Heimat (Third culture)

 

 

So viel hat sich bislang überdeutlich abgezeichnet; Heimat ist ein Begriff, der weder eindeutig noch einfach zu definieren ist.

Flucht und Migration spielen eine Rolle und auch die Luxus Variante der Third culture kids.

Bereits in den 1950er Jahren prägten die Sozialwissenschaftlicher John und Hill Useem den Begriff der „third culture kids“, für Kinder von Eltern, die berufsbedingt zunehmend nicht nur die Stadt, sondern auch das Land wechseln. Der ausschlaggebende Punkt, so die Wissenschaft, ob das so ständig verpflanzte Kind ein Heimatgefühl hat oder nicht, ist weniger die Dauer der im Ausland verbrachten Jahre, oder die Anzahl der Orte, an denen es gelebt hat, als vielmehr die sogenannte Latenzzeit zwischen fünf und zehn Jahren, während der Kinder ihre Identität und ihre Werte ausbilden.

 

Ist Heimat also eher ein Zustand als ein Ort?

Ein, nur in den meisten Fällen, an einen Ort gebundener Zustand?

Alles scheint darauf hinzudeuten, dass Heimat kein Ort ist, sondern ein Gefühl, oder vielleicht sogar nur die Erinnerung an ein Gefühl.

 

Aber das ist ein relativ neues Phänomen. Heimat muss einen ganz anderen Stellenwert, auch eine andere Definition gehabt haben. Ein anderes Gefühl muss damit verbunden gewesen sein. So etwas wie „Heimat“ ist eben nicht zuletzt hochgradig vom jeweiligen Zeitgeist abhängig. (und mir fällt es dabei schwer die Grenze zu ziehen zwischen biografischen, persönlichen Empfindungen und gesellschaftlichen Zuschreibungen, dem, was wir eben Zeitgeist nennen).

Um diese Hypothese der Andersartigkeit von Heimat und Heimatgefühl besser verstehen zu können, möchte ich herausfinden, wann die Veränderung begonnen hat und welche Einflüsse dafür verantwortlich gewesen sind. Also zunächst einmal, wie Heimat früher empfunden und beschrieben worden ist. Ob es so etwas gibt wie einen Ursprung des Begriffes „Heimat“. Einen Zeitpunkt (und Anlass!) zu dem sich dieser Begriff gebildet hat, um von da aus zu wachsen und zu schrumpfen, sich ständig zu verändern und zu entwickeln. Seine (von Anfang an angelegte) Widersprüchlichkeit zu entfalten.

 

Und eine andere (aber natürlich damit verbundene) Frage:

Ist Heimat ein „hin“ (Hingabe, Hinsehen, hingehen…), oder eher ein „her“ (Herkunft, Herkommen, hergeben, heraus)

Und da ist wohl auch einer der Schnittpunkte mit meiner eigenen Geschichte, mein Leben zwischen hinein und heraus, irgendwie heimatlos.

Denn Heimat ist weder hinein noch heraus, sondern einfach Da sein.

Vielleicht ist das, worum es immer und überall geht der Versuch über sich hinaus zu gehen, seine Heimat in der Bewegung zu finden, zwischen Grenzen, die scheinbar ausschließlich und undurchdringbar sind (zumindest aber nicht übertreten werden dürfen), seine Heimat in der Bewegung zu finden, damit die Gegensätze aus denen das Leben besteht, einen nicht zerreissen. 

 

 

 

 

Advertisements

10 Gedanken zu “Heimat (Third culture)

  1. Das Thema beschäftigt die“irgendwie heimatlose“ sehr, verständlicherweise. Es müsste bei mir aufgrund der Umzieherei im Kindes- und Jugendlichenalter ebenso sein, ist es aber nicht. Mein Heimatgeheimnis sitzt tief im Innen…

  2. „Ist Heimat ein „hin“ (Hingabe, Hinsehen, hingehen…), oder eher ein „her“ (Herkunft, Herkommen, hergeben, heraus)“

    Was für eine wundervolle Formulierung! Und auch der Satz, dass Heimat einfach nur Da sein heißt, ist sehr treffend!

    1. Danke für Dein Lob. Was ich aber mit allen Beiträgern (einschließlich Dir! ) teilen möchte, weil alles, was in diesem Text steht das Ergebnis dieser schönen Zusammenarbeit ist.

  3. Heimat ist für mich dort, wo ich mich bedingungslos sicher fühle, oder, wie Du treffend schreibst, „einfach Da sein“ kann. Wir sehnen uns ein Leben lang nach diesem bedingungslos sicheren Ort, der für uns als Kind so wichtig gewesen wäre. Dieses Sehnen und Suchen nach dieser bedingungslosen Sicherheit ist wohl die Bewegung, die Du meinst. Sie führt uns in die Liebe und schlussendlich zu uns selbst.

    1. Diese Antwort, die Du hier formuliert hast, finde ich auch in Deinen Büchern, in „Der Hibiskus blutet“ und vielleicht mehr noch in „Amerika give me a reason to love you“. Die Auseinandersetzung mit diesen Büchern war über den rein ästhetischen Genuss hinaus sehr weitreichend für mich. Vielleicht gibt es demnächst einen Text dazu. Aber jetzt und hier schon einmal meinen aufrichtigen Dank.

      1. Auch ich lese immer wieder gerne Deine Texte und Gedichte
        und schätze Deine poetische Kraft und Aufrichtigkeit.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s