Was Heimat sei.

Wir kauften uns Plastikmuscheln am Büdchen und leckten den Honig- oder Waldmeistergeschmack aus ihnen heraus, trafen uns später, viel später, im „Café Kummer“, tranken Earl Grey Tee, gingen danach in die Innenstadt und kauften Räucherstäbchen und in kleinen Fläschchen Vanille-Öl. Das rieben wir uns innen auf die Handgelenke und in die lilagefärbte Windel, die wir um unseren Hals gebunden trugen. Wir erfanden Geburtstage für unsere Wellensittiche. Bubi, Kuki und Kiki. Im Zooladen in der Stadt kauften wir die Geschenke: Kolbenhirse und kleine Spiegel mit Glöckchen dran. An der Kasse starrten wir in die Kiste mit Mehlwürmern, die krümmten und schlängelten sich, tauchten ab und wieder auf, bildeten einen Klumpen, dann wieder Wellen. Der Mann an der Kasse schaufelte einen Haufen von ihnen in eine Tüte. Als sie auf dem Verkaufstresen lag, bewegte sie sich. Ich stellte mir die Tiere vor, von denen sie gefressen werden würden. Später, als es keine Wellensittiche mehr gab und wir auch das Wiesenschaumkraut nicht mehr pflückten, nicht mehr mit dem Rad fuhren, uns nicht mehr stritten und nicht mehr vermissten, wurde das Haus in unserer Stadt angezündet. Starben Menschen, verloren Menschen alles, was sie hatten. Ich dachte an Wiesenschaumkraut, an Muscheln, aus denen man Waldmeister- und Honiggeschmack lecken kann. Ich dachte daran, dass es eine Heimat geben kann, die keine ist. Oder die verloren gehen kann, für immer. Später, als ich noch viel mehr mit den Menschen dort zu tun hatte, mehr, als mir lieb war … als jeder wusste, wer ich zu sein hätte … erinnerte mich Pfingsten ausnahmslos an diese Brandnacht in meiner Stadt, in Solingen. Manchmal rieche ich noch an dem leeren Fläschchen, es riecht nach Vanille, Honig und Waldmeister. Nach meiner Freundin. Aber nicht mehr nach Heimat.

[Herzlichen Dank an mb vom Haushundhirsch-Blog, die mir diesen Text für das Heimat-Projekt zur Verfügung gestellt hat.]