Der siebte Sprung

Heimat war eine Zeitlang ein Wort, das sich seltsam anfühlte. Wer von Heimat sprach, war im besten Fall altmodisch, konservativ, im Schlimmsten nationalistisch. Das hat sich geändert. Und auch wenn ich das jetzt nicht belegen kann, halte ich meine Vermutung für gerechtfertigt, dass die Literatur einiges dazu beigetragen hat. Ulrike Draesner z.B. hat wunderbar in ihren Aufsätzen in „Zauber im Zoo“ über Herkunft und Sprache nachgedacht, und dann ist da noch dieses großartige Projekt von Tzveta Sofronieva, „Verbotene Worte“, über das ich schon lange etwas schreiben wollte.

Ganz aktuell ist Ulrike Draesner in ihrem neuen Roman, der am 10. März erscheinen wird, der Frage nachgegangen, wie sich der Verlust von Heimat weitervererbt, wie sich die Erfahrungen von Flucht und Vertreibung, die unsere Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern gemacht haben, noch heute auf das Verständnis auswirkt, das wir von Heimat haben.  Das Besondere an dem Roman ist aber, dass er sich öffnet, indem Ulrike Draesner parallel zum Roman eine Seite im Internet betreibt, auf der sie Quellen offenlegt und über die Hintergründe zur Entstehung des Romans berichtet.

Seit ich dieses Projekt verfolge, frage ich mich, was Heimat für mich bedeutet, was es für die Menschen um mich herum bedeutet, ob meine Kinder diesen Begriff schon wieder ganz anders deuten und definieren werden und wie unterschiedlich Menschen, die ihre Heimat verloren haben, mit diesem Verlust umgehen. Ein Thema mindestens so komplex wie die Geschichte unserer Großmütter, die Ulli kürzlich so wunderbar aufgearbeitet hat. Vielleicht kann zum Thema Heimat etwas ähnliches entstehen.