsam wie unter Kontrollsucht zu leiden. Mir geht es ganz gut damit.

  5. Früher, ganz früher, war Heimat einfach ein Ort, an dem die Natur etwas lebensfreundlicher war und Nahrung bot; heute ist alles so kompliziert geworden. Wir sind viele, und wo viele sind, gibt es Menschen, die vertreiben und jene, die vertrieben werden. Das erste Gedicht gibt mir viel, das zweite nicht.

    1. Ich finde einen Zusammenhang zwischen dem, was Du über Heimat schreibst und die Schwierigkeiten eines friedlichen Zusammenlebens, sobald die Anzahl derjenigen steigt, die sich Orte und Ressourcen teilen müssen und Deiner „Wertung“ der Gedichte. Im ersten zitierten Gedicht geht es ja auch (nur) um die Grundlagen, um das Große Ganze, ganz allgemein, während Stanisic schon sehr genau auf die Details guckt und sie beleuchtet.

      1. Ich glaube, ich verstehe Stanisics Gedicht einfach nicht, weil ich mich sehr an der Form und an der Arhythmik störe (die sicherlich nur subjektiv ist). Gegen dieses Empfinden kam ich jetzt auch beim dritten Lesen nicht wirklich an. Schade eigentlich, ich scheine auch bei einigen Dingen festgefahren. Europa ist für mich eine sehr fleißige Produktions- und Verkaufsmaschinerie. Ich weiß nicht, ob es jemals Heimat werden kann. Obwohl ich Deutschland und vor allem die deutsche Sprache sehr liebe, glaube ich, dass dieses Gefühl von Heimat nicht mehr kommen wird. 😦

  6. Ich bewundere Ihren Mut, Europa gegen seine ewig mäkelnden Gegner zu verteidigen und sich gegen Affekte und Reflexe zu wappnen, die hier im Harnisch des Arguments vorgebracht werden („Lobbyismus“, etc.). In Europa geht es nicht um die „Utopie“, sondern um Kontinuität des eingeschlagenen Weges. Ich wünsche mir jedenfalls nicht, eines Tages in einer BRD zu leben, die den Weg Ungarns, Russlands (möglicherweise Frankreichs), usw. geht und sich wieder der regressiven Einkehr in den Nationalstaat verschreibt. Die hier feierlich ins Feld getragene „Idee der Bürger“ (welcher Bürger denn? Wer ist mit dieser „Idee“ gemeint? Gibt es eine solide Einheit hinter dieser Fiktion?) ist meist nur ein Vorwand, um sich endlich wieder der Sicherheit einer exklusiven Gemeinschaft anschließen und ihren übergeordneten Zielen unterordnen zu dürfen – Zuflucht der Ängstlichen und Ewigbesorgten und darin Signum der ewigen Modernitätsabwehr der in die Romantik, in die ‚Geborgenheit‘ der ‚Heimat‘, ja der Nation, vergafften Deutschen.

    1. Ich bewundere vielmehr den Mut all jener Politiker, die nach wie vor, allen Schwierigkeiten zum Trotz, für die „Kontinuität des eingeschlagenen Weges“ (eine sehr viel treffendere Formulierung als meine Utopie) kämpfen, gegen den Populismus eines Beppe Grillo oder, schlimmer noch, eines Viktor Orbán. Und manchmal macht es mich wütend, wenn dann die Bürger, die sich quasi reflexartig nicht vertreten fühlen von diesem Europagedanken, sich nicht einmal die Mühe machen, sich zu informieren, wenigstens oberflächlich (für viel mehr reicht es auch bei mir nicht) und einfach mit ihrer Negation auf dem Sofa sitzen bleiben. Vermutlich auch am nächsten Sonntag.

  7. Wenn man derviele unterschiedliche Kulturausprägungen „vereinen“ wollte, wobei zuallererst die Frage nach dem (bis dato noch immer offenen) Warum beantwortet gehörte, die über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausenden herangewachsen sind, muß es einen Überbau geben, den alle Betroffenen vertreten können. Einen solchen kann die Politik nicht beibringen, weil Politik heuer nur noch materialistische Zielsetzungen verfolgt.

    M.E. kann ein solcher Überbau mithin nur auf einer geistigen Ebene existieren. Die wiederum in Europa ebensowenig präsent ist. Was ist das überhaupt für eine wahnhafte Idee, bestehende Strukturen zerstören zu wollen? Im Koran beispielsweise heißt es: O ihr Menschen, Wir haben euch von Mann und Weib erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, dass ihr einander kennen möchtet. (49:14) Supranationale Konstellationen sind, das hat die Vergangenheit mit ihren großen Reichen doch nun eindringlichst gezeigt, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die Menschenstämme sind eben verschieden, und das ist auch gut so.

