Herkunft

 

Zu dem Zeitpunkt, von dem ich jetzt sprechen will, hatte ich ein kleines Beet, am Kellereingang zu dem Haus, in dem sich unsere Wohnung befand. Ein sehr kleines Stück Erde, das ich gemeinsam mit meinen Freundinnen bepflanzte. Ich erinnere mich besser an dieses Beet, an die Blumenzwiebeln, die wir dort in die Erde gesteckt hatten, als dran, wie alt ich damals gewesen sein mag. Irgendwo zwischen elf und dreizehn vermutlich. Oder gar, woher ich schließlich den Mut genommen habe, die Frage zu stellen. Vielleicht war es auch eher Verzweiflung, eine alternativlose Notwendigkeit, und kein Mut.

Diese Gesprächsfetzen, die ich bei den Telefonaten meiner Mutter aufgeschnappt hatte, die seltsamen (unerklärlichen) Erscheinen einer anderen Frau, Erscheinungen zwischen Ahnung und ganz normalen Wunschvorstellungen, wie sie Kinder haben, die sich nicht immer gut mit ihren Eltern verstehen.

Und ich hatte nicht einmal Eltern. Nur eine Mutter. Und diese Erscheinung einer anderen Frau, von der ich das Gefühl hatte, sie hat etwas mit mir zu tun. Etwas Wesentliches. Diese merkwürdigen Andeutungen am Telefon. Das alles zusammengehalten von dem Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Dass ich etwas wissen sollte, was ich nicht wusste.

Nachdem ich die Stellen gegossen hatte, an denen sich zögernd die ersten grünen Blätter aus der Erde ans Licht kämpften, behutsam und sorgfältig. Nachdem ich die Gießkanne weggeräumt hatte, eine blaue Kindergießkanne, die erst Jahrzehnte später zerbrach, sammelte ich auf jeder einzelnen Stufe im Treppenhaus Mut.

Wir wohnten im ersten Stock.

Mein Herz schlug unerträglich.

Als wollte es seinen Platz unter der Haut verlassen.

Ausbrechen.

Es war keine Entscheidung. Die Worte bildeten sich von selbst.

Zwangsläufig.

Ich weiß nicht mehr, wie sie es mir gesagt hat. Nur, dass sie nichts abgestritten, aber auch nichts erklärt, geschweige denn ausgeschmückt hatte. Wir weinten beide. Ich wusste immer noch nicht, wer meine Mutter war, nur welche Menschen mich nicht gezeugt und geboren hatten.

Das Beet war im folgenden Jahr fast vollständig mit Gras und Wildblumen bedeckt. Verwahrlost. Aufgegeben.

Viele Jahre später habe ich noch einmal versucht, mit meiner Mutter zu reden, etwas über diese andere Frau zu erfahren, die mich zur Welt gebracht hat. Es war nicht möglich. Ihren Namen und meinen ursprünglichen Namen, habe ich erfahren, weil ich ein Schriftstück über meine Adoption in den Unterlagen meiner Mutter gefunden habe. Später, im Studium, habe ich Referate gehalten über Adoption, Hausarbeiten darüber geschrieben, meine leiblichen Eltern gesucht habe ich nie.

Es war nicht so, dass ich keine Fragen hatte. Vielmehr fürchtete ich mich vor den Antworten. Ich stellte mir nie mehr (so wie damals als das Bild einer mit mir verbundenen Frau aufgetaucht war) vor, wie sie sein würde, wie sie aussehen würde, nur immer wieder, wie sie mir die Tür vor der Nase zuschlagen könnte, wie sie sich weigern könnte, mich kennen zu lernen. Ich war feige. Bin es immer noch. Heute lautet meine Ausrede, dass es zu spät ist. Vielleicht lebt sie gar nicht mehr.

 

 

 

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14 Gedanken zu “Herkunft

    1. Es bewegt sich alles zwischen diesem zu früh und zu spät, zwischen der Notwendigkeit, sich selbst zu schützen und der Notwendigkeit, sich mit seiner Herkunft auseinander zu setzen. Es gibt da sicher keinen richtigen Weg, ich kann nur hoffen, dass ich den Weg, den ich gewählt habe, wirklich als meinen Weg betrachten kann.

  1. Die leiblichen Eltern haben dem Kind das Leben geschenkt. Dieses Leben hat die Ziehmutter gehegt und gepflegt. So gut sie eben konnte. Es war ein großes, ein schwieriges aber auch wunderschönes Geschenk.

    Das Beet sollte wieder bepflanzt werden. Ein schönes Bild.

  2. Eine berührende Geschichte. Jemand, der im Heim aufgewachsen ist, hat mir erzählt, dass seine Mutter ihn mit den Worten fortgeschickt hat, er sei schmutzig, als er sie 1x in seinem Leben besuchen durfte. Also die Angst vor Ablehnung kann ich gut verstehen.

  3. Die „Seele“ wusste, was der weggegebenen Tochter zumutbar ist und was nicht. Das „zu spät“ war früh genug und richtig.

    Hinter „Feigheit“ steckt Angst und Verlorenheit. Das sind die berechtigten Gefühle des weggegebenen Kindes. Diese Gefühle begleiten das adoptierte Kind ein Leben lang. Eine ernst zu nehmende Aufgabe.

    Und die versuchst Du sehr mutig anzugehen:
    In Deiner Kreativität steckt der natürliche Zugang zu Deiner leiblichen Mutter.

  4. ach liebe e., die verborgenen dimensionen dieser lebensgeschichte kann ich nur ahnen. ob da feigheit das richtige wort ist? ich bezweifle es. wohl ist eine art selbstschutz. die angst, noch mehr abgelehnt zu werden („warum hat sie mich denn nicht gewollt? damals nicht mitgenommen?“ – ich höre diese frage zwischen den zeilen – vielleicht nur meine interpretation?)

    ich bin froh, dass es worte gibt, auch wenn sie oft nur an der oberfläche kratzen, vermitteln sie mir doch eine ahnung deiner erfahrungen. danke für diesen sehr persönlichen text.

    ich bin froh, dass deine adoptiveltern dich begleitet haben, so gut oder so schlecht wie leibliche eltern vermutlich. ich bin froh, dass du da bist. und dass du schreibst.

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