Vom Sinn der Erinnerung

 

In ihrem Essay „Vom Sinn, ein Notizbuch zu besitzen“, schreibt Joan Didion: „Sich daran erinnern, wie es war, ich zu sein: Darin liegt der Sinn.“

Wenn darin also der Sinn besteht, ein Notizbuch zu haben und zu führen, tut sich eine neue Frage auf: Was macht es für einen Sinn, mich zu erinnern, wie ich gewesen bin?

Dient diese Erinnerung dazu die Vergänglichkeit zu begreifen, die Verluste, das Fortschreiten, das man sich so wenig vorstellen konnte, wie es Möglichkeiten gab, es zu verhindern? Mir die Unmöglichkeit, mich selbst zu vergessen, vorzuführen?

Ich ändere mich. Meine Eitelkeit bleibt. Die Möglichkeit mir im Jetzt eine Heimat zu schaffen aber auch.*

*Diesen Gedanke verdanke (im Gedanken steckt das Wort Danke, das fällt mir jetzt beim Schreiben zum ersten Mal auf!) ich der Auseinandersetzung mit mir und dem, was mich beschäftigt, aber auch den vielen wunderbaren Kommentaren, die ich hier bekomme. 

 

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15 Gedanken zu “Vom Sinn der Erinnerung

  1. „Was macht es für einen Sinn, mich zu erinnern, wie ich gewesen bin?“ – Dazu eine (Selbst)beobachtung: Wenn ich heute eine Notiz von vor vielen Jahren entdecke, oder ein altes Bild, oder was auch immer – dann ist das eine spannende Begegnung mit einem Unbekannten, von dem ich weiß, dass er einmal ich war. Vielleicht erinnere ich mehr oder weniger viel, vielleicht mehr oder weniger anderes. Aber die Erinnerung, die ich an mich und meinen Weg habe, ist eine gegenwärtige Konstruktion meines Gehirns. Spuren, die ich früher hinterlassen habe, sind die Ausgrabungen von heute, anhand derer man wiederum mehr oder weniger rekonstruieren oder entdecken kann. Ich persönlich finde das alles sehr spannend. Man sollte sich vielleicht von dem Gedanken verabschieden, dass da eine „objektive“ Wahrheit zu rekonstruieren wäre.

    1. Was den letzten Satz angeht, bin ich ganz deiner Meinung. Objektivität gibt es so gut wie nicht. Was die Betrachtung meines vergangenen Ichs angeht, habe ich immer ein unheimliches Gefühl, das ist als wäre man eine Person gewesen, die gestorben ist. Das klingt jetzt vielleicht sehr dramatisch, aber teilweise ist es doch tatsächlich so. Manchmal denke ich z.B., dass ich und die Frau, die ich vor zwanzig Jahren gewesen bin, uns heute gar nichts zu sagen hätten. Das ist schon merkwürdig.

  2. Das mag ich sehr, dein Schreiben, wenn du das Ich benutzt und etwas mehr hinter dem Text herausschaust. So als spieltest du sonst Verstecken und in einem Moment besonderer Kühnheit oder Langeweile, schiebst du deinen Kopf über die schützenden Grenzen deines Versteckes hinaus, nicht um zu sagen: „Hey, hier bin ich!“, sondern um zu schauen, was die anderen daran hindert dich zu finden, warum sie so lange brauchen, was die Welt so treibt ohne dich oder genauer gesagt: mit dir, eben nur versteckt. Durch deine oft distanziert (empfundene) Art des Schreibens, habe ich feststellen können, dass ich das Verstecken oder die Schleier brauche. In mir muss ein Wunsch geweckt werden, jemanden zu entdecken.
    Vielleicht besteht der Sinn in der Erkenntnis der Veränderung (manchmal bis hin zur Unkenntlichkeit) darin, eine Leichtigkeit zu erlangen, den Ballast des eigenen konstruierten Ich-Empfindens, die zum großen Teil aus Identifizierung mit unseren Glaubenssätzen besteht loszulassen, ihm eine liebevolle Lächerlichkeit zu verleihen. Und die Leichtigkeit führt zu dem möglichen Wandel, zur Festigung des Wissens, dass der Weg kein unausweichlicher ist. Die Erinnerung an die Vergangenheit wäre demzufolge ein Mittel zum Zweifel. Ich bezweifle jedoch, dass ein Richtungswechsel aus der Distanz und der Ablehnung alter Verhaltensmuster/Geschichten der richtige ist, denn er wäre auch nur ein Weg der diskutierten Negation. „Try und error“, dafür ist unser Leben doch ein wenig zu kurz.
    Überhaupt halte ich nicht viel von dem Festhalten an oder dem Suhlen in alten Tagebücher. Vielleicht stört mich das Narzisstische an ihm, so als habe man sich auf das Sammeln seiner diversen Persönlichkeiten spezialisiert. (Das mag eine gemeine Unterstellung meinerseits sein)

    1. „Vielleicht besteht der Sinn in der Erkenntnis der Veränderung (manchmal bis hin zur Unkenntlichkeit) darin, eine Leichtigkeit zu erlangen, den Ballast des eigenen konstruierten Ich-Empfindens, die zum großen Teil aus Identifizierung mit unseren Glaubenssätzen besteht loszulassen, ihm eine liebevolle Lächerlichkeit zu verleihen. Und die Leichtigkeit führt zu dem möglichen Wandel, zur Festigung des Wissens, dass der Weg kein unausweichlicher ist. Die Erinnerung an die Vergangenheit wäre demzufolge ein Mittel zum Zweifel.“ Danke vielmals für diese Textpassage, die ich unglaublich einleuchtend finde. Auch was den Zweifel angeht, der Zweifel könnte demnach ja auch dazu dienen, mir immer wieder bewusst zu machen, dass Veränderung möglich ist.

