Alice Pavesi

Alice Pavesi - Erwartung
Alice Pavesi – Erwartung

Die Fotografien von Alice Pavesi wie Gemälde von Hopper.

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29 Gedanken zu “Alice Pavesi

  1. Mit der digitalen Technik ist alles machbar, selbst die Simulation der Zufallsgilbung oder -alterung von Photo-Papier oder Film. Solcher Vintage- bzw. Retro-Look ist heikel, weil er mehr verdeckt als aufhellt. Es wird ein Anschein erzeugt, der so nicht vorhanden ist. In den seltensten Fällen geht dieses Konzept aber auf. Bei den Photos von Alice Pavesi scheitert es. Seitdem Stefanie Schneider ihre damals nicht uninteressanten, gealterten Zufalls-Polaroids zeigte, die sie in den USA schoß, wurde daraus jener in der einen oder andern Form abgewandelte Trend.

    Ich bin, was digitale Photos betrifft, die mit Photofiltern überarbeitet und auf alt oder Polaroid gemacht werden, sehr skeptisch. Häufig wirkt noch das unstrukturierteste, von keiner Komposition affizierte Motiv durch diese Verfremdungsmittel noch irgendwie reizvoll. Mit diesem Mittel Photofilter sollte jedoch sehr sparsam umgegangen werden, weil sich dieser Effekt abnutzt. Das geschieht aber leider nicht; über alles und jedes legt sich eine Soße von Filtern. Und insofern prophezeie ich in zwei oder drei Jahren den Gegentrend, weil sich der Blick an diesen Instagram-Filter-Bildern überfressen hat: Die puristische Photographie ohne Filter, ohne Schnick und ohne Schnack – die ich, nebenbei geschrieben, sehr schätze. Farb- oder Schwarz/weiß-Photo ist die einzige Frage, die ich mir stellen. Alle andere Arbeit und Veränderung an den Bildern betreibe ich so, wie ich es auch in einem analogen Photolabor machen würde.

    1. Du stellst da eine Behauptung auf, die ich leider nirgendwo begründet findet. Außer ich würde gelten lassen, dass die Photos von Pavesi gescheitert sind, weil Dir diese Art der Bearbeitung nicht gefällt.
      Für mich ist an diesen Fotos interessant, dass sie mich sehr stark an Hoppers Bilder erinnern, dass die Fotos wie Gemälde aussehen, dieser „Vintage-Look“ fällt mir dabei gar nicht so sehr auf, wie die Parallele zu der Einsamkeit, die in Pavesis Bildern eingefangen wird. Das muss nicht jedem gefallen. Aber um etwas als „gescheitert“ zu bezeichnen, braucht es m.M. nach etwas mehr als persönliches Missfallen.

      1. wie ich gerade auf ihrer Homepage gelesen habe, arbeitet sie mit analogen Kameras … mag sein, dass sie diese im Nachhinein digital bearbeitet, und wenn … dann beherrscht sie ihr Metier!

        und weil ich jetzt schon dabei bin zu kommentieren, möchte ich noch sagen, dass ich viele wunderbare Fotos entdeckt habe, besonders solche, die nackter nicht sein könnten …
        danke dir für diesen Tipp

        herzlichst Ulli

    1. Pavesi hat die Reihe „Erwartung“ genannt, mich hat das ehrlich gesagt überrascht, weil ich überall Einsamkeit gesehen habe, aber vielleicht sieht man ja auch immer ein wenig in den Spiegel, wenn man etwas anderes betrachtet.

  2. @ Mützenfalterin
    Die Begründung liegt in dem Satz: „Es wird ein Anschein erzeugt, der so nicht vorhanden ist.“ Nämlich die Anmutung des Gealterten, eine vergangenen Zeit wird evoziert; ein milchiges Licht liegt über den Photos und simuliert einen Effekt, wie wir ihn von überlagerten Bildern kennen. Sentimentale Retroschiene: Es ist wie mit Möbeln, die auf alt getrimmt sind. Sie geben etwas vor, was sie nicht sind. Wer stilsicher alte Möbel möchte, der kauft solche aus vergangenen Epochen. Wenn ich Hopper will, sehe ich mir Hopper an. Weitere Begründungen erfolgten oben in meinem Posting im zweiten Absatz.