    Und wer in diesem Zusammenhang das Wort Utopia oder Utopie benutzt, der sollte vielleicht mal einen Blick in ein Wörterbuch werfen, um nachzuvollziehen, wovon da eigentlich gesprochen wird. Mehr als Traumland, Schwärmerei, Wunschziel oder Hirngespinst wird damit nämlich nicht ausgedrückt. Realität sieht anders aus.

    1. Klar sieht Realität anders aus, aber welche schöne, hart erarbeitete Realität ist entstanden, ohne dass davor der Traum war? Krieg und Unterdrückung geht immer ohne Traum, eine irgendwie bessere Welt nicht.
      Und ich bin auch noch so naiv zwischen der Zerstörung von Strukturen und dem Aushandeln eines Konsens eine sehr deutliche Unterscheidung so sehen.

      1. Sicherlich verkörpern Träume eine bestimmte Realität. Ob solche Träume indes nun immer Auslöser für ein Streben nach einer besseren Welt sein müssen? Oder existieren diesbezüglich möglicherweise auch weitere Beweggründe?

        Natürlich sollten die verschiedenen Stämme und Völker sich einander die Hand reichen und gemeinsam nach Besserem streben, gar keine Frage. Indes sollte die Konstellation stimmen. Was soviel heißt, eine Gemeinschaft von Gleichen unter Gleichen, ohne Ausnahme auf ein und derselben Augenhöhe und unter Anerkenung all des jeweiligen Wissens, welches die betreffenden Stämme oder Völker besitzen.

        Daß der zeitgenössische Versuch einer sogenannten europäischen Vereinigung einen anderen Weg geht, der so gar nichts mit Gleichberechtigung, aber m.E. alles mit Ausbeutung zu tun hat, spüren die Betroffenen und nehmen eine entsprechende Abwehrhaltung ein. Das ist den o.a. Gedichten ja auch recht unzweifelhaft zu entnehmen.

        Deswegen mein Plädoyer für die Notwendigkeit eines Überbaus. Solange aber nicht daran gearbeitet wird, sondern nur an der gewaltsamen Durchsetzung von Einseitigkeiten, ist das Menschenrecht eines jeden Volkes auf beispielsweise Eigenständigkeit, Unabhängigkeit, Werte, selbstgewählte Strukturen und einer Verteidigung derselben nicht in Frage zu stellen. Wird dieser Respekt nicht erwiesen – nun ja, was in Europa seit vielen Jahrzehnten gescheht, ist für jedermann mit offenem Blicke durchaus erkennbar, denke ich.

        Und was meinen Sie mit Konsens aushandeln? Einen freiwilligen unter Gleichen oder einen auf der Grundlage einer auf die Brust des jeweiligen Gegenübers gerichteten Pistole? Was soll mit demjenigen geschehen, der an einem Konsens kein Interesse hat? Womit ich nur andeuten möchte, daß ein Konsens durchaus auch die Zerstörung von Strukturen bedeuten kann.

        Wenn es um Veränderungen hin zu etwas Besserem geht, ist dies immer abhängig von einer Bewußtseinsveränderung (der Betroffenen). Wird dieses Bewußtsein nicht geschaffen, reden wir über Gewalt. In der Realität. Unseligerweise.

        Und ich kann mir nicht vorstellen, daß Politik dafür verantwortlich sein kann, Bewußtseinsveränderungen in die Wege zu leiten. Das müssen schon diejenigen in die Hand nehmen, die für sich beanspruchen, Politik zu machen. Das Bewußtsein ändert sich, wodurch sich die Handlungsweise verändert, wodurch sich Politik verändert.
        Also „
        Wo wir uns wieder treffen. Spätestens.

    2. In der Tat sollte man das Wort zuerst bei seiner Quelle nachlesen: dem englischen Humanisten und Europäer Thomas Morus. Utopia ist ein englischer Begriff, der ein klassisches Wortspiel beinhaltet: die Vorsilben „eu“ (= gut) und „u“ (nicht-) verbinden sich im Englischen zu einem Laut: „ju“. Damit wird das multipel Offene und Vielfältige, aber auch die Skepsis an den Möglichkeiten des eigenen Entwurfs in einem Gleichklang ausgedrückt. „Traumland“ usw. mag das der unwissende Duden nennen. Der Begriff „Utopia“ wird in diesem Kontext auf dieser Seite also völlig richtig verwendet. Ein Blick auf die vielseitige Medien- und Literaturlandschaft jenseits des aggressiven Narzissmus der sozialen Netzwerke dürfte zudem zeigen, dass Europa manches abgehen mag, aber doch gewisss keine „geistig“ kreative Landschaft. Und was den Koran angeht: nun, der ist ein arabischer Intertext, der im wesentlichen auf neu interpretierten jüdischen Quellen basiert. Auch hier: bunte Vielfalt, Umschreiben, Neuschreiben, Weiterschreiben – eine großartige geistige Welt eben, die nicht in Reichen gemessen werden kann.