  3. heute einfach mal wieder ein danke für das teilen deiner gedanken. sie nähren meine gedanken und inspirieren mich zu eigenen, weitergehenden spiralen in meinem leben …

  4. „meine Eitelkeit bleibt“: Was meinst Du damit? Das Wort Eitelkeit klingt abwertend, verurteilend. Bei soviel Zweifeln und Selbstvorwürfen Eitelkeit?Welche Eitelkeit meist Du denn?

  5. Folgende Synonyme zu Eitelkeit habe ich bei Wiktionary org. gefunden:
    [1] (umgangssprachlich abwertend:) Affigkeit, (bildungssprachlich:) Dandytum, Einbildung, (abwertend:) Geckenhaftigkeit, Gefallsucht, Koketterie, (veraltend abwertend:) Putzsucht, Selbstgefälligkeit, Stutzerhaftigkeit, Stutzertum
    [2] Bedeutungslosigkeit, Belanglosigkeit, (abwertend:) Hohlheit, (bildungssprachlich:) Inanität, Inhaltslosigkeit, Leere,(gehoben:) Nichtigkeit, Nutzlosigkeit, (bildungssprachlich:) Substanzlosigkeit; Unwichtigkeit, Vergeblichkeit, Wertlosigkeit, Zwecklosigkeit

    Das passt m. E. Alles nicht….

    1. Danke für diese Frage, über die ich eine Weile nachdenken musste. Was ich damit meine, ist diese Bedürftigkeit nach Bestätigung. Was ich mir dagegen wünschen würde ist, dass noch viel stärker das Thema, das Geschriebene, mein Projekt, in den Vordergrund treten würde, dass ich mir selbst dabei unwichtiger werden könnte, eine gewisse Demut vor der Sache, der Arbeit. Ich bilde mir ein, das in Deinen Zeichnungen zu finden, so eine Kompromisslosigkeit, wie ich sie auch in den Essays von Joan Didion finde, da möchte ich hin. Und da steht mir immer noch meine Eitelkeit im Weg. Wobei Eitelkeit vielleicht wirklich nicht der treffende Ausdruck ist, aber es ist noch viel schwieriger Bedürftigkeit zuzugeben. Für mich.

  6. Ich habe jetzt mehrfach hier reingelesen und mir Didions Satz durch den Kopf gehen lassen, der mich ganz gefangen genommen hat. Interessanterweise schreibt sie ja nicht „sich daran erinnern, wie (oder wer) ich war“ oder „sich erinnern, wie es (mein Leben) war“, sondern „sich erinnern, wie es war, ich zu sein“. Daran blieb ich hängen. Sie wird es nicht ohne Grund genau so formuliert haben, denke ich mir. Es sagt etwas anderes aus als die anderen Formulierungen.
    Für mich steckt darin die Unausweichlichkeit des sich-selbst-Seins, man kommt unmöglich um sich selbst herum, auch sämtliche Rollen und Masken spielt und trägt man selbst.
    Wie war es, ich zu sein? In diesem meinem Körper, mit diesen meinen Möglichkeiten und Grenzen. Wie habe ich mich mit der Tatsache arrangiert, buchstäblich nicht aus meiner Haut heraus zu können?
    Wenn ich alte Notizbücher von mir durchblättere, bleibe ich immer wieder an einem hängen, das ich zwischen zwölf und vierzehn Jahren geschrieben habe und das eine heile Welt zeichnet, die es so gar nicht gab für mich zu dieser Zeit. Ich bin da in Fantasien geflüchtet, fand es Jahre später erschreckend, las es als „Lüge“ und habe aber inzwischen großes Mitgefühl für dieses Mädchen, das es damals so unerträglich fand, sie selbst zu sein, in ihrer Haut, ihrem Körper und vor allem in ihrer Familie.
    Nicht nur, was war oder wie und wer ich war, lese ich aus meinen Notizen heraus, sondern eben auch wie es war/ ist, ich zu sein. Bewusst so zu differenzieren, das lerne ich aus Didions Satz, den ich unbedingt tief in mir verankern möchte.
    Danke, dass Du ihn hier geteilt hast!

    1. Ich bin froh, Iris, dass Du wiederum Deine Gedanken zu diesem Satz von Didion geteilt hast. Ich nehme ganz besonders das Mitgefühl daraus mit, die Fähigkeit, Mitgefühl mit sich selbst zu entwickeln, das zuzulassen, also die eigene Bedürftgkeit anzunehmen.

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