GMX und andere Katastrophen

 

Nachdem ich die merkwürdigen (und mir unerklärlichen) Rechnungen und Mahnungen von gmx wochenlang ignoriert habe, ist mein Konto seit heute morgen gesperrt. Mehrere Anrufe im sogenannten „Servicecenter“ vermittelten mir das Gefühl Kafkas Landvermesser auf der Suche nach dem Schloss zu sein.

Jetzt habe ich aufgegeben, mir eine neue Adresse eingerichtet, in über zehn Jahren gesammelte Kontakte verloren und hoffentlich nachhaltig für mich die Lehre gezogen, dass ich mich mit den technischen Hilfsmitteln, die ich nutze wenigstens minimal auseinandersetzen muss, statt aus Bequemlichkeit kaum einen Gedanken an kleinere und größere mögliche Katastrophen zu verschwenden.

 

Die Nähe der Sätze

„gibt es überhaupt, Milena, auf der Welt so viel Geduld, wie für mich nötig ist? Sag es mir Dienstag.“ (Kafka, Briefe an Milena)

Ich habe den Dienstag immer gemocht
Der Dienstag ist grün
Er ist einsam
Vielleicht träumt er manchmal von der Geduld
Er redet nicht
Er hat ein schlechtes Gewissen, oder ein gutes
Das bleibt sich gleich
Ein Gewissen hat er
Also macht er es sich nicht leicht

Der Dienstag ist eine Frau
Er schläft schlecht
Wenn er dennoch schläft, 
quälen ihn einsichtige Träume
Ich werde mich an einem Dienstag in eine Frau verlieben
An einem Dienstag verliert sie die Geduld mit mir
Dann stellen wir unsere Sätze so nah nebeneinander, 
dass kein Platz mehr ist zwischen ihnen
für uns.

[keine delikatessen # 14, 2010]

Form

 

Es geht darum, eine Form zu finden. Nicht irgendetwas zu formen, sondern wahrzunehmen, und dann die wirklich entsprechende Form zu finden, oder herzustellen.

 

Ulrich Koch – Elementare Gedichte

 

Ich erinnere mich an jeden Satz, den ich nicht gesagt habe.
Die Bäume ziehen sich wieder Handschuhe an, um Vögel zu fangen.

In der Zeitung auf einer Fotografie von cirka 1860 die verwaisten Eltern mit ihrem toten Kind im Arm, handkoloriert.“

So schreibt nur Ulrich Koch. Und sechsundzwanzig elementare Gedichte von ihm hat Carl Walter Kottnik jetzt illustriert und herausgegeben.

 

Oder Europa?

 

Kann Europa so etwas wie eine Heimat werden?

Irgendwann?

Ein Ort, an dem wir uns gemeinsam sicher fühlen können?

 

Im aktuellen SZ Magazin haben Schriftsteller aus zehn Mitgliedsstaaten kurze Gedichte über ihr Land verfasst, und die einzige Gemeinsamkeit, die ich in den Gedichten finden konnte, war das Bewusstsein für ein Fehlen. Ein Fehlen von Solidarität und Menschlichkeit. Sheptim Selmani schreibt für den Kosovo:

 

„Am ersten Tag wurde das Blut erschaffen,

am zweiten Tag der Tod,

am dritten Tag war von Liebe die Rede,

dann war kein Tag mehr übrig für die Menschen.“

 

und Sasa Stanisic skizziert Deutschland:

 

„Die Geheimnisse sind wir los. Abgegeben, wie unsere gut gebauten Waffen,

unfreiwilliger. Schütteln Babys, verliert Bayern ein Spiel, wir sind bischofs-

residenzschön. Wetten, dass unser Bier übernimmt, ein Denkmal für Erwin

Rommel, unsre Epen, unsre Migranten am Theater, unsre russische Energie.“

 

Wer weiß, vielleicht ist das Bewusstsein, dass etwas Grundlegendes fehlt, zusammen mit dem Erkennen „unsrer Migranten am Theater, unsrer russischen Energie“, ja ein Anfang, um so etwas wie eine menschliche Heimat aufzubauen. Und irgendwann viel später können die Generationen nach uns sagen: Am Anfang war die Utopie.

 

 

 

Geheimnis.

