Heimat (Sherry)

 

Obst und frische Kräuter

 

Mama und ich sind alleine in Deutschland. Irgendwo. Die Menschen sind fremd und reden nicht so viel mit einem wie in der Heimat. Und wenn, dann verstehen wir sie nicht. Ich bin drei Jahre alt. Ich habe Angst, weil Mama Angst hat. Wo ist Papa und wann wird er wieder bei uns sein? Papa ist stark, er kann uns beschützen. Er soll hier sein. Bitte lieber Gott. In der Heimat hörten wir Sirenen und laute Knalle, aber hier hatte ich die meiste Angst. Erst, wenn ich die Augen schließe, weint Mama, damit ich nichts merke. Ich kralle meine kleinen Hände in ihre Brust und schlafe ein. Nachts träume ich von einem Erschießungskommando, das uns die Augen verbindet und an die Wand stellt. Dann erschießen sie uns. Aber wir fallen auf eine Matratze, das tut nicht so weh. So tut das Sterben weniger weh. Cut.

 

Ich bin vier Jahre alt. Ich kritzele immer wieder alles voll. Die weißen Blätter in unserer ersten kleinen Ein-Zimmer-Wohnung sind alle voll. Mal mit dem blauen, mal mit dem schwarzen Kugelschreiber. Der Bleistift hat mich nie interessiert. Er ist so unverbindlich. Man kann ja alles wegradieren. Ich laufe zu Papa und zeige ihm, was ich gemalt habe. Er schaut mich lächelnd aber traurig an: „Schon wieder Khomeini gemalt, Dokhtaram? (pers. meine Tochter)“ – Ich schaue ihn mit großen Augen an, nehme das Blatt Papier zurück und kritzele wieder etwas drauf, damit er nicht mehr traurig guckt. Ich laufe zurück zu ihm und sage: „Unser Haus in Teheran. Da sind Oma und Opa drin.“ – Doch trotzdem bleibt sein Lächeln traurig. Cut.

 

Komm‘ Azizam (pers. mein Liebstes), Oma und Opa wollen mit Dir reden. Sie sind am Telefon und vermissen Dich.“ Ich hopse zum Telefon und sage leise „Allo?“ Oma redet überschwänglich, sie redet und redet – und ich frage mich, warum sie so schnell und so viel redet. Und sie schafft es doch nicht, ihre brechende Stimme aufzuhalten. „Azizam, wir vermissen Dich so. Wir vermissen Dich so sehr.“ – Sie weint und gibt Opa das Telefon in die Hand ohne sich zu verabschieden. Opas Azari-Akzent beim Persischsprechen ist das Schönste, was ich je gehört habe, deshalb achte ich nicht darauf, was er sagt, sondern wie er es sagt. Erst, als seine Stimme bricht, sage ich: „Bitte nicht weinen, bitte nicht weinen Opa. Ich liebe Euch doch! Bald sind wir zusammen. Papa hat das versprochen.“ Cut.

 

Ich bin fünf Jahre alt. Opa und Oma wohnen bei uns in unserer ersten Ein-Zimmer-Wohnung. Wir sind glücklich. Sie kocht – und es schmeckt wie zu Hause, denn sie hat viel von dort mitgebracht. In Deutschland schmecken das Obst und die Kräuter wie Wasser. Daran müssen wir uns gewöhnen. Wir gewöhnen uns daran, denn hier – merken wir erst langsam – sind wir sicher. Zwei Jahre später ist fast die ganze Familie in Deutschland. Es ist laut bei uns, aber dafür sind wir nie allein. Es ist alles in Ordnung. Unsere neue Wohnung hat ganze drei Zimmer, aber sie wird anfangs von fünfzehn Familienmitgliedern besetzt. Meine Hausaufgaben mache ich im Treppenhaus, weil ich dazu Ruhe brauche. Aber nichts ist schöner, als als Einzelkind mit duzenden Cousins und Cousinen aufzuwachen und einzuschlafen, die man über alles liebt und behütet wie zerbrechliches Porzellan.

 

Heute. Wir sind erwachsen und versuchen die Opfer unserer Eltern zu würdigen, indem wir lernen und studieren, arbeiten und erfolgreich sind. Wir zeigen unseren Eltern, dass ihre Entscheidung, die Heimat für immer zu verlassen und sich niemals zu Hause zu fühlen, die Richtige war. Unser Heimweh behalten wir für uns. Auch das schlechte Gewissen, das uns immer wieder überfällt, wenn wir sehen, wie schwer es jene haben, die damals nicht geflohen sind, schlucken wir mit Shoppingtouren und vielen Feierlichkeiten runter. Manchmal schmecken das Obst und die frischen Kräuter hier immer noch wie Wasser. Aber es ist seltener geworden. Und obwohl wir der deutschen Sprache mächtig sind, gibt es Tage, an denen wir die deutschen Mitbürger einfach nicht verstehen. Wir sind jetzt nicht nur dankbar, sondern kennen auch unsere Stärken, denn wir wissen, dass auch wir mit unserem Fleiß und unseren ur-eigenen Eigenschaften dieser Gesellschaft viel zu bieten haben. Beim Versuch, auf Augenhöhe zu kommunizieren, stecken wir noch immer viel ein.

