Heimat lexikalisch

 „Die Sprache wühlt im Müll, und auf den Gassen entdeckt sie (Ratte!), was wir übersehen.“ (J. Brodsky)

Heimat und die damit verbundenen Worte: heimlich, Heimsuchung, Heim… Das sind keine Worte, die Wohlbefinden versprechen, Geborgenheit, etwas, in dem man sich aufgehoben fühlen kann und darf. Woher kommt dieser Widerspruch zwischen dem, was wir von Heimat verlangen, mit Heimat verbinden, und diesen mit Heimat verwandten Worten? 

 

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8 Gedanken zu “Heimat lexikalisch

  1. Das Wort Heimat war mir lange Zeit etwas ziemlich verschwommenes etwas, dessen Bedeutung ich nicht fassen konnte. Jetzt würde ich sagen: Heimat ist da, wo die Gewohnheit wohnt, das tröstliche Gefühl vom Bekannten, ein Ort/ein Zustand des Zurückkehrens. Und im engeren Sinne: das Heim, der Ort an dem wir Ruhe finden, uns verstecken können vor der Fremdheit der Welt.

  2. Das war jetzt keine Erklärung zum Widerspruch des Heimatbegriffes. (Um das wieder gut zu machen, Wikipedia schreibt:)

    Der Begriff Heimat war ursprünglich ein Neutrum: „hämatli“ – „das Heimat“, und stammt von germanisch haima, haimi, indogermanisch kei „liegen“ (englisch home). Das Wort war bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ein nüchternes Wort, welches im juristischen und geographischen Sinne gebraucht wurde. Der Begriff wurde vornehmlich in Amtsstuben wie Polizei und Bürgermeisteramt von Hoheitsdienern und Notaren verwendet, wenn es um den Geburtsort, den Wohnort oder das Herkunftsland ging, hier besonders im Erbrecht. Im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm wurde Heimat 1877 erstens definiert als „das land oder auch nur der landstrich, in dem man geboren ist oder bleibenden aufenthalt hat“, zweitens als „der geburtsort oder ständige wohnort“; an dritter Stelle wurde hinzugefügt: „Selbst das elterliche haus und besitzthum heiszt so, in Baiern.“
    Daraus wird ersichtlich, dass der Begriff zur Bezeichnung eines Aufenthalts- oder Bleiberechts benutzt wurde. Geburt an sich verlieh noch kein Aufenthaltsrecht; wer kein Heimatrecht besaß, war nicht nur heimatlos, sondern auch weniger privilegiert. „Heimat“ zu haben, bedeutete vor allen Dingen auch, einen Anspruch auf eine zumindest notdürftige Versorgung durch öffentliche Kassen zu besitzen. Daher bekamen auch Leute ohne Besitz keinen „Heimatschein“, da man befürchtete, sie würden im Alter oder im Krankheitsfall nur den öffentlichen Kassen zur Last fallen. Heimatrecht gewinnt der Fremde, Arme oder Kranke in einer Einrichtung der Fürsorge, dem Hospital (Alters- oder Armenheim) oder Asyl (Fremdenheim).
    Dem, der kein Eigentum, keine Heimat, besaß, wurde noch im 19. Jahrhundert die Hochzeit verwehrt.“

    Heimat als Privileg. Heimatlos= schutzlos, ausgeliefert. Vielleicht ergibt sich aus dieser existenziellen Definition die mit sich bringenden Empfindungen.

  3. Vielleicht ist es ganz ähnlich wie mit anderen Begriffen, Wörtern, die Nähe und gleichermaßen Fremde beinhalten (können). Liebe, Freundschaft, Vater, Mutter etc.. Sie sind außerdem überfrachtet mit, wie Du es ja auch sagst, Erwartungen und Erfahrungen, und dies seit etlichen Generationen.
    Früher war der Heimatbegriff für mich beispielsweise mit Deutschtümelei „besetzt“, mit Stammtischparolen und Flaggenhisserei. Das hat sich für mich erst verändert, nachdem ich mich mit meiner „gefühlten“ Heimat recht intensiv und auch schmerzhaft auseinandersetzen musste. Außerdem benötigte ich ein gewisses Alter, um zu begreifen, dass Heimatgefühle durchaus in Ordnung sind, dass es erlaubt ist, über verloren gegangene Heimat und Orte zu trauern.
    Danke für Deine Frage, die mich wieder an den Schreibtisch gelockt hat … …
    herzlich, mb

  4. Und natürlich nicht zu vergessen, die unübertroffene Herleitung des Begriffs des ‚Unheimlichen‘, Bildnis des ‚Gegensinns der Urworte‘, in Sigumnd Freuds Aufsatz „Das Unheimliche“! Denn: Ist am Ende nicht alle Heimat unheimlich? Heimat kann sie immer nur denen sein, die Andere(s) ausschließen.

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