      1. In der deutschen Sprache ist der Begriff der Utopie bereits im sechzehnten Jahrhundert mit Traumland übersetzt worden, auch wenn es sicherlich exakter gewesen wäre, hier – entsprechend des giechischen Bezugs – das Wort Nirgendland zu verwenden. Sei dem wie es sei, sowohl in Thomas Morus‘ wie auch in unseren Zeiten ist Utopie bestenfalls Gesellschaftskritik, wobei es sicherlich interessant wäre herauszufinden, wie die Menschen vor Morus das benannt haben, wofür er dann den Begriff der Utopie einführte. Mit anderen Worten, in der „Skepsis an den Möglichkeiten des eigenen Entwurfs“ ist das weitgehende Scheitern des Ganzen längst enthalten.

        Wenn darüber hinaus die Selbstverliebtheit des Bildungsbürgertums allein den Status Quo abseits des netzaffinen Gesellschaftsanteils zu pflegen scheint, darf man sich wahrscheinlich auch nicht wundern, wenn aus allein spirituell verortetem „geistigen Überbau“ der Primärbegriff einer literarisch und feuilletonistisch verhafteten „geistig kreativen Landschaft“ entsteht.

        Weiter wundern darf man sich denn auch gleich über eine unmoralische Kritik gegenüber einer Heiligen Schrift und deren Anhängern. Das hat bedauerlicherweise nichts mehr mit Wissen, Wissenschaftlichkeit oder Respekt zu tun, sondern verkörpert einzig und allein Mangel an ethischem Gewissen (Prof. Hans Küng, Projekt Weltethos; Thomas Morus, Utopia).

        Schade, ich hätte mir hier Erörterung gewünscht anstatt Beharrung.

      2. Ich verstehe diesen Kommentar nicht, wenn ich ehrlich bin. Was hat denn ein „ethisches Gewissen“ mit philologischen Tatsachen zu tun? Auf der Grundlage welcher Beobachtungen sollte es gestattet sein, Kritik an religiösen Texten als „unmoralisch“ zurückzuweisen – wenn nicht selbst aus religiösem Eifer? Nach ihrer langen Geschichte der Gewalt, Manipulation und Vereinnahmung scheint mir die Religion jedenfalls das am wenigsten geeignete Instrument, um bei anderen ein ethisches Gewissen einzufordern.

  8. Ich fühle mich als Europäerin, nicht als Deutsche, was an meiner persönlichen Sozialisation liegen mag. Bitter stößt mir immer wieder die Arroganz auf, mit der hierzulande den Süd- und Oststaaten begegnet wird und deren Zunahme ich gerade mit der Osterweiterung wahrnehme. Europa wird als Bedrohung empfunden, und in den Köpfen ist die Verteidigung des Wohlstandes sehr viel stärker verankert als seine gerechte Verteilung. Wie Du sagst, daran müssen wir uns abarbeiten. Die vermeintlichen Alternativen hatten und haben wir schon. Zur Genüge.

    1. Die Arroganz, die Du erwähnst, trifft sich sehr gut mit der Diagnose von Ralph Pordzik, der das Besitzstanddenken als möglicherweise größtes Hemnis für ein Zusammenwachsen sieht. All das ist glaube ich gar nicht zu bezweifeln. Und gleichzeitig ein Grund, sich damit auseinander zu setzen und endlich neue Denkwege einzuschlagen. Das ist ja auch das, was die Diskussion hier so müßig macht, es so schwierig erscheinen lässt, ein wirkliches Gespräch zu führen, statt einander widersprechende Positionen gegeneinander auszuspielen. Die ganze Argumentation findet vor dem Denkgerüst von Wachstum und Wohlstand und Sicherheitswahrung in nationalen Kategorien statt. Das ist noch lange nicht überwunden, und trotzdem sind wir längst auf dem Weg, was Stanisic Gedicht gut illustriert, auch wenn wir es vielleicht noch nicht wirklich bemerkt haben.

