Clarice Lispector

An den Setzer

 

  1. Februar 1968

 

 

Entschuldigen Sie meine vielen Vertipper. Die liegen erstens daran, daß meine rechte Hand verbrannt ist. Zweitens weiß ich nicht, woran.

 

Eine Bitte hätte ich: Verbessern Sie mich nicht. Die Interpunktion ist der Atem des Satzes, und meine Sätze atmen so. Und falls Sie mich komisch finden sollten, üben Sie trotzdem Respekt. Sogar ich selbst habe lernen müssen, mich zu respektieren.

 

 

Sinn und Form

„Es heißt, ein Affe, der auf einer Schreibmaschine unendlich lang zufällige Buchstaben anschlägt, könne schließlich dahin kommen, ein Shakespeare-Sonett zu schreiben. Genau das ist unsere Welt, jeder von uns, ihre einzelnen Teile.“ Mircea Cartarescu in Sinn und Form.

Träume

Traum - Isla volante
Traum – Isla volante

Deine Träume landen im Meer, sagte mein Vater, bevor er erneut zur See fuhr. Werden von einem Walfisch gefangen und gelangen über ihn zu mir. Dieser Wal ist der treuste Freund, den ich habe, und er liebt deine Träume. Nur einmal, als Deine Träume sehr zornig waren, hat er sie verschluckt.

Orlan

Ruhe – Störung heißt die Ausstellung im Martha in Herford, die ich mir vor ein paar Tagen angesehen habe, und immer noch bin ich verunsichert, verwirrt, von einem Video der Künstlerin Orlan. Ich hatte bislang noch nie von ihr gehört. In der Ausstellung gab es ein Video von ihr, und was sie sagte, hat mich durchaus fasziniert. Sie macht darauf aufmerksam, welche Rolle der Körper für uns heute spielt, dass er quasi ständig im Widerspruch zu dem Selbstbild steht, zu dem Ideal, das wir von uns haben, und dem unser Körper, unsere Haut nie entspricht. Die Konsequenzen, die sie daraus gezogen hat, sind derart radikal, dass ich es immer noch nicht ganz fassen kann. Denn Orlan hat sich über neun Schönheitsoperationen unterzogen, bei denen sie sich selbstverständlich filmen ließ, bei denen sie auf Fragen antwortete, selbst erzählte, las. Und mit Hilfe derer sie sich natürlich veränderte. Nicht unbedingt um gängigen Schönheitsidealen näher zu kommen, vielmehr hatte Orlan die Vorlage für die chirurgischen Veränderungen selbst entworfen und sich dabei an mythischen und historischen Schönheitsidealen orientiert.

 

Ich konnte das Video dann nicht mehr ansehen, weil ich mich den Schnitten und dem Blut nicht aussetzen wollte. Andererseits beeindruckt mich die Radikalität mit der sie ihr Denken in Handeln umsetzt.

 

Mittlerweile, so habe ich bei meinen Recherchen herausgefunden, hat Orlan zwei Wulste an der Stirn, auch diese Ergebnis einer der zahlreichen Operationen, und durchaus gewollt. Als Begründerin der Carnal Art macht Orlan mit erschreckender Konsequenz ihren eigenen Körper zum Kunstwerk.

 

Die nächste Frage, die Orlan nach den Veränderungen ihres Körpers beschäftigen wird, ist die nach der Identität. Hat eine noch diesselbe Identität, wenn man ihr Gesicht, ihren Körper kaum noch wiedererkennen kann?

 

 

Acht mal zwei

Die Zahl zwei. Die Grundlage für den Gegensatz.

 

 

Ein Satz (eine Behauptung) und ein Gegensatz. Nicht um den Satz auzulöschen, auch nicht, um ihn zu widerlegen, nur um die Grenze aufzuzeigen, wie weit das Benennbare reicht.

 

 

Eine Markierung der Ränder. Die Zahlen sind der Gegensatz zu den Worten.

 

 

Eine vorläufige Versicherung. Weil Berechnungen keine Antwort sind, aber eine Begrenzung der Fragen.

 

 

Was wäre der Wind ohne die Zweige, mit denen er spielen kann? Und was sind die Zahlen, ohne einen, der sie zählt?

 

 

Wie soll man erwachen, wenn man vorher nicht geschlafen hat? Eine Tür öffnet sich, eine andere schlägt zu.

 

 

Das Charakteristische an einem Einfall ist, dass er allein kommt. Vollkommend einleuchtend, ohne einhergehenden Zweifel.

 

 

Eine Überlegung hingegen, baut auf etwas zuvor Einleuchtendem auf, das dann in Zweifel gezogen, zur Grundlage weitergehender Gedanken geworden ist. Also beweglich statt fest stehend.

 

Miroslav Tichý

Miroslav Tichý
Miroslav Tichý

Er hat nicht viel Glück gehabt, aber eine Leidenschaft.

 

Bis 1948 hatte Tichý an der Prager Kunstakademie studiert. Dann kamen die Kommunisten und mit ihnen Überwachung und Schikane. Ende der 50er Jahre verbrachte Tichý ein Jahr in der Psychatrie. Danach zog er sich vollends aus dem Kunstbetrieb zurück (seine Gemälde hielt er bis zum Schluss für seine einzigen nennenswerten Werke) und begann zu fotografieren.

 

Ich hatte eine Norm“, sagt Tichý, Hundert Fotos am Tag. Wenn ich die Norm erfüllt hatte, habe ich aufgehört.“

 

Heimlich verfolgte er Tag für Tag Frauen, die ihm gefielen, um sie unbemerkt zu fotografieren. Mit selbstgebauten Kamera-Monstren.

 

Roman Buxmann „entdeckt“ das Besondere an Tichýs Fotos und sorgt 1989 für die erste Ausstellung seiner Bilder in Köln.

 

Tichýs Fotos bestehen gerade durch das technisch unperfekte, durch die Nachlässigkeit, mit der er sie gehandhabt hat.

 

2011 ist Miroslav Tichý gestorben. Er wurde 84 Jahre alt.

Miroslav Tichýs Kamera Hier gefunden.
Miroslav Tichýs Kamera
Hier gefunden.