Saša Stanišić (und Tilman Rammstedt) in Bielefeld

 

Zu seiner ausverkauften Lesung in Bielefeld hatte Sasa Stanisic Tilmann Rammstedt mitgebracht. Oder jedenfalls seine Kommentare zu und Ratschläge bezüglich Bielefeld. So schützte eine von Rammstedts SMS Stanisic davor im „bösen“ (Rammstedt) Knigge einzukehren, und stattdessen zu beobachten, wie ein Mann mitgebrachte Trauben schälte und in sein Weinglas gab. Oder kurz, wie das eben so ist, wenn ein Nichtort zeitweise der Standort ist.

Wie dem auch sei, Stanisic hat diesen Ort jedenfalls einen Abend lang bereichert. Denn seine Lesung war eine von den Lesungen, die ein echter Zugewinn sind. Das lag nicht nur an seinem sehr professionellen Vortrag, bei dem er mit seinen Gesten die eigenen Worte dirigierte, sondern ganz besonders an der Art und Weise, wie er nach der Lesung auf die Fragen einging.

Natürlich wurde er nach seinem ersten Buch „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ gefragt, und wie es denn komme, dass dieses Buch „Vor dem Fest“ so anders sei, in Deutschland spiele und auch gar nichts mehr mit dem Krieg, mit Flucht und Vertreibung, nicht einmal mit der verlorenen Heimat zu tun habe.

Sein erstes Buch, erzählt Stanisic daraufhin, habe er aus einem inneren Archiv geschöpft, die Geschichten erzählt und aufgeschrieben, die sich in seine Träume schlichen und die Tage bedrückten. Schon nachdem das Buch beendet war, habe er ein ganz anderes Buch schreiben wollen, aus einer beobachtenden Perspektive. Und dann war da noch das Thema des Verschwindens. Vor vier Jahren habe er ein kleines Dorf in Bosnien besucht, in dem nur noch dreizehn Menschen lebten, und das einen engen Bezug zu seiner eigenen Familiengeschichte hat. Dieses verschwindende bosnische Dorf wurde das Vorbild für ein Dorf in Deutschland, das Stanisic mit Worten erschaffen und dennoch in der Realität verorten wollte. Auf diese Weise ist Fürstenfelde entstanden, ein Dorf mit einer ganz eigenen Mythologie, zusammengestellt aus alten Archiven der Uckermark und Geschichten aus Bosnien, ein Dorf, das eine Brücke zwischen den Nationen baut, weil es seine Wurzeln in zwei unterschiedlichen Kulturkreisen hat.

Stanisic jedenfalls ist wie seine Bücher: sprachgewaltig, humorvoll und liebenswert.