    Zudem: ich habe zu viele dieser Photos gesehen, die nach dieser Masche gestrickt sind. Mich erinnern sie an eine Werbestrecke, die man im „Zeit“-Magazin zeigen könnte. Die Photos sind nicht schlecht. Aber sie sind deshalb noch lange nicht gelungen. Es verhält sich dieses Stilmittel in etwa analog zu dem Umstand, als wenn ein Komponist heute wie Mozart oder Wagner schriebe oder eine Bildhauerin Skulpturen wie die von Michelangelo erschüfe: es bliebe lediglich Retro-Look bzw. ästhetisch Überholtes, solange durch dieses Verfahren nicht ein Mehr freigelassen würde. Deshalb halten diese Photos von Pavesi nicht stand, insofern man in der Kunst von einem Fortschritt des ästhetischen Materials ausgeht. Und wenn schon nicht vom Fortschritt, dann zumindest von einer veränderten Anordnung des Materials. Die Photographien scheitern an ihrem Eklektizismus, sie imitieren eine abgelebte Sache, die einmal war, und bringen mittels Technik und Konstruktion nichts in eine neue Konstellation. Und das ist die Begründung für Scheitern dieser Bilderstrecke. Wenn ich Sonnenuntergangsbilder an der Nordsee à la Manie de Nolde photographiere, dann zeigt das allenfalls, daß ich meine Kamera beherrsche, doch es ist keine Photokunst.

    Um eine Situation wie bei Hopper zu erzeugen, würde ich auf keinen Fall Hopper nacheifern, indem sich die Photographie wieder an die Malerei anlehnt. Wenn ich das Licht in den Dingen darstellen möchte, dann sollte ich nicht dem Impressionismusfilter aus Photoshop über das Bild legen, sondern einen neuen Weg finden, das Flirren des Lichts zu zeigen. Alles andere ist Nachmacherei ohne Mehrwert. Die mittlerweile als Standardware eingesetzten Filter und Effekte überdecken das Seichte eines Bildes: daß sich ein Photograph nicht der Mühe der Komposition unterzog, sondern einfach auf den Auslöser drückte und dann den Photoshop-Filter drüberlegte. Pavesi imitiert Stefanie Schneider (und wohl auch andere). (Und das gilt auch, wenn Pavesi analog photographiert, das tat Schneider ja ebenfalls.) Imitation ist jedoch das Gegenteil von Kunst, sofern solche Imitation nicht ein mehr freisetzt. Diese Photographien sind kunstgewerblich. Man mag sie gut finden, doch ich halte sie nicht für gelungene oder gute Photographien im Sinne der Photokunst. Nicht nur aus geschmäcklerischen Gründen, sondern im Sinne einer Photographie, die mehr will als in die Retro-Kiste zu greifen oder die Malerei nachzuahmen.

    Möglicherweise entfaltete diese Photographie den Effekt der Einsamkeit auch ohne diese Filtermania, die sich über fast jedes Bild, das heute gezeigt wird, ergießt.

    1. Dieses Argument ist mir schon häufig über den Weg gelaufen. Es wird ja auch in der Literatur zur Genüge bemüht. Allerdings finde ich es schwierig, die Grenze zu ziehen, wo ein Gespräch geführt wird, wo man sich auf Traditionen und Ansätze beruft, um diese zu erweitern, weiter zu führen, oder sonstwie damit zu arbeiten, und wo lediglich nachgeahmt wird.
      Deine Ablehnung ist klar und Deinen Maßstäben gemäß (die ich nicht unbedingt teile) begründet.
      Trotzdem würde ich nicht von Scheitern sprechen. Pavesis Fotos rufen Stimmungen hervor, und mein Vergleich mit Hopper war ja nur eine ganz subjektive Wahrnehmung (und vielleicht auch nicht so klug gewählt, weil ich sie damit in eine Schublade gezwängt habe, die natürlich viel zu eng ist) und keinesfalls ihr eigenes Konzept. Aber ich gut, ich will Dich auch gar nicht überzeugen. Mich hat ja auch nicht so sehr Deine Ablehnung irritiert, sondern dieses wie ein objektiv unanfechtbares Urteil daherkommende Scheitern.

  3. Ich habe kein Problem damit, daß andere diese Photographien anders sehen oder daß sie gefallen. Etwas Anmutiges habe sie durchaus. Noch anmutiger wären diese Bilder, hätte die Photographin sie 1972 geschossen. Das wäre eine avantgardistische Modestrecke für die „Sibylle“ gewesen!

