Erinnerungen

 

Zu dieser Zeit hatte sie sich längst abgewöhnt, aus dem Fenster zu sehen. Sie war zu ungeduldig für diese Art von Beschäftigung. Ihre Gedanken waren immer auf dem Sprung, und schließlich erschöpfte sie das so sehr, dass sie am liebsten ganz still in ihrem Bett lag, nahezu bewegungslos, mit geschlossenen Augen, um zu warten, bis keine Bilder mehr an ihr vorbeizogen, bis nur noch eine schwarze Wand zu sehen war. Beängstigend und beruhigend zugleich.

Wenn sie doch aufstehen und funktionieren musst, wenn sie beim Zähneputzen sorgfältig den Blick in den Spiegel vermied, war sie damit beschäftigt eine Antwort auf die Frage zu finden, wie man sich vor der Erinnerung schützen konnte. Wie sie sich wappnen könnte, gegen die ständigen Überfälle der Erinnerung, die ihre Gegenwart überschatteten. Von Zukunft gar nicht zu reden. Zukunft, das war vielleicht eine Zeit, ein Zustand, in dem sie eine Antwort auf diese Frage gefunden haben würde. Zukunft war die Hoffnung endlich eine Festung errichtet zu haben gegen die hinterhältigen und unentwegten Angriffe der Vergangenheit.

Zu dieser Zeit, der Zeit der unmöglichen Fenster und der zunehmenden Hoffnungslosigkeit, begann sie sich anzugewöhnen, ihre Zeit am Bahnhof zu verbringen. Zunächst ein, zwei Nachmittage in der Woche und dann immer häufiger. Sie stand an den zugigen Gleisen, sah Menschen ein- und aussteigen, und in guten Momenten gelang es ihr daran zu glauben, dass sie ihre Erinnerungen in eins der Abteile gesteckt hätte, dass sich die Tür schnell genug geschlossen hätte, bevor die Erinnerungen entwischen und zu ihr zurück kehren konnten.

 

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13 Gedanken zu “Erinnerungen

    1. Das wäre ein ganz spezieller Roman, in dem der Bahnhof die Hauptfigur wäre. Was ja alles andere als uninteressant ist. Bislang ist dieser Text aber nur Teil einer ganzen Reihe von Bahnhofstexten. Ich finde Bahnhöfe so faszinierend und fühle mich dort schon immer wohl.

  1. Sehr schöne Bilder, wiedermal! Ich habe jedoch schon oft gedacht, man könnte der Vergangenheit, statt sie durch eine Festung auf Distanz halten zu wollen, oder sie zu deportieren, einen Stuhl hinstellen, sie freundlich bitten, Platz zu nehmen und einmal ihr Herz auszuschütten…

  2. Alles einmal zusammen aufzuschreiben. Wenn man viel zu tun hat, dann gehen finstere Gedanken schnell vorbei. Vielleicht entknäulen sich verfilzte Gedankenfäden bei der Arbeit.

  3. die idee, unliebsame erinnerungen in zugwagen gesteckt, wegfahren zu lassen, berührt mich sehr. sie, deine sie, spricht mit ihren gedanken mitten in mein herz. ein sehr schmerzhafter text, auch ein wunderbar dichter, klarer text ist dir da gelungen.

  4. Erinnerungen in einen Zug zu stecken, das finde ich eine großartige Idee, aber nicht alle Erinnerungen, nur die quälenden, aber ob man selektieren könnte? Wir selektieren, ja … aber manchmal scheint mir das Erinnerungsprogramm doch sehr eigenwillig!

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