Die Hände meines Vaters, ein bretonischer Küstenort und Hauptsache bewegt

Deine Hände waren ein Hafen, den ich viel zu jung und viel zu überstürzt verlassen habe, und in den ich erst kurz vor deinem Tod zurückgekehrt bin. Große schwere Hände. Sensibel genug, um feine Bleistiftlinien zu zeichnen und aus Papierbögen Schiffchen zu falten. Stark genug, um Eisen zu schmieden und um mich hoch in die Luft zu werfen und wieder aufzufangen. Zärtlich genug, um mein aufgeschürftes Knie zu verarzten und mir das Haar aus der Stirn zu streichen. Brutal genug, um deinem Zorn Ausdruck zu verleihen auf entsetzter Haut. Nicht auf meiner. Trotzdem schmerzte es. Als ich nicht mehr wegsehen konnte, verließ ich den Hafen. Da war ich zwölf. Erst an deinem Sterbebett steuerte ich ihn wieder an, hielt deine Hand, die kaum noch Gewicht hatte, keinen Widerstand mehr bot. Leicht wie ein Vogel ruhte sie in meinen Händen. Nur warm war sie noch.

 

*

 

Ich habe immer eine Sehnsucht in mir gehabt. Selten wusste ich sie zu benennen. Ein Gefühl wie Heimweh und Fernweh zugleich. Meistens wünschte ich mich woanders hin. Immer sehnte ich mich nach einem beständigen Ort. Ich bin bisher vierzehn mal in meinem Leben umgezogen, am häufigsten in der Kindheit. Ich habe Grundschulen in drei verschiedenen Städten besucht. Inzwischen sind die Abstände größer geworden, nicht zuletzt meinen eigenen Kindern zuliebe. Vor etwa achtzehn Jahren machte ich mit meiner kleinen Familie Urlaub in der Nordbretagne. Wir fanden einen Campingplatz mit Blick aufs Meer. Dort, in dem Hafenstädtchen Binic, hatte ich erstmals das Empfinden, als wären Heimweh und Fernweh zugleich gestillt. Als schlösse sich ein Kreis. Der Atlantik ist mir in dieser Bucht wie ein Geliebter, sanft tragend und Widerstand leistend zugleich. Wind, Möwen und Sonne sind mir dort vertrauter als anderswo. Dieser Ort ist mir ein inneres und äußeres Zuhause geworden. Schon viel zu lange war ich nicht mehr da. Manchmal habe ich mich gefragt, ob ich in irgendeiner Weise von dieser Küste stamme. Ob ich vielleicht keltische Ursprünge habe. Aber es nicht wichtig, das zu erforschen und zu wissen. Wichtig ist, was ich spüre, wenn ich dort bin: Zugehörigkeit. Das Gefühl, angekommen zu sein. Nichts, was man erklären muss.

 

*

 

Was ich seit vier, fünf Jahren zunehmend wahrnehme: Ein Gefühl des  Zuhauseseins im Schreiben und in der Bewegung. Beides hängt für mich zusammen; und mit Bewegung meine ich sowohl eine körperlich-räumliche als auch eine gedankliche. Reisen, Entwicklung, Lebendigsein. Ein Heimatfinden und -einrichten in mir und im Unterwegssein, in meiner Gangart, in meinem Tempo. Ich selbst als mein allereigenster Ort, egal wo, Hauptsache bewegt. Unterwegs und mit der Ahnung eines Hafens im Kopf.

 

 

Herzlichen Dank an Iris für diesen Text zum Thema Heimat.

 

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9 Gedanken zu “Die Hände meines Vaters, ein bretonischer Küstenort und Hauptsache bewegt

  1. Ein Text der nahegeht, berührt. Ein tExt den ich mit in den Tag nehme. Dieses nicht zu Hause sein, Heimweh und Fernweh zugleich, mein Gatte sagt in solchen Momenten…..da ist er wieder der Nordwind…und dann die Kinder, die bleiben wollen, die einen Ort brauchen um Wurzeln zu schlagen. Auchbei uns sind die Abstände größer geworden.
    Und die Bewegung muss nun innerlich stattfinden. Einen schönen Tag und danke für diesen Text!

    LG Xeniana

    1. Danke Dir, liebe Sophia!
      Die vielen Facetten, genau. Die faszinieren mich auch. Sowohl im eigenen drüber Nachdenken, was Heimat bedeutet als auch im Lesen der persönlichen Geschichten der anderen.

      Deshalb auch hier nochmal vielen Dank an Dich, liebe Mützenfalterin, für Dein Projekt, das so viel in Bewegung setzt!

      Übrigens gibt es jetzt auch noch eine Übertragung des letzten Textabschnitts ins Französische. Durch die Twitterin @dites_donc, die kann sowas. Hier (und direkt unterm Text bei mir drüben):
      „Ce qui grandit en moi depuis quatre ou cinq ans, c’est cette sensation d’être chez moi dans l’écriture et le mouvement – les deux sont liés. Le corps, les idées : en mouvement. Voyager, évoluer, être vivant. Me retrouver en moi, m’y faire ma place. Et bouger, à mon rythme, au pas qui est le mien. Être mon propre repère, itinérant. Avoir un ancrage intérieur, vibrant.“

  2. Ich danke Dir, liebe Iris, für diesen Text zum Projekt Heimat, bei dem Du Dich sehr geöffnet hast. Das ist nicht selbstverständlich, und das berührt mich sehr. Ein zentraler Satz bleibt für mich hier: „Ein Gefühl wie Heimweh und Fernweh zugleich.“ Letztlich liest sich diese Zerrissenheit fein aus Deinen Zeilen heraus.
    Herzlichen Dank dafür,
    mb

    1. Vielen Dank, liebe mb, für den wertschätzenden Kommentar!
      Heimweh und Fernweh – das ist wie zwei Enden einer Schnur, die in entgegengesetzte Richtungen ziehen. Zu manchen Zeiten und an manchen Orten berühren sich die beiden Enden, dann schließt sich der Kreis und das Ziehen hat ein Ende. Irgendwie so fühlt es sich an.
      Liebe Grüße,
      Iris

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