  9. Was Europa bedeuten kann beweisen die Menschen gerade um Bosnien, Serbien, Kroatien und der Rest von Europa, da wird geholfen, da wird gezittert, da wird miteinander gesprochen und da wird gekämpft und da geht es mal eben um alles, das ist Europa. Europa ist der Balkan und der Balkan ist Europa

  10. Ich möchte gerne mit dir sein – gegen jegliche Europaspötter und die, die nur die Wirtschaftseinheit sehen.

    Am Anfang war die Hoffnung. Dass eine Vernetzung (natürlich vor allem der wirtschaftliche Interessen) dazu führen wird, dass es keine Kriege wie die Koalitions- und die Napoleonischen Kriege, die Invasion Frankreichs in Spanien, zahlreiche Unabhängigkeitskriege (z.B. gegen die Österreichische Herrschaft), den preußisch-dänischen Krieg, den deutsch-dänischen Krieg, den preußisch-österreichischen Krieg, den deutsch-französischen Krieg und natürlich den1. und 2. Weltkrieg (um nur mal die Kriege ab Napoleon, also innerhalb von 100 Jahren, aufzulisten) geben würde.

    Was immer aus Europa geworden ist – egal, wie viele Restriktionen und Gesetze es gibt … ich ertrage diese, weil ich lieber so, als in Kriegen lebe.

    1. Vielen Dank für diese, sehr wichtige, Ergänzung: selbst wenn die Skeptiker in vielen Punkten Recht hätten, wäre es immer noch ein nicht wegzuredender Verdienst der europäischen Union, dass Konflikte diplomatisch und nicht durch Kriege gelöst werden.

  11. Ich habe eine Weile hierüber nachgedacht, darum kommentiere ich so spät. Ich sehe mich wie Pagophila auch als Europäerin, dabei habe ich biologisch und von meiner Familiengeschichte her gesehen erst einmal rein gar nichts mit diesem Kontinent zu tun. Ich habe mich also gefragt, warum das so ist und warum es sich richtig anfühlt. Europa ist ein Konstrukt, eine Idee… um es eine Utopie zu nennen, ist es mir zu real. Es klingt aber schnell recht hochtrabend, wenn man eine Idee als Heimat bezeichnet. Solange es aber eine so komplizierte, mit sich selbst hart ins Gericht gehende Idee ist, finde ich das okay; eine schöne Heimat. Erst wenn sie starr und zu selbstverliebt wird, würde sie eine ungemütliche Heimat werden. Paradox, irgendwie, aber auch schön.
    Mit Stanisics Gedicht kann ich leider auch nichts anfangen, es erscheint mir banal. Aber das ist ja dann oft so, wo der eine nichts sieht, findet der andere einen reichen Schatz.
    Danke jedenfalls! Und noch eine Frage, hast du irgendwo einen Text, der deinen Blog etwas beschreibt? Und deine „Mützen“? Ich wollte dich in eine Blogroll aufnehmen, hätte dafür aber gern zwei oder drei Zeilen…

    1. „Solange es aber eine so komplizierte, mit sich selbst hart ins Gericht gehende Idee ist, finde ich das okay; eine schöne Heimat.“ Damit bringst Du für mich sehr schön auf den Punkt, was ich während dieser Diskussion für mich und mein Europaverständnis gelernt habe. Vielen Dank dafür. Und was Stanisic angeht, ich sehe sein Gedicht als Collage der Schlagzeilen, die häufig banal sind, die Wirkung, die die Aufnahme in ein Gedicht zur Beschreibung der „Lage der Nation“ hat, ist für mich nicht banal.
      Und was Deine Frage angeht; ich habe ganz bewusst keinen solchen Text, der meinen Blog be- und damit festschreibt, ich hatte vorher schon zwei andere Blogs, die hatten ein Konzept und genau das hat mir schließlich die Lust geraubt, damit weiterzumachen. Hier wollte ich von Anfang an offen bleiben für das, was ansteht, so dass ich mal Fotos einstelle, ein anderes Mal von Ausstellungen erzähle, dieses Jahr zum ersten Mal ein Projekt (Heimat) ausprobiere, oder einfach eigene Texte oder Links zu meinen Besprechungen einstelle. Was es gibt, ist ein Text mit dem Titel „Die Mützenfalterin“. Aber ich fürchte, das hilft Dir für Deine Frage nicht viel, oder?

      1. Glaubst du, dass ich Europa nur anhand eines Wahlergebnisses beurteile? Realistischer ist, dass es mich sehr enttäuscht hat und ein bestimmtes Bild, das ich durch meine Erlebnisse hatte, in schmerzlicher Weise „abrundet“. Ich lebe hier seit meinem 3. Lebensjahr und habe viele solcher Erfahrungen gesammelt (aber natürlich auch Gute.)

        Trotzdem möchte ich hinzufügen, dass mein Gefühl, hier nicht mehr Zuhause zu sein, natürlich nicht unabänderlich ist.

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