Literatur und Kritik

Ich muss (und möchte) noch einmal darauf zurückkommen, auf das Thema der Literaturkritik, was sie ausmacht, was sie besser machen könnte. Maßgeblich zwei Bücher haben mich dazu veranlasst. Von einem längst verstorbenen „lachendem Philospophen“, Egon Friedell und von einem sehr lebendigen Dichter und Herausgeber, Bertram Reinecke.

Reinecke stellt die Frage nach dem Handwerk in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Was ist denn eigentlich das Handwerk beim Verse schmieden, wie unterscheidet sich dieser, zumeist undefiniert gebrauchte Begriff „Handwerk“ von der „eigenen Stimme“ und lässt sich Handwerk lernen?

Das Handwerk kann man lernen, die eigene Stimme nicht.“ Mit dieser Aussage beginnt Reineckes Essay. Um dann zu zeigen, dass die eigene Stimme immer auf anderen Stimmen aufbaut, dass das Neuartige eines Stils schlicht nur erkennbar ist, wenn man die Traditionen, die Vorbilder kennt. Das Handwerk, in Form einer Kenntnis des Gegenstandes in dem man einen eigenen Stil entwickeln möchte, ist also vielleicht nicht Voraussetzung für die Ausbildung einer eigenen Stimme, aber dafür, sie zu erkennen und darüber zu sprechen.

Friedell beklagt in einem 1911 in der Schaubühne erschienen Artikel, Kritikern, gleich ob es sich dabei um Germanisten oder Journalisten handle, gehe jegliche Sachlichkeit ab. „Beide haben zu wenig Ehrfurcht vor ihrem Objekt; indem sie es beide beschwatzen, statt es zu beobachten. […] Eine komplette Beschreibung einer Sache ist an sich schon der klarste und deutlichste Kommentar dieser Sache.“

Genau an dieser Stelle setzt Bertram Reinecke in seinem Essay „Gruppendynamik“ ein, es geht ihm neben der Frage nach dem Handwerk um eine Auseinandersetzung mit den Prozessen, die in Schreibgruppen stattfinden, aber wie Reinecke selbst schreibt, „es gibt in Schreibgruppen keine geheimnisvollen Instruktionen. Es passiert nichts, was anstößiger wäre als anderswo im literarischen Gespräch“. Also lassen sich die zunächst auf Schreibgruppen bezogenen Äußerungen getrost auf eine schriftliche Auseinandersetzung mit Literatur ausweiten. Der Abschnitt von dem ich denke, er schließt an Friedells oben zitierte Überlegungen an, ist „Beschreibungssprache“ übertitelt, und Reinecke erklärt dort, welche Rolle, die Wahl der Begriffe auf die Auseinandersetzung mit Literatur hat. „Man entgeht Vorurteilen nicht durch bloßen Entschluss oder indem man glaubt, man habe eben keine. […] Eine möglichst neutrale Beschreibungssprache macht Texte so erst richtig sichtbar.“

Der Kritiker hält sich an das Positive des Kunstwerks, an das Plus, an das, was darin anders ist. In seinen Mängeln und Impotenzen deckt sich nämlich der Künstler mit allen übrigen Menschen: Hierüber zu reden ist also völlig uninteressant und überflüssig. Kritiker, die sich vorwiegend auf diese Seite der Mängel und Fehler verlegen, sind ebendeshalb immer so langweilig und belanglos. Was einer nicht kann, das wissen wir schon von allein: Im Nichtskönnen sind wir ja selber erste Fachleute.“ (Friedell)

Das Unverständliche in einem Text nicht nur zu erkennen, sondern anzuerkennen, setzt die Bereitschaft voraus, sich selbst, sein eigene Selbstverständnis in Frage zu stellen. Oder, wie Reinecke es ausdrückt: „Verständlichkeit ist immer eine Relation zwischen Text und Leser.“

Die „parteiische“, „subjektive“ Kritik ist die objektivste, sie ist die einzige objektive. Die Forderung, „unparteiisch“ zu sein, ist gleich der Forderung, sich für eine Sache nicht zu interessieren. Der einzige Zugang zu einer Sache ist aber gerade das „vorurteilsvolle“ Interesse. (Friedell)

Hier scheint ein Widerspruch zu Reinecke vorzuliegen, der ja gerade vor (unbemerkten) Vorurteilen warnt und eine „neutrale Beschreibungssprache“ verlangt. Ich glaube aber der Widerspruch ist nur scheinbar vorhanden. Denn natürlich kann eine nutzbringende Auseinandersetzung nur subjektiv sein, die Frage ist vielmehr, ob der Schreibende sich diese Subjektivität bewusst macht, sie auch schreibend dem Leser bewusst macht, oder ob sich die Subjektivität als Autorität gibt und objektiven Wahrheitsanspruch erhebt.

Und noch eine Sache, ich glaube, das was den meisten, auch meinen, Besprechungen fehlt, ist die Kraft, die Leidenschaft. Mir gelingt so etwas nur, wenn ich wirklich völlig überwältigt bin, wenn ich sinnlich reagiere und nicht mit einen notwendig beschränkten Verstand.

Friedells Aufsatz schließt mit den Worten: „Und der Kritiker? Der hat gar nicht die Aufgabe, höhnisch auf diese Mängel hinzuweisen oder sie gar noch zu unterstreichen. Sondern, o nein: – er hat zu sagen: Dies ist unausgeführt und verwischt – Grund genug für mich, es auszuführen; dies ist dunkel – bravo! Ich will es hell machen; dies ist dubios – nun, ich will ihm eine solide Unterlage geben.

Das nämlich ist seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit.“

Während Betram Reineckes Essay folgende Schlussworte enthält: „Die Sprache ist aber ein umso mächtigeres Instrument, je mehr wir eingestehen, dass der Riesenraum des Gedichtes, sein legendärer Ruf, nur dann fortbesteht, wenn wir unsere Lesekonventionen bewusst pflegen, ausbauen und uns darüber kritisch verständigen, auch wenn all das eben etwas Konventionelles ist. Wir müssen uns auf das Klein-Klein ihrer Verfahren und Stilzüge einlassen, Zeit mit ihr verbringen. Der Weg zu ihr lässt sich weder durch Weltklugheit oder allgemeine Instruktionen noch durch Mutterwitz oder Intuition entschieden abkürzen. Wir können uns schamhaft über diesen Umstand betrügen, die eigene Stimme beschwörend das Handwerk verachten und Schreibschüler als Sündenböcke in die Wüste schicken. Dann kehrt die Scham freilich immer wieder zurück. Die Liebe aber macht schön…“

Vielleicht sollte eine Besprechung damit anfangen, sich zu fragen, wo und warum ein Text meine Wirklichkeit berührt, oder, wo das nicht der Fall ist, die Frage zu stellen, was es mir so schwer macht, mich auf ihn einzulassen.

Das Handwerk des Kritikers läge also darin, eine Sprache zu finden, die derartige Überlegungen nachvollziehbar macht, statt den Anspruch auf Objektivität zu erheben.