    Es geht mir nicht um apodiktische Urteile, und es läßt sich über Kunst durchaus debattieren. Wenn man aber Kunstwerke bzw. die Urteile über sie nicht bloß in einem subjektiven, meinenden Raum belassen will, der in dem binären Code „gefällt mir/gefällt mir nicht“ verbleibt, und wenn wir mit Kunst einen Wahrheits- und Erkenntnisanspruch verbinden, der mehr ist, als daß Kunst bloß mein Gefühl affiziert, dem Gefallen oder irgend einer anderen subjektiven Regung dient, die befriedigt sein möchte, dann kann es hilfreich sein, Kriterien dafür anzugeben, weshalb ein Kunstwerk mißlungen oder gelungen ist. Denn ansonsten wäre eine Skulptur von Arno Breker als Kunstwerk genauso gut wie eine von Giacometti und ein Hermann Löns-Gedichte ebenso gut wie ein solches von Trakl. Das aber will mir scheinen, ist nicht der Fall. Und es lassen sich dafür Gründe angeben, weshalb das eine Kunstgewerbe und das andere Kunst ist. Eine solche Relativierung, daß im Auge des Betrachters alles irgendwie sein Recht habe, bedeutet die Entschärfung der Kunst: Der eine sagt so, die andere eben anders – es ist egal.

    Über Kunstwerke ästhetisch zu urteilen, heißt nicht, mit dem Scharfrichterbeil dazusitzen. Als Kriterium für Nichtgefallen jedoch „interessiert mich nicht“ oder „sehe ich mir nicht an“ anzugeben, nur um ein kritisches Urteil zu vermeiden, ist der Ausweis des Unkünstlerischen. Mich interessiert jedes Kunstwerk. Auch das, welches mißlingt. Zumal sowieso jedes große Werk sich häufig an der Grenze zum Scheitern bewegt: Man lese die Fragmentprosa von Kafka!

  4. Ich masse mir nicht an, die Fotos Pavesis als gelungen oder gescheitert zu beurteilen. Und ob sie mir gefallen oder nicht sagt lediglich etwas über meine Haltung zu den Bildern, nichts aber über die Qualität der Fotos aus.
    Da sie vorrangig mit (älterem) analogen Werkzeug arbeitet, ergeben sich manche Effekte quasi von selbst. Ich kann heute nicht mehr beurteilen, ob und was nachträglich mit Hilfe von Software eventuell verändert worden ist.
    Interessant finde ich Bersarins Einschätzung, dass Pavesis Fotos Anfang der 1970er Jahre durchaus einen avantgardistischen Touch gehabt hätten. Das sehe ich genauso, wenn ich an die Avantgarde dieser Zeit denke. Ich habe in jener Zeit meine fotografische Ausbildung erhalten und habe noch heute Fotos, die denen der Pavesi sehr ähnlich sind. Zeitkolorit in Mode und Stil der Fotografie, die ja als Handwerk und Kunst nicht ausserhalb des Zeitgeschmacks existiert.
    Auch für mich stellen ihre Arbeiten einen Rückgriff dar. Als Professionelle, die sie zweifelsohne ist, muss sie ihre Marktlücke finden. Und die hat sie, wenn man sich ihre Auszeichnungen ansieht, offensichtlich gefunden. Aber ich bin sicher, dass in einigen Jahren ihre derzeitige Bedeutung bereits stark abgenommen haben wird, da ihr Stil in der Tat eher retrograd als progressiv ist, d.h. ihre Bilder zeigen dem Betrachter nichts Neues, weil ein eigener individueller Stil nicht erkennbar ist. Ihr Können beruht im Rückgriff auf Altbewährtes, damit hat sie ihr Markenzeichen entwickelt. Ihre Auszeichnungen deuten meiner Meinung nach eher auf die Sehnsucht der Jurys und des Publikums nach den „guten alten Zeiten“ hin als auf die Weiterentwicklung unserer Sehgewohnheiten und der daraus resultierenden Weltsicht.
    Schöne Grüsse aus dem Zweistromland

    1. Mir ging es genau darum, lieber Herr Ärmel, um den Unterschied zwischen einer eigenen Haltung, wie Du das sehr treffend formuliert hast, und dem pauschalen Urteil eines Scheiterns. Interessant ist es auf jeden Fall zu lesen, wie Menschen, die weitaus mehr Ahnung von Fotografie inklusive der Geschichte von Fotografie als Kunst haben, über Pavesis Fotos denken. Aber immer noch bin ich renitent und denke, vielleicht ist manchmal das „retrogarde“ wie Du es nennst, die eigentliche Weiterentwicklung…

