Orlan

Ruhe – Störung heißt die Ausstellung im Martha in Herford, die ich mir vor ein paar Tagen angesehen habe, und immer noch bin ich verunsichert, verwirrt, von einem Video der Künstlerin Orlan. Ich hatte bislang noch nie von ihr gehört. In der Ausstellung gab es ein Video von ihr, und was sie sagte, hat mich durchaus fasziniert. Sie macht darauf aufmerksam, welche Rolle der Körper für uns heute spielt, dass er quasi ständig im Widerspruch zu dem Selbstbild steht, zu dem Ideal, das wir von uns haben, und dem unser Körper, unsere Haut nie entspricht. Die Konsequenzen, die sie daraus gezogen hat, sind derart radikal, dass ich es immer noch nicht ganz fassen kann. Denn Orlan hat sich über neun Schönheitsoperationen unterzogen, bei denen sie sich selbstverständlich filmen ließ, bei denen sie auf Fragen antwortete, selbst erzählte, las. Und mit Hilfe derer sie sich natürlich veränderte. Nicht unbedingt um gängigen Schönheitsidealen näher zu kommen, vielmehr hatte Orlan die Vorlage für die chirurgischen Veränderungen selbst entworfen und sich dabei an mythischen und historischen Schönheitsidealen orientiert.

 

Ich konnte das Video dann nicht mehr ansehen, weil ich mich den Schnitten und dem Blut nicht aussetzen wollte. Andererseits beeindruckt mich die Radikalität mit der sie ihr Denken in Handeln umsetzt.

 

Mittlerweile, so habe ich bei meinen Recherchen herausgefunden, hat Orlan zwei Wulste an der Stirn, auch diese Ergebnis einer der zahlreichen Operationen, und durchaus gewollt. Als Begründerin der Carnal Art macht Orlan mit erschreckender Konsequenz ihren eigenen Körper zum Kunstwerk.

 

Die nächste Frage, die Orlan nach den Veränderungen ihres Körpers beschäftigen wird, ist die nach der Identität. Hat eine noch diesselbe Identität, wenn man ihr Gesicht, ihren Körper kaum noch wiedererkennen kann?

 

 

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4 Gedanken zu “Orlan

  1. mir stehen die haare zu berge ob so viel radikalität. im dienste einer sache zu leben ist an sich für mich immer ein wenig unheimlich, doch die kunst oder eine aussage zu einer solchen „sache“ zu machen: ist es das wert?
    ich urteile nicht, es ist bloß ein unbehagen dabei, wenn ich das so lese. und natürlich ist es vermutich ihre absicht, solche gedanken zu provozieren. solche, aber auch solche, die sich mit idealen und woher diese kommen und was sie mit uns machen, auseinandersetzen.

  2. Ich hab‘ mich im letzten Semester sehr stark mit Bodymodification beschäftigt. Ich kenne die Künstlerin nicht, doch ich weiß vielleicht auch nicht, was sie zur Künstlerin macht. Es gibt sehr viele Menschen mit vielen Gedanken und Wünschen zu ihren eigenen Bodymodifications. Viele – wenn nicht sogar die meisten von ihnen – setzen sich mit dem Thema Identität und Äußeres auseinander. Worin unterscheidet sich diese Künstlerin von ihnen außer, dass sie sich dabei filmen lässt? Was meinst du?

  3. Gerade schlüpfe ich aus einer Jeans, die ich nicht mehr zu bekomme, oder nur noch mit viel Not und ziehe einen andere an, die jetzt besser passt: Ich passe die Realität meinem Körper an, fühle mich dabei aber furchtbar, weil ich weiß das ich dem Schönheitsideal nicht mehr so entspreche wie zuvor: Ist also eine OP notwendig um sich zu verändern? Ist nicht jeder Körper abnorm wenn man ihn mit den Photoshop Ergebnissen auf Zeitschriften vergleicht? Hätte die Künstlerin nicht auch einfach eine Schwangerschaft filmen können, oder ihr altern als Langzeitstudie?

    1. Das sind schöne Einwände, die mir persönlich sehr gut gefallen. Annegret Soltau z.B. setzt sich ja eher in dieser Richtung mit sich und ihrer Körperlichkeit auseinander. Wie ich Orlan aber verstanden habe, geht es ihr noch um etwas anderes, nämlich eben um die technologische Machbarkeit, sich selbst, seinen Körper, an die Ideale der Photoshopwelt anzupassen.

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