Noch einmal Unterbrechung

 

Unsere Begegnungen sind flüchtig.

Weil es zu viel wahrzunehmen gibt, haben wir keine Zeit, uns aufzuhalten. Innezuhalten.

Es ist nicht der Alltag, es ist nicht einmal das viel zu große Angebot, das uns unterbricht. Wir sind es selbst.

Jetzt trage ich eine andere Uhr, und jede Uhr hat ihre Zeit, auch wenn alle Uhren nur eine Zeit anzeigen: die richtige Zeit, gleichgültig, ob sie etwas vor- oder nachgehen: Die Ortszeit ist entscheidend, damit man nicht die Orientierung verliert.“ (Lucas Cejpek. Unterbrechung Burn Gretchen).

 

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6 Gedanken zu “Noch einmal Unterbrechung

  1. “Weil es zu viel wahrzunehmen gibt, haben wir keine Zeit, uns aufzuhalten“
    Ich frage mich, ob das wirklich der vordergründige Grund ist . Nach meinen (fremd und eigen) Beobachtungen ist es oft eine ungelenke Scham oder Befangenheit vor dem anderen, dem Gedanken an Beurteilung von Seiten des anderen, die Angst vor einer wirklichen Begegnung. Die Fremdheit zwischen uns.
    Wenn ich jemandem begegne, der meine Existenz wahrnimmt wie ich seine, dann gibt es nichts anderes wahrzunehmen als diesen Raum, der sich öffnet. Die Wahrnehmung der Form wird nebensächlich und geschieht demnach nebenbei.

    1. Ja mag sein. Das was Du schreibst ist sicher richtig, aber dazu braucht es eine Begegnung von Angesicht zu Angesicht, oder? Da muss man den anderen sehen, die Schwingungen spüren und die Zugewandtheit. Beim Schreiben und Lesen ist es (scheinbar) schwieriger, sich zu konzentrieren, sich ganz auf etwas anderes einzulassen, aber vielleicht sind es die selben Gründe, die Du anführst, vielleicht steht auch da der Gedanke an Beurteilung im Weg. Statt sich einzulassen, nimmt man erst einmal die Fremdheit wahr, sortiert ein und aus und schon ist die Chance für echte Wahrnehmung vertan.

      1. Stimmt, ich sprach von Angesicht zu Angesicht, da ich wie du vielleicht weißt) der Nähe, die durch Schrift entsteht mittlerweile kritischer gegenüber stehe. Sie ist jedenfalls kein Ersatz für das „ganze“ Begegnungen im Leben.

        Jetzt erst kann ich deine Worte besser verstehen.
        Ja, die Überschwemmung von Texten hat eine inflationäre Wirkung und macht ein Einlassen beim Lesen schwer.
        Ich sehne mich nach der Zeit, in der ein Buch eine Errungenschaft war. In meiner Kindheit war es das noch. Wenn ich ein neues Buch in der Bücherei fand, fühlte ich mich reich.
        Und es geschah nur einmal, dass ich es nicht zu Ende gelesen hätte, verschlungen bis zur letzten Seite in die Geschichte der Erzählung.

        Du liest immer noch viel (und gerne). Dafür bewundere ich dich.

      2. Nein, diese ganze Blogsache ist absolut kein Ersatz für „ganze“ Begegnungen. Schön, dass du „ganze“ geschrieben hast, nicht echte, ich finde das trifft es noch besser, ganzheitlicher. Ich habe kürzlich auch noch einmal über diese trügerische Nähe nachgedacht, die Blogs und FB und was es noch an sozialen, virtuellen Netzwerken gibt. Es ist ja nicht so, als würden sie nicht auch viele wunderbare Seiten haben, ich habe tatsächlich schon einige ganz herrliche Begegnungen gehabt mit Menschen, die ich ohne diese Netzwerke niemals kennen gelernt hätte, aber auf der anderen Seite muss ich mir immer wieder bewusst machen, wo die Grenzen dieser Welt sind, und aufpassen, dass mich das alles nicht überfordert. Ich glaube meinen Söhnen, die mit dieser Technologie aufwachsen, wird es ganz anders gehen, der Umgang mit dieser Seite der Welt wird für sie viel natürlicher sein und selbstverständlicher, während ich mich weiter hinter meinen dicken, schweren, gebundenen Büchern verstecken werde.
        Ich wünsche mir auch immer wieder statt dieser Überschwemmung mit Büchern, mit Schrift allgemein, könnte es das geben, was Du beschreibst, ein Buch als Errungenschaft, ein Buch, über das sich ganz viele Menschen austauschen, die sich Zeit nehmen, sich wirklich auf dieses Buch einzulassen. Vielleicht muss das gar nicht die Überschwemmung auf der anderen Seite ausschließen, vielleicht ist es einfach nur eine andere Möglichkeit, die wir aber (scheinbar) zu wenig nutzen. Ich habe mir ja z.B. Ende letzten Jahres die Parallelgeschichten von Nadás gekauft und wollte (und will!) das Buch genussvoll und langsam lesen, aber immer wieder fehlt mir die Zeit dazu, lenke ich mich ab mit anderen Dingen, die scheinbar vorgehen.

      3. Das moderne Problem scheint unter anderem zu sein, dass viele Dinge ein (teils) anstrengende Bewusstheit erfordern, die uns vorher durch äußerliche Regulierungen/Limitierungen abgenommen wurden. Ein bewusstes Entscheiden für etwas und ein Abwehren von sowohl den äußeren Überflutungen wie auch unserer inneren Rastlosigkeit.

        Deshalb fand ich Literaturwissenschaften so interessant, weil man sich relativ intensiv mit einem Buch beschäftigte, auch wenn es mir manchmal zu analytisch war.
        Eine andere Alternative wäre eine Art „Bücherclub“, das gibt dem zu besprechenden Buch die Möglichkeit einer gründlichen Lesung.

        Könnte es sein, dass Nadás Paralellgeschichten, einen Widerstand in dir verursachen? Oder dir auf einer Ebene nicht gefallen, und du es dir nicht eingestehen magst??

        Vielleicht sind Bücher mit Beziehungen zu vergleichen. Wenn man denjenigen/das Buch wirklich mag, dann zieht es uns dahin; wenn nicht, finden wir Ausreden oder versuchen uns zu erzwingen.

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