Das Nichts und die Kunst

Wo sollten wir hin, wie kämen wir auch nur halbwegs zurecht, mit all unserer Traurigkeit und Sinnlosigkeit, gäbe es nicht die Kunst, die uns, Momente lang, dieses Nichts abnehmen kann?

Für diese grundlegende Bedeutung (und Notwendigkeit) der Kunst hat mir István Keménys Gedicht „Er ist Informatiker, sie – keine Ahnung“, die Augen geöffnet. Vielleicht liebe ich das Gedicht so sehr, weil es mir diese Einsicht ermöglicht hat.

Aber: lese ich Gedichte, um etwas zu lernen, um Einsichten zu bekommen?

Vielleicht auch, aber hauptsächlich doch, um dieses Nichts loszuwerden, ein wenig auszuruhen von dieser Sinnlosigkeit. Mich zurecht zu finden und das Gefühl zu haben, das hat jemand genau für mich gemacht. Und so ist es auch. Jedes Kunstwerk ist für denjenigen gemacht, der sich davon ansprechen lässt, der sich dem Werk (ob Gedicht, Film, Musik, Gemälde oder was auch immer) überlässt.
Und das Schöne ist, ich muss niemanden bitten, es ist längst da und wartet auf mich. So oft ich es zulasse. 

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10 Gedanken zu “Das Nichts und die Kunst

  1. Aus einem sinnlosen Leben heraus entstünde keine Kunst. Und ein „sinnloses“ Leben wäre wohl auch nicht empfänglich für Kunst, denke ich. Kunst als Ruhekissen? Von Nietzsche stammt der Ausspruch „In der Kunst bewundern wir, was wir im Leben nicht aushalten würden“ (sinngemäß). Voyeure unseres Unglücks dürfen wir sein. Dank der Kunst. Und ich denke auch: da geht’s uns doch gleich besser 🙂

  2. „Ruhekissen“ ist mir zu schwach, ich verstehe es schon als Insel in diesem Meer der Vergeblichkeit. Glaubst du tatsächlich unser Leben ist sinnvoll? Welchen Sinn hätte es dann? Ich glaube gerade aus dieser Sinnlosigkeit entsteht Kunst. Bin aber neugierig auf Argumente, die mich vom Gegenteil überzeugen könnten.

  3. Die Frage nach dem Sinn hängt für mich an der Frage, ob man einen Sinn braucht im Leben. Man kann durchaus etwas als befriedigend, als beglückend erfahren, ohne dass es einen Sinn haben müsste. Anders ausgedrückt: wenn ich Glück empfinde, frage ich nicht nach dem Sinn. Noch anders ausgedrückt: die Frage nach dem Sinn gehört für mein Dafürhalten in den Bereich des Privaten. Um etwas Gegebenes nach seiner Sinnhaftigkeit befragen zu können muss ich „drüber Stehen“, mich außerhalb des Gegebenen befinden. Der Mensch selber aber steht nicht außerhalb seiner selbst, oder „des Lebens“. Den Sinn von etwas, was noch nicht da ist, könnte ich demgegenüber ermessen im Hinblick auf ein mögliches Ergebnis. Ich könnte ein Kunstwerk schaffen und mir überlegegen, ob das Sinn macht usw. Das Gefühl, dass mir das eigene Tun „sinnlos“ erscheint, und damit vielleicht mein ganzes Leben, kenne ich durchaus. Ich denke da aber nicht in philosophischen oder moralischen Kategorien, sondern in sehr privaten. Liebe Grüße aus dem Dilettantenstüberl!

    1. Danke für diese, wie ich finde, sehr schöne Antwort. Besonders die Begründung gefällt mir sehr, mehr noch aber die Beobachtung, dass man nicht nach dem Sinn fragt, wenn das Glück da ist. Kunstwerke werden nicht mit der Frage nach Sinn im Hinterkopf gemacht, sondern aus einer Notwendigkeit heraus. Denke ich. Und das braucht man (ich zumindest) ab und zu, etwas, dass die Not wendet, oder eben kurz abstellt, das ist ein fast schon existentielles Bedürfnis, nicht die Frage nach einem Sinn.

  4. hierzu einen guten kommentar zu schreiben, ist schier unmöglich. dein artikel ist mir gestern und auch jetzt beim wiederlesen völlig unter die haut:
    „Vielleicht auch, aber hauptsächlich doch, um dieses Nichts loszuwerden, ein wenig auszuruhen von dieser Sinnlosigkeit. Mich zurecht zu finden und das Gefühl zu haben, das hat jemand genau für mich gemacht.“

    ich habe gerade das neue buch von andreas neeser gelesen (zwischen zwei wassern), das sehr viel innere parallelen zu diesen deinen gedanken hat … dünkt es mich jedenfalls.