Meine letzten Überlegungen zum Begriff Heimat bestanden darin, dass ich mir bewusst geworden bin, dass ich nach einem Ursprung suchen möchte, nach einem Urgrund dieses Begriffes, um das Wesen der „Heimat“ aufgrund ihrer Entwicklungsgeschichte nachvollziehen zu können. Das ist natürlich ein Unterfangen, das ich nicht in wenigen Tagen, quasi zwischendurch erledigen kann. Ich müsste recherchieren, lesen, überlegen. Das alles braucht Zeit.
Und wäre vermutlich gar nicht zu bewältigen, wenn nicht viele andere Menschen, bewusst oder unbewusst schon seit langem oder gerade eben an genau demselben Projekt arbeiten würden.
Ihre ganz eigene Geschichte dieses Begriffes erzählen. Wie Mary am Meer, die Heimat im Geheimnis entdeckt hat.

Heimat (Third culture)

 

 

So viel hat sich bislang überdeutlich abgezeichnet; Heimat ist ein Begriff, der weder eindeutig noch einfach zu definieren ist.

Flucht und Migration spielen eine Rolle und auch die Luxus Variante der Third culture kids.

Bereits in den 1950er Jahren prägten die Sozialwissenschaftlicher John und Hill Useem den Begriff der „third culture kids“, für Kinder von Eltern, die berufsbedingt zunehmend nicht nur die Stadt, sondern auch das Land wechseln. Der ausschlaggebende Punkt, so die Wissenschaft, ob das so ständig verpflanzte Kind ein Heimatgefühl hat oder nicht, ist weniger die Dauer der im Ausland verbrachten Jahre, oder die Anzahl der Orte, an denen es gelebt hat, als vielmehr die sogenannte Latenzzeit zwischen fünf und zehn Jahren, während der Kinder ihre Identität und ihre Werte ausbilden.

 

Ist Heimat also eher ein Zustand als ein Ort?

Ein, nur in den meisten Fällen, an einen Ort gebundener Zustand?

Alles scheint darauf hinzudeuten, dass Heimat kein Ort ist, sondern ein Gefühl, oder vielleicht sogar nur die Erinnerung an ein Gefühl.

 

Aber das ist ein relativ neues Phänomen. Heimat muss einen ganz anderen Stellenwert, auch eine andere Definition gehabt haben. Ein anderes Gefühl muss damit verbunden gewesen sein. So etwas wie „Heimat“ ist eben nicht zuletzt hochgradig vom jeweiligen Zeitgeist abhängig. (und mir fällt es dabei schwer die Grenze zu ziehen zwischen biografischen, persönlichen Empfindungen und gesellschaftlichen Zuschreibungen, dem, was wir eben Zeitgeist nennen).

Um diese Hypothese der Andersartigkeit von Heimat und Heimatgefühl besser verstehen zu können, möchte ich herausfinden, wann die Veränderung begonnen hat und welche Einflüsse dafür verantwortlich gewesen sind. Also zunächst einmal, wie Heimat früher empfunden und beschrieben worden ist. Ob es so etwas gibt wie einen Ursprung des Begriffes „Heimat“. Einen Zeitpunkt (und Anlass!) zu dem sich dieser Begriff gebildet hat, um von da aus zu wachsen und zu schrumpfen, sich ständig zu verändern und zu entwickeln. Seine (von Anfang an angelegte) Widersprüchlichkeit zu entfalten.

 

Und eine andere (aber natürlich damit verbundene) Frage:

Ist Heimat ein „hin“ (Hingabe, Hinsehen, hingehen…), oder eher ein „her“ (Herkunft, Herkommen, hergeben, heraus)

Und da ist wohl auch einer der Schnittpunkte mit meiner eigenen Geschichte, mein Leben zwischen hinein und heraus, irgendwie heimatlos.

Denn Heimat ist weder hinein noch heraus, sondern einfach Da sein.

Vielleicht ist das, worum es immer und überall geht der Versuch über sich hinaus zu gehen, seine Heimat in der Bewegung zu finden, zwischen Grenzen, die scheinbar ausschließlich und undurchdringbar sind (zumindest aber nicht übertreten werden dürfen), seine Heimat in der Bewegung zu finden, damit die Gegensätze aus denen das Leben besteht, einen nicht zerreissen.