      1. Das ist meiner Meinung nach eine Frage der Definition. Ich begreife retrograd als zeitlich zurückgewandt und Weiterentwicklung im Sinne einer Bewegung in die vor uns liegende Zeit. Insofern ist auch der von mir angedeutete modisch-kommerzielle Pendelschlag zu verstehen.
        Das kann man natürlich auch anders sehen – die Welt ist gross genug, dass viele Meinungen darin Raum haben.
        Schöne Grüsse aus dem Zweistromland

      2. Zeitlich zurückgewandt also als (unmöglicher) Schritt in die Vergangenheit, wenn ich Dich richtig verstehe? Statt als Rückgriff auf Strategien und Erfahrungen, die man sich vielleicht auch in Gegenwart und Zukunft nutzbar machen könnte. Wenn ich diese Definition mitvollziehe, bin auch ich kein Fan dieser Art von Nostalgie. Viele Grüße aus der Stadt in der das Wasser ausschließlich von oben kommt.

  5. Als Fazit aus dieser Diskussion ziehe ich für mich, dass längst nicht alles, was schön ist, Kunst sein muss. Ich persönlich finde Pavesis Fotos schön, ob sie Kunst sind, darüber lässt sich offenbar streiten.

    1. Aber Mützenfalterin, nur weil einer mit seinem grauen Kittel daherkommt und erzählen will, was Kunst ist und was nicht, hat das gerade mal gar nichts zu bedeuten. Wenn du die Eassys von Paz durchliest, weißt du sehr viel mehr und man wird auch noch beschenkt mit den Zeilen eines Dichters.
      Ich mag diese Oberlehrer nicht, die sind peinlich.

  6. Beklagen Sie sich nicht darüber, nicht gelernt zu haben. Es gibt nichts zu wissen. Selbst was man technische Gewandtheit nennt, ist kein Wissen im eigentlichen Sinn, denn es besteht nicht außerhalb der geheimnisvollen Ideenverbindungen unseres Gedächtnisses und des von unseren Erfindungsgeist in der Verknüpfung der Worte betätigten Taktgefühls. Das Wissen im Sinne einer Sache, die völlig außerhalb von uns besteht und die man erlernen kann wie eine Wissenschaft, zählt nicht in der Kunst.

    Marcel Proust

  7. »Wir sind weder Griechen noch Chinesen noch Araber; auch können wir nicht sagen, daß wir die romanische oder die byzantinische Skulptur völlig verstehen. Wir sind dazu verurteilt, zu übersetzen, und jede unserer Übersetzungen, handle es sich um die gotische oder um die ägyptische Kunst, ist eine Metapher, eine Verwandlung des Originals.«

    Octavio Paz aus Zwiesprache – Essays zu Kunst und Literatur , erschienen bei Suhrkamp

  8. @ Mützenfalterin
    Richtig, es gibt Differenzen und unterschiedliche Blicke. Das Schöne als Begriff in der Kunst ist eine von vielen Möglichkeiten. Überspitzt könnte man aber unter den Bedingungen der gegenwärtigen Harmlosigkeit von Kunst ebenso formulieren, daß gute und gelungene Kunst grausam sein muß, daß sie Schnitte ins Fleisch und Wunden legen sollte. Aber auch dies ist nur eine von vielen Bestimmungen, denn Kunst ist x oder Kunst ist y läßt sich nicht so einfach postulieren, sondern ästhetische Theorie entfaltet sich konkret am Werk und geht doch darüber hinaus. Kunst ist nicht an einen Kanon gebunden. Zum Glück. Aber der Blick auf Kunst ist zugleich ebenso wenig ein beliebiger.

