Was Heimat sei.

Wir kauften uns Plastikmuscheln am Büdchen und leckten den Honig- oder Waldmeistergeschmack aus ihnen heraus, trafen uns später, viel später, im „Café Kummer“, tranken Earl Grey Tee, gingen danach in die Innenstadt und kauften Räucherstäbchen und in kleinen Fläschchen Vanille-Öl. Das rieben wir uns innen auf die Handgelenke und in die lilagefärbte Windel, die wir um unseren Hals gebunden trugen. Wir erfanden Geburtstage für unsere Wellensittiche. Bubi, Kuki und Kiki. Im Zooladen in der Stadt kauften wir die Geschenke: Kolbenhirse und kleine Spiegel mit Glöckchen dran. An der Kasse starrten wir in die Kiste mit Mehlwürmern, die krümmten und schlängelten sich, tauchten ab und wieder auf, bildeten einen Klumpen, dann wieder Wellen. Der Mann an der Kasse schaufelte einen Haufen von ihnen in eine Tüte. Als sie auf dem Verkaufstresen lag, bewegte sie sich. Ich stellte mir die Tiere vor, von denen sie gefressen werden würden. Später, als es keine Wellensittiche mehr gab und wir auch das Wiesenschaumkraut nicht mehr pflückten, nicht mehr mit dem Rad fuhren, uns nicht mehr stritten und nicht mehr vermissten, wurde das Haus in unserer Stadt angezündet. Starben Menschen, verloren Menschen alles, was sie hatten. Ich dachte an Wiesenschaumkraut, an Muscheln, aus denen man Waldmeister- und Honiggeschmack lecken kann. Ich dachte daran, dass es eine Heimat geben kann, die keine ist. Oder die verloren gehen kann, für immer. Später, als ich noch viel mehr mit den Menschen dort zu tun hatte, mehr, als mir lieb war … als jeder wusste, wer ich zu sein hätte … erinnerte mich Pfingsten ausnahmslos an diese Brandnacht in meiner Stadt, in Solingen. Manchmal rieche ich noch an dem leeren Fläschchen, es riecht nach Vanille, Honig und Waldmeister. Nach meiner Freundin. Aber nicht mehr nach Heimat.

[Herzlichen Dank an mb vom Haushundhirsch-Blog, die mir diesen Text für das Heimat-Projekt zur Verfügung gestellt hat.]

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10 Gedanken zu “Was Heimat sei.

  1. ach, liebe mb – wie deine beschreibung mein herz höher schlagen lässt. zwar ohne brandnacht und ohne muscheln, und auch war es nicht solingen, aber ansonsten … die lila windel und die kleinen parfümfläschen (moschus, patchouli) … und ja, ein bisschen ist das heimat, in der ich mich aber heute nicht mehr heimatlich fühle, obwohl alles vertraut ist. und die frage, was heimat sei, wird immer mal wieder ganz laut, wenn ich durch vertraute strassen schlendere.

    über den brand habe ich schon bei blogkollege glum gelesen (als nicht-deutsche war ich damals „zu weit weg“, um es wirklich zu begreifen, was da in der schweizer tagesschau erzählt wurde …

    danke, liebe mützenfalterin, für dieses projekt!!!

  2. Wie einem Heimat verdorben werden kann …

    (Auch ich möchte mich bedanken für dieses Projekt, liebe Mützenfalterin. Es geht so nahe, unter die Haut. Muss es ja auch, weil es jeden betrifft. Ich freue mich auf weitere Texte. Vielleicht finde ich noch den Mut, selbst einen beizusteuern.)

  3. Liebe mb,

    ich hatte diesen Text damals schon bei euch auf dem Blog gelesen. Und es beschlich mich dabei jedesmal ein ganz mulmiges Gefühl. Erst die Unschuld, das Gefühl von Heimat, dann, wie skrupellose Menschen nicht nur die Opfer sondern auch euch aus dieser Heimat gejagt haben. Damals spürte ich in dem Text eine gewisse Art von Schuldgefühl, das war auch beim heutigen Lesen noch der Fall. Danke für den Text.

    1. Ja, das kann gut sein, liebe Sherry, dass eine Art Schuldgefühl aus diesen Zeilen herauszulesen ist. Beim Schreiben war es mir nicht bewusst. Und eigentlich empfinde ich es auch jetzt nicht. Allerdings kann es durchaus möglich sein, dass ich unbewusst eine Art Schuld übernehme für diese grausame Tat, weil sie in meiner Heimatstadt stattgefunden hat, und weil Menschen, die ich kenne, sich überhaupt nicht kritisch damit auseinandergesetzt, sondern ausschließlich verdrängt haben.
      Danke für Deine Rückmeldung!
      mb

  4. Ein wirklich toller Text, die lieben Kindheits- oder Jugenderinnerungen, die ich auch teile, diese kleine heile Welt einerseits, und dann dieser Schock, der Einbruch der unheilen Welt, der alles vergiftet, auch die lieben, harmlosen Erinnerungen …

  5. Lieben Dank, Elke, für dieses feine Projekt und seine mir sehr zusagende Umsetzung! Ich bin gespannt, wie es weiter geht …
    Ich freue mich sehr, dass mein Text hier auf Interesse gestoßen ist und danke allen, die ihn gelesen, geliked und kommentiert haben herzlich.
    mb

  6. liebe mb,

    hier ist er wieder, der schock über brandsätze, der menschenleben vernichtete, die in d zuflucht suchten, um dann hier zu verbrennen. mich hat das damals schon fassungslos gemacht und macht es auch heute noch und wird es immer und immer wieder tun. solingen war eins, hoyerswerda das nächste, dann kam rostock und es kommt immer noch etwas nach und das werde ich wohl nie kapieren.

    vielen dank für deinen text
    und an dich, liebe elke, für dieses projekt!

    herzliche grüße ulli

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