Heimat als Erinnerung (2)

In seinem Gedicht „Er dachte nicht an Ästhetik“, schreibt Adam Zagajewski von den Beweggründen seines Vaters das Gedicht „Nach Lemberg fahren“ abzuschreiben:

„(…) sondern nur an die Stadt, die er liebte und verlor, an die Stadt,

in der – wie Geiseln – seine Jugend, seine Erleuchtungen,

seine Begegnungen mit der Welt festgehalten wurden.“

Und damit ist sehr treffend benannt, was Heimat eben auch ist; Verbindung mit einem Teil der Biografie, das, was man allgemein mit „Verwurzelung“ bezeichnet. Heimat als Teil der Erinnerung. 

Das Schiff

Das Schiff - Isla volante
Das Schiff – Isla volante

Wenn die Tage sich auf gewisse Summen beriefen, lief das Schiff auf. ich hatte keine Ahnung von Nautik, aber ich wurde auch nicht seekrank. Ich hatte keine Angst und konnte warten. Also nahmen sie mich mit.
Ich versuchte zu kochen, sie versuchten zu essen. alles in allem war es kein großer Erfolg, aber wir kamen durch.

Heimat als Erinnerung

Ich habe überlegt, ob ich warten soll, bis sich ein (vorläufiger) Faden ergibt, an dem entlang ich die Überlegungen zu Heimat und Herkunft und Flucht und Vertreibung ordnen könnte, oder ob das der falsche Weg ist, ob sich dieser Faden vielmehr erst während des Sammelns und Überlegens ergibt. Und habe mich für letzteres entschieden.

Ich weiß nicht einmal, ob ich überhaupt im Stande sein werde, mit dem Material fertig zu werden. Dem, was durch den siebten Sprung nach und nach zugänglich gemacht wird, dem, was im Roman enthalten sein wird und trotzdem möchte ich jetzt noch einmal ausdrücklich dazu einladen, eigene Geschichten, Bilder, Fotos, Eindrücke und Überlegungen beizutragen. Wer die Einladung annehmen möchte, schicke mir die Beiträge bitte an muetzenfalterin@web.de.

Weil es aber seltsam wäre, eine derartige Einladung auszusprechen und die Hoffnung zu hegen, die eine oder der andere möge ihr nachkommen, ohne etwas eigenes preiszugeben, meine kleine Geschichte von Heimat und Vertreibung. Eine davon. Die erste:

 

Meine Mutter ist in Bartenstein aufgewachsen, von dort im zweiten Weltkrieg geflohen. Die Geschichten an die ich mich erinnere sind lückenhaft, und niemand ist mehr da, der die Lücken füllen könnte. Ich erinnere mich, wie sie davon erzählt hat, dass ihre Freundin H., der Flüchtlingstreck hatte sich längst in Bewegung gesetzt, nicht davon abzuhalten gewesen war, zurückzulaufen, um die Haustür des verlassenen Hauses abzuschließen. Ich erinnere mich, dass viel später und in meiner Erinnerung nur ein einziges Mal davon gesprochen wurde, dass ihre Schwester auf dieser Flucht, im Winter, über die gefrorene Nährung, ein Kind verloren hatte. Was haben sie mit der Leiche gemacht? Haben sie den kleinen Kinderkörper in der gefrorenen Erde begraben? Ich habe keine Fragen gestellt, und jetzt, da mir die Fragen manchmal den Schlaf rauben, ist niemand mehr da, der mir die Fragen beantworten könnte.

Ich erinnere mich an die Erzählung meiner Mutter, wie sehr ihr Vater hier den Mond seiner Heimat vermisst hätte. Immer wieder soll er gesagt haben, dass der Mond in Ostpreußen ganz anders gewesen sei.

Weil das der Mond seiner Kindheit gewesen ist, einem von lediglich zwei Räumen, in denen sich der Mensch laut Valeria Luiselli beheimatet fühlt.

Heimat als Erinnerung. 