    @ afwilder
    Es geht nicht um Oberlehrer, sondern um die Fähigkeit zum Urteil. Diese ist nicht jedem gegeben. Peinlich und der Kunst nicht gewachsen sind die, die irgend etwas behaupten und die Kunst als Sonnenstudio und Wärmebank benutzen. Zudem geht es im ästhetischen Urteil gegen Beliebigkeit in der Kunst; ansonsten wären nämlich auch die Skulpturen Arno Brekers, die Gedichte Löns‘ oder die Menschen-Arbeiten sowie die archivischen Materialsammlungen von Josef Mengele große Kunst, sofern sich nur jemand findet, so etwas für gut und kunstwürdig zu halten. Es gibt jedoch gute Gründe, weshalb das, was Mengele tat, ein Verbrechen ist, und Breker und Löns keine Kunst schufen, sondern kunstgewerblich arbeiteten. Wer diese Differenzen nicht auszumachen vermag, sollte besser die Finger von Kunst lassen, denn Kunst ist keine Freizeitbeschäftigung.

    Und nun zur Kunst des Lesens: Es schrieb hier keiner, daß ein Kunstwerk sich restlos übersetzen oder entziffern lasse. Oder findest Du diesen Satz irgendwo bei mir? Das Paz-Zitat meint ja gerade nicht die Beliebigkeit, sondern handelt von den Möglichkeiten der Übersetzung.

    Proust drehte sich übrigens im Grabe um und baute sich eine weitere Korkwand in den Sarg ein, bekäme er mit, in welchem Referenzrahmen er zitiert wurde.

    1. War aber nicht diese Entdeckung, zu der die Kunst u
      ns verhelfen konnte, im Grund die
      Entdeckung dessen, was uns das Kostbarste sein müßt
      e, gewöhnlich uns aber für immer
      unbekannt bleibt: unser wahres Leben, die Wirklichk
      eit, wie wir sie erlebt haben, wie sie aber
      doch von dem, was wir glauben, so erheblich abweich
      t, daß wir ein derart starkes Glück
      empfinden, wenn uns ein Zufall die wirkliche Erinne
      rung verschafft? In dieser Ansicht bestärkte
      mich gerade auch der trügerische Charakter der ange
      blich realistischen Kunst, die nicht so
      verlogen wäre, wenn wir nicht im Leben die Gewohnhe
      it angenommen hätten, dem, was wir
      fühlen, einen Ausdruck zu geben, der sich zwar gewa
      ltig davon entfernt, den wir aber nach kurzer
      Zeit für die Wirklichkeit halten.

      Grabumdreher Marcel Proust

  9. Übrigens gehört Dir die Literatur nicht, selbst so ein dummer Mensch wie ich ist in der Lage sie zu bestellen, sie zu lesen, sie natürlich nicht zu verstehen und darüber bin ich sehr glücklich, warst du schon mal beim lesen eines Buches glücklich?

  10. Wenn Dich, afwilder, Lesen glücklich macht, so will ich Dir Dein Glück nicht nehmen. Mich macht das Fahren in schnellen, formschönen Autos der 60er Jahre glücklich, die in Turin gebaut wurden und die in ihrer Bezeichnung den ersten Teil eines Shakespearestückenamens führen – da hat jeder sein Steckenpferd. Was jemand, den ich nicht kenne, beim Lesen empfindet, ist mir ansonsten relativ gleichgültig. Wenn ich über ein Buch die Aussage treffe, es sei gekonnt geschrieben, technisch gut gemacht, tricky konzipiert, schön oder gelungen, berührend, interessant, spannend, formvollendet, grausam die Wunden schneidend, auf der Höhe seiner Zeit, geistreich, anspielungsreich, seine Zeit auf den Punkt bringend, komisch oder tragisch, dann kann ich dafür Gründe angeben. Das muß man nicht, aber besser ist es schon, außer man möchte sich im bloßen Gefühlten ergehen. Das kann jede/r am Ende halten wie sie oder er mögen. Ich selber halte es mit der Analyse. Für den einen liegt das höchste Glück der Erde auf dem Rücken der Pferde, für den anderen ist die höchste Form des Glücks die ästhetische Analyse des Stücks. [Wobei ich hier nicht der Beliebigkeit das Wort reden will.]

    Wenn Du Dir Bücher bestellst, noch ein Tip: Nie bei Amazon, sondern immer beim unabhängigen, nicht geketteten Buchdealer um die nächste Ecke!

  11. Doch noch ein letztes Wort zu diesem Thema: Kunst ist auch für mich nichts beliebiges, nur weil ich mir nicht anmaße meine Haltung zu einem Urteil zu machen. Im übrigen stelle ich hier immer gerne den Raum für Diskussionen um eine Sache zur Verfügung, persönliche Streitereien mögen sich eine andere Plattform suchen.

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