Neun mal zwei

Eine Verbindung aufgrund der gemeinsamen Einsamkeit. Eine Verbindlichkeit aufgrund von Schwindel.

 

 

Die doppelte Bedeutung des Schwindels. Gleich nah an der Lüge, wie am Rausch.

 

 

Es gibt diejenigen, die Behauptungen aufstellen, die sie für unumstößlich halten und andere, die nicht von sich absehen können. Denen der Zweifel eingepflanzt ist, wie anderen die Gewissheit.

 

 

Wie einer, der sich die Flügel anschnallt, die ein anderer gerade enttäuscht weggeworfen hat. Hoffnungsvoll.

 

 

Es gibt Zwietracht und zweifelhafte Aussagen. Unverbundene Punkte, die man auch Standpunkte nennen kann, auf der Suche nach einem Halt, der sie in Bewegung setzen könnte.

 

 

Es gibt eine Stille, die sich nur zu zweit herstellen lässt. Diese besondere Ruhe.

 

 

Eine Verbindung zwischen Bild und Betrachter. Und eine zwischen dem Sprecher und seinem Schweigen.

 

 

Eine Verbindung ist mehr als eine Funktion. Sie geht darüber hinaus, beweglich.

 

 

Eine geteilte Bewegung, verdoppelt sich nicht, führt aber unentwegt zu Veränderungen. Überführt die veränderten Einsamkeiten in Schwindel.

 

 

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Wellen

Wellen - Isla volante
Wellen – Isla volante

Das Kind taucht auf den Meeresgrund. Es ist nicht tief. Sie sind nicht weit vom Ufer entfernt. Es taucht wieder auf, verkündet, es habe Fußspuren gesehen am Meeresgrund. Das Kind ist stolz. Sie lächelt. Aber es ist ein trauriges Lächeln. Ein Lächeln, das alles vergessen hat, das sich nur noch auf das Überleben konzentriert. Sie wartet auf die Wellen. Das Kind wartet auch. Das Kind taucht ein in die Wellen, lässt sich von den Wellen davon treiben.

24. Januar

Die Literatur ist im Grunde genommen wie diese Sehnsucht nach einem den eigenen Horizont erweiternden Gespräch, aber hier wie dort ist es viel häufiger, dass lediglich längst Bekanntes endlos wiedergekäut wird. Häufig genug mit einem unangenehm überzogenen Selbstbewusstsein. Schwer zu entscheiden, wo die Grenze verläuft zwischen dem, was notwendig ist, um überhaupt gehört zu werden und dieser irritierend zur Schau gestellten Selbstliebe.

Vielleicht weil ich von dem einen zu wenig habe, erscheint mir das andere schnell zu viel.

Unterschiede

Unterschiede - Isla volante
Unterschiede – Isla volante

Wir vertrieben die Zeit mit hochmütigen Gedanken, hielten uns unsere Unzulänglichkeiten vor wie Spiegel.

Die Möwen bedauerten uns. Keine Spur von Hohn in den Schreien, mit denen sie uns zurechtwiesen.

Meine Hand, geballt zu einer Faust, versuchte etwas festzuhalten, während sie frei und ungeschützt über allem ihre Kreise zogen.

Vielleicht, dachte ich, ist das der Unterschied, der allem zugrunde liegt: ob man das Meer von oben betrachtet, oder es ständig als Horizont vor sich hat. Ob man darüber redet, oder es schweigend genießt.

Parallelgeschichten (3)

Noch mehr als durch ihre erotische Ausstrahlung waren die drei durch ihre Lebensgeschichte verbunden. Das Schicksal hatte sie zufällig zusammengebracht und hielt sie seither streng aneinandergeschmiedet. Gehorsam neigten sie voreinander das Haupt. Über ihre früheren Erlebnisse sprachen sie nicht, weil ihnen der Austausch vertrauter Signale wichtiger war als das Sprechen, oder weil ihnen geraten schien zu schweigen. Wenn es ein paar Dinge gibt, über die man nicht sprechen kann, ergeben sich automatisch hundert andere Dinge, über die man ebenfalls schweigt.“

 

 

Dieser Automatismus des Unaussprechlichen. Wie es aufeinmal immer schwieriger wird, miteinander zu reden.

 

Irgendwann hat man sich einmal entschieden, einen Satz nicht auszusprechen, eine Ansicht für sich zu behalten, und plötzlich wird jedes Wort abgewogen, überlegt, zensiert.

 

Es gibt kein natürliches Hin- und Herfliessen der Worte mehr, sondern ein Selbstbild und ein Fremdbild und die Grenze zwischen beiden, die mit jedem unausgesprochenem Wort einen Stein zu der Mauer hinzufügt, die diese Grenze befestigt.

 

 

Einander nichts vormachen zu müssen, bedeutet noch längst keine grenzenlose Offenheit.

 

 

Und all das spricht Nádas ja nicht aus, es steht in diesen sehr genauen Beschreibungen, in seiner grausamen und gleichzeitig zärtlichen Art nicht die kleinste Kleinigkeit zu übersehen, oder zu verschweigen. Jedes Detail, das er beschreibt, von den violettroten Lippen zu den zierlichen Füßen hat seine Berechtigung, seine Notwendigkeit erzählt zu werden.

 

 

Wie genau, also eigentlich gar nicht wahrnehmbar, hier körperliche und geistige Aktionen Hand in Hand gehen, einander ergänzen, oder widersprechen, aber niemals scheint Nádas die Dualität aus den Augen zu verlieren, nie vernachlässigt er das eine zugunsten des anderen. Und auch sprachlich bilden sich Scham, Verzweiflung, Empörung ab. Was der deutsche Leser der kongenialen Übersetzung Christina Viraghs zu verdanken hat.

 

 

Und so merkte er plötzlich, dass ihm auch sein Gewissen nicht gehörte.“

 

 

Parallelgeschichten (2)

Und wieder der Körper, sein Altern, sein Geruch, Krankheiten.

Aber auch die Schönheit eines fremden Körpers, die beruhigt.

Ganz massiv dann die Körper in der Saunaszene, drei Männerkörper. Textkörper und menschliche Körper und wo es trotz allem Verbindungen gibt zwischen beiden. Jedenfalls für Schriftsteller wie Nádas, die Bilder, Szenen, Architekturen für das Sprachlose finden.

Alle Geschichten hängen miteinander zusammen, auch dort, wo sie sich nicht direkt zu berühren scheinen, eher wie Parallelen nebeneinander herlaufen. Nádas spannt ein unglaublich detailliertes feinmaschiges und dennoch weites Netz, in dem jeder einzelne Faden die gleich Berechtigung und Notwendigkeit hat. Auf diese Weise, und das ist unter Umständen auch eine immanente Kritik an langen, schmerzhaften Phasen in der die ungarische Politik sich auf die eine und andere Weise von der Demokratie entfernt hatte, schreibt Nádas einen zutiefst demokratischen Roman. Länderübergreifend, zeitübergreifend, geschlechterübergreifend.