Der siebte Sprung

Heimat war eine Zeitlang ein Wort, das sich seltsam anfühlte. Wer von Heimat sprach, war im besten Fall altmodisch, konservativ, im Schlimmsten nationalistisch. Das hat sich geändert. Und auch wenn ich das jetzt nicht belegen kann, halte ich meine Vermutung für gerechtfertigt, dass die Literatur einiges dazu beigetragen hat. Ulrike Draesner z.B. hat wunderbar in ihren Aufsätzen in „Zauber im Zoo“ über Herkunft und Sprache nachgedacht, und dann ist da noch dieses großartige Projekt von Tzveta Sofronieva, „Verbotene Worte“, über das ich schon lange etwas schreiben wollte.

Ganz aktuell ist Ulrike Draesner in ihrem neuen Roman, der am 10. März erscheinen wird, der Frage nachgegangen, wie sich der Verlust von Heimat weitervererbt, wie sich die Erfahrungen von Flucht und Vertreibung, die unsere Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern gemacht haben, noch heute auf das Verständnis auswirkt, das wir von Heimat haben.  Das Besondere an dem Roman ist aber, dass er sich öffnet, indem Ulrike Draesner parallel zum Roman eine Seite im Internet betreibt, auf der sie Quellen offenlegt und über die Hintergründe zur Entstehung des Romans berichtet.

Seit ich dieses Projekt verfolge, frage ich mich, was Heimat für mich bedeutet, was es für die Menschen um mich herum bedeutet, ob meine Kinder diesen Begriff schon wieder ganz anders deuten und definieren werden und wie unterschiedlich Menschen, die ihre Heimat verloren haben, mit diesem Verlust umgehen. Ein Thema mindestens so komplex wie die Geschichte unserer Großmütter, die Ulli kürzlich so wunderbar aufgearbeitet hat. Vielleicht kann zum Thema Heimat etwas ähnliches entstehen.

Der eigene Tod – Péter Nádas

Während ich viel zu selten dazu komme in den Parallelgeschichten zu lesen, hat mich irgendetwas dazu veranlasst noch einmal „Der eigene Tod“ von Nádas zu lesen. Jetzt kommt es mir vor, als würde ich vieles wiedererkennen. Nicht nur die gefäßerweiternde nytroglyzerinhaltige Tablett unter der Zunge, die Frau Erna immer bei sich trägt und das verbrannte Fleisch, vielmehr die Bedeutung des Körpers, in dem zusammenläuft, was wir für gewöhnlich weder verstehen noch überblicken können.

 

Als hätte er diese Fähigkeit aus dem Nahtod – Erlebnis in die Literatur hinübergerettet, ins Leben mitgenommen: „Das Zurückblicken vereint unterschiedliche Perspektiven des Bewusstseins in sich.“

 

Diese Fähigkeit zur Vereinigung ist ja das, was die Parallelgeschichten ausmacht.

 

Wasserspiegel

Wasserspiegel - Isla volante
Wasserspiegel – Isla volante

Was gibt es da noch zu löschen, fragte sie sich und suchte mit ihren Blicken den Grund des Gewässers, das sie umrundete. Das sie umrundete, seit dieser Brand schwelte, seit ihre Gedanken, Hoffnungen und Enttäuschungen, sie zu verbrennen drohten.
Früher, als sie jung war, hatte sie versucht zu fliehen. Jetzt kam sie hier her. Befragte das Wasser. Seine Bewegungen. So klein und unmerklich, dass außer ihr niemand sie sah.
Tropfen und Geflüster im Wasser. Aus dem Wasser heraus.

Schweigen

Nach und nach verlernte sie zu sprechen. Erst gewannen die Worte eine eigene, mit anderen nicht länger zu teilende Bedeutung, dann verlernte sie die Laute.

 

Das Schlimmste war, dass es in diesem Zustand kein Schweigen gab, nur Leere, die sich immerzu aussprach. Durch sie.