    [für mich ist die sinnfrage noch immer viel zu existentiell, denk ich manchmal.]

  5. Es ist nicht allzu schwer, Sinn ins eigene Leben zu bringen: für Andere etwas tun, die nicht nach Sinn fragen, sondern etwas nötig haben, das ihre Not wendet. Womit unser Tun not-wendig und damit sinnvoll wird.

    1. Ja klar. Im kleinen Privaten sehe ich auch ganz viel Sinn. Das ist die pragmatische (und das meine ich keineswegs negativ) Seite der Kunst. Die Kunst, einander das Leben erträglich zu machen, Not zu lindern, dennoch bleibt so eine übergeordnete Sinnlosigkeit. Und gerade das Helfen kann doch mitunter sehr sinnlos erscheinen. Weil die Probleme sich ja ständig erneuern. Kaum hast Du eine Sache halbwegs ins Lot gebracht, sind da zwei, drei neue Fälle. Verstehst du, was ich meine? Es ist immer dieses Problem mit so „großen“ Begriffen, wie Nichts und Liebe usw., sie sind sehr dehnbar und definitionsbedürftig.

      1. Da hilft es, die eigenen Voreinstellungen kritisch zu reflektieren!

        Wer sagt denn, dass wir immer nach endgültigen Lösungen suchen sollen? Das Leben ist ein Prozess, der zwar individuell an ein Ende kommt, aber ansonsten durchweg dynamisch weiter läuft. Was heute eine gute Hilfe ist, mag morgen ein unziemlicher Übergriff sein. Und was heute eine kritikwürdige Einmischung ist, kann morgen dringend erforderlich sein.
        Wer mit seinem „helfen“ auf grundsätzliche Abschaffung des Leidens zielt bzw. das erwartet, wird mit Sicherheit unglücklich sein! Wichtig ist, das eigene Helfen nicht zum einzigen Lebenssinn zu machen, sondern ihm einen Platz zu geben neben anderen Aktivitäten, die uns zufrieden machen – Stichwort Selfcare!
        Die Probleme, die sich ständig erneuern, sind ja oft politisch bedingt – also geben wir auch dem politischen Engagement einen Platz im eigenen Leben. Man muss nicht die ganze Welt retten, es reicht, dazu beizutragen, an irgend einer Stelle Teil der Lösung zu sein und nicht das Problem.

        Große Begriffe sind immer abstrakt – und meist beschäftigen wir uns mit ihnen, wenn es grade im eigenen Leben irgendwie knirscht, nicht rund läuft, es an Perspektiven mangelt.

        SINN zum Beispiel: Ich stell mir immer vor, das Leben hätte einen vorgegebenen Sinn. Ja hey, dann wären wir nicht frei, sondern hätten nur die Möglichkeit, angesichts dieses Sinns zu funktioinieren oder zu versagen – anstatt selbst zu bestimmen, was wir als SINN ansehen.
        Und schon frage ich nicht mehr trotzig nach dem Sinn…

        NICHTS existiert nicht, solange ich bin, darüber muss ich nicht nachdenken.

        LIEBE ist ein Zustand, in den ich kommen kann – nicht etwas, das ich von Anderen erlangen muss.

        Was natürlich alles nicht dagegen spricht, in der Kunst Trost zu finden!

  6. Liebe Mützenfalterin, ich bin sehr froh, Deinen Blog gefunden zu haben und lese gerne, was Du so schreibst! Hab Dich grad erst gefunden und konnte noch nicht alles „nachlesen“! Eine Bitte: Hast Du das vollständige Gedicht von Istvan Kemeny und könntestdu es bitte veröffentlichen, ich finde es nirgends, aber die wenigen Zeilen daraus haben meine Seele berührt. Und dann möcht ich Dir noch danken dafür, daß Du aus der Südd.Zeitung die wunderbaren Worte von Jörg Magenau über die Gespräche, in denen man selbst etwas produziert…gerettet hast, ich hatte sie weggelegt, aber die Zeitung war verschwunden und vergessen…undjetzt lese ich sie wieder bei dir durch „Zufall“, ach mein 60jähr. Leben lang sehne ich mich nach solchen Gesprächen…manchmal passieren sie…unverhofft…viel zu selten…! Viele liebe Grüsse von Margarete (Graugans)

    1. Solche Kommentare sind der Grund, warum man dann doch nicht aufhört zu bloggen. Herzlichen Dank, Margarete. Das Gedicht möchte ich ungern hier veröffentlichen, ich weiß nicht, wie das mit dem Urheberrecht usw. aussieht. Vielleicht finden wir da eine andere Möglichkeit, sonst lohnt es sich durchaus den ganzen wunderbaren Gedichtband beim Gutleut Verlag zu bestellen.
      Herzlich die Mützenfalterin

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