Egon Friedell (1878 – 1938)

Denn ich bin aufs tiefste überzeugt, daß man den Menschen im großen und ganzen nur das mitteilen kann, was sie eigentlich schon wissen, nämlich irgendwie latent in sich tragen; ist diese Voraussetzung nicht gegeben, so werden sie es entweder überhaupt nicht verstehen oder ›auf ihre Art auslegen‹, das heißt: also falsch verstehen.

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15 Gedanken zu “Egon Friedell (1878 – 1938)

  1. Ein feiner Satz von Friedell, der die Sache an sich nicht einfacher macht. Nur das, was wir „irgendwie in uns tragen“, können wir auch im Aussen erscheinen lassen. Der Autor trägt die Geschichte in sich, bevor er sie aufschreibt, der Fotograf hat das Bild bereits in sich, bevor auf den Auslöser drückt und der Maler sieht das fertige Bild bereits auf der noch leeren Leinwand. Bei den Künstlern wirds ganz deutlich. Im Alltag wird kaum daran gedacht. Wenn z.B. ein Lehrer das Kind in sich nicht mehr erkennt oder gar verloren hat, wie will er dann Kinder verstehen und unterrichten?
    Eine immer wieder anregende Erkenntis.
    Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

    1. Ich finde dieser Satz ist viel offensichtlicher, wenn ich jemandem etwas zu erklären versuche, wenn ich ihn von einer Sache zu überzeugen versuche, und einfach immer wieder gegen Mauern renne. Dann muss ich wohl einsehen, dass es Unterschiede gibt, Dinge, die die einen begreifen, die den anderen aber einfach nichts bedeuten, obwohl vielleicht rede ich da eher von Meinungen und Haltungen, nicht von Inhalten, die man vermitteln kann. Das mit dem Kind im Lehrer ist ein schöner Aspekt. Daran hatte ich bislang noch gar nicht gedacht.

      1. Bei Friedell, dem alten Kabarettisten und Kulturwissenschaftler gings meist um die Vermittlung von „Wissen“ im weitesten Sinn. Und das genannte Zitat steht im Kontext zu seiner Glosse „Die Verlängerung des Lebens“.

      2. Friedell hat ja seine Texte durchaus mehrmals verwendet, viele seiner Essays aus der Zeit als Kritiker sind z.B. in seine Kulturgeschichte eingeflossen. Ich habe das Zitat aus dem Schaltwerk der Gedanken, dieser Sammlung von Friedell Texten, den ich übrigens im Gegensatz zu Dir, bis vor kurzem nicht kannte. Aber ich bin durchaus froh, das geändert zu haben.

  2. Der Satz ist nett, aber er stimmt nicht und das weiß der gute tote Mann auch. Literatur schafft das, wenn wir lesen, können wir von einem Augenblick auf den anderen erfahren was Israel ist, was Algerien ist, wie das Leben in Ghana funktioniert (oder auch nicht) wir erkennen in Bosnien plötzlich viel mehr als irgendein Vorurteil (ob zum Vor oder Nachteil dieses schönen Landes) Literatur schafft das und sie macht, dass sie uns viel mehr mitteilt als wir ahnen. Das ist das wunderbare an Literatur, sie hat keine Besserwisser, keine Drübersteher nötig, sie hat Menschen nötig die sie lieben, weil sie Menschen lieben, die Sprache lieben. Sprachchirugen, die jeden Satz von Kafka auseinandernehmen und immer wieder Gräten erkennen, die Kafka dort nie verstaut hat, sind natürlich etwas sehr anderes, die begreife ich tatsächlich nicht und das soll auch so sein

    1. Aber Literatur erzählt ja nicht von Staaten und Kontinenten, sondern vom Menschsein, und das sind wir letztendlich alle und deswegen können wir mehr begreifen, wenn wir lesen. Weil die Literatur etwas in uns anrührt, von dem wir vielleicht nicht wussten, aber da war es eben doch.

      1. Wenn ich Yasmina Khadra lese habe ich Algerien vor Augen, wenn ich ;Miljenko Jogovic lese, Bosnien….aber im Prinzip, genau dasssss was du auch schreibst

  3. Das ist mittlerweile auch neurobiologisch belegt. Je älter man wird, desto mehr kann man nur das anknüpfen, das zu den vorhandenen (neuronalen) Netzen passt. Kurz gesagt auch: Der Mensch ist lernfähig aber unbelehrbar.

      1. Mein Eindruck ist, der Mensch ist unbelehrbar, wenn er spürt, dass er belehrt werden soll. Hat er dagegen Spielräume, die Welt selbst zu entdecken, und geht auf die Welt zu, statt vor ihr in Deckung gehen zu müssen, lässt er sich gerne belehren.

      2. Für mich jedenfalls unterschreibe ich deinen Eindruck – solange ich den Eindruck habe, „mitentscheiden“ und „ein-sehen“ zu können, dann bin ich gerne belehrbar. Ist andersrum hat der jeweilige Belehrer keine Schnitte…

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