 

Der Geruch der iranischen Erde fehlt mir noch immer – und noch immer vermischt er sich mit dem Schrecken der alten Bilder nach der Revolution. Aber eines Tages kehren wir zurück. Und sei es auch nur deshalb, um ein einziges Mal mitten auf der Straße mit irgendjemandem Persisch zu sprechen und mit einem erleichterten Lächeln zu erkennen, dass er uns versteht. Persisch. Die Sprache meiner Liebe und Heimatlosigkeit.

[Herzlichen Dank an Sherry, die mir diesen Beitrag für das Heimatprojekt zur Verfügung gestellt hat]

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14 Gedanken zu “Heimat (Sherry)

  1. ich war nicht sicher, zu anfang, ob du sherrys geschichte aus ihrer warte aus und mit ihrer stimme erzählst, oder ob es sherry erzählt. ein text, der wehtut. der aufwühlt. der mein herz weit macht und schneller schlagen lässt! DANKE!

    ich bin gespannt auf dein projekt!!

    1. Dann mache ich das an dieser Stelle noch einmal ganz deutlich: das ist ein Text, den Sherry geschrieben hat, und den auch nur Sherry so schreiben konnte.
      Es klingt so abgegriffen, aber mich rührt dieser Text immer wieder zu Tränen und ich wünschte jeder könnte solche Texte an sich heranlassen, dann würde sich vielleicht etwas ändern und Lampedusa wäre endgültig Vergangenheit.

      1. Es sollten immer auch die Berichte der Betroffenen sein, die das Geschichtsbewußtsein der Menschen formen, und nicht nur jene Sicht der „Sieger“, also der Mächtigen, die wir später dann in den Geschichtsbüchern nachlesen dürfen.

  2. Liebe Mützenfalterin,
    ich danke Dir schon jetzt sehr für dieses Projekt und den Raum, den Du hier für dieses spannende Thema gibst!
    Liebe Sherry,
    Dein Text, Deine Gedanken und Erfahrungen gehen unter die Haut und hinterlassen immer wieder eine tiefe Traurigkeit, aber auch ein Verständnis dafür, mit wie viel Stärke und Mut Menschen auf den erlittenen Verlust ihrer Heimat reagieren können. Dabei schreibst Du schnörkellos, beinah protokollierend, und vielleicht löst genau diese Form die Möglichkeit, nah ranzurücken und genau hinzuschauen, in mir aus!
    „Unser Heimweh behalten wir für uns.“, schreibst Du. Ich freue mich, dass Du es jetzt benennen kannst!
    Herzlichen Dank!!
    mb

    1. Liebe mb,

      danke, dass du die Zwischenzeilen gespürt hast. Ich habe diesen Text recht nüchtern geschrieben, musste dabei aber auch weinen. Danke, dass ihr das gespürt habt.

    1. Jetzt entdecke ich diese Geschichte hier, die sowohl vom Iran wie auch vom Exil in Deutschland handelt und Sherry wird plötzlich zu einem Teil eines anderen Textes, den ich vor einer Weile veröffentlicht habe: http://asallime.com/2013/11/18/eine-geschichte-aus-dem-abendland/
      Ich spreche kaum noch Persisch und kann doch nachempfinden, was Sherry hier über die Sprache ihrer Heimatlosigkeit schreibt. Schön, dass wir auf deinem Blog zusammengeführt wurden, liebe Elke!

      1. Das ist das schönste überhaupt, wenn sich dann auch noch Verknüpfungen ergeben und auf diese Weise, Gedanken, Geschichten, vielleicht sogar Menschen, zusammengeführt werden, die zusammen gehören. Wenn das Muster so immer größer wird, bunter und vollständiger. So dass immer mehr Menschen erkennen können, dass es viel mehr Gemeinsames gibt als Trennendes. Ich danke euch allen sehr für diese Geschichten.

  3. durch deine worte, liebe sherry, kann ich deine trauer spüren, aber auch deinen mut und den deiner ganzen familie. aber nicht nur traurigkeit lese ich, ich lese auch das wunderbare geschenk einer familie, die zusammenhält und sich engsten wohnraum teilen kann … für kinder gibt es wohl nichts wichtigeres, als zusammengehörigkeit!

    liebe grüße
    ulli

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