Erinnerungen

 

Zu dieser Zeit hatte sie sich längst abgewöhnt, aus dem Fenster zu sehen. Sie war zu ungeduldig für diese Art von Beschäftigung. Ihre Gedanken waren immer auf dem Sprung, und schließlich erschöpfte sie das so sehr, dass sie am liebsten ganz still in ihrem Bett lag, nahezu bewegungslos, mit geschlossenen Augen, um zu warten, bis keine Bilder mehr an ihr vorbeizogen, bis nur noch eine schwarze Wand zu sehen war. Beängstigend und beruhigend zugleich.

Wenn sie doch aufstehen und funktionieren musst, wenn sie beim Zähneputzen sorgfältig den Blick in den Spiegel vermied, war sie damit beschäftigt eine Antwort auf die Frage zu finden, wie man sich vor der Erinnerung schützen konnte. Wie sie sich wappnen könnte, gegen die ständigen Überfälle der Erinnerung, die ihre Gegenwart überschatteten. Von Zukunft gar nicht zu reden. Zukunft, das war vielleicht eine Zeit, ein Zustand, in dem sie eine Antwort auf diese Frage gefunden haben würde. Zukunft war die Hoffnung endlich eine Festung errichtet zu haben gegen die hinterhältigen und unentwegten Angriffe der Vergangenheit.

Zu dieser Zeit, der Zeit der unmöglichen Fenster und der zunehmenden Hoffnungslosigkeit, begann sie sich anzugewöhnen, ihre Zeit am Bahnhof zu verbringen. Zunächst ein, zwei Nachmittage in der Woche und dann immer häufiger. Sie stand an den zugigen Gleisen, sah Menschen ein- und aussteigen, und in guten Momenten gelang es ihr daran zu glauben, dass sie ihre Erinnerungen in eins der Abteile gesteckt hätte, dass sich die Tür schnell genug geschlossen hätte, bevor die Erinnerungen entwischen und zu ihr zurück kehren konnten.