Wolfgang Herrndorf – Arbeit und Struktur

Als ich mich vor einigen Monaten mit einer Freundin über den Blog Arbeit und Struktur von Wolfgang Herrndorf unterhielt, sagte sie, sie habe dort nie wirklich lesen können, weil sie immer das Gefühl gehabt hätte, jemandem beim Sterben zuzusehen. Ich habe nichts darauf erwidert, denn sie hatte ja Recht und hatte doch nicht Recht. Denn erstens sterben wir ja alle ständig, Tag für Tag, auch wenn keine Krankheit eine relativ kurze Spanne Restlebenszeit vorgibt, ist es immer nur eine Restlebenszeit, die wir zur Verfügung haben und die jeden Tag schrumpft und dann, und das ist sicher ausschlaggebender, hat Herrndorf ja sehr genau darauf geachtet, was er einer Öffentlichkeit preisgibt und was nicht. Der Blog, diese messerscharfen Sätze, lebte ja gerade von dieser Gradwanderung, von der Distanz, die dadurch entsteht, dass vieles durch Verschweigen ausgesprochen wird.

 

Und darum habe ich ein sehr zwiespältiges Gefühl, wenn jetzt anlässlich des in Buchform erscheinenden Blogs überall Rezensionen und Auseinandersetzungen mit Herrndorfs Blog und dem, was er darin geschrieben hat, erscheinen. Weil dieses Besprechungen eben nichts verschweigen, sondern interpretieren, ergänzen und erklären, als wollten sie unbedingt das Verschwiegene an die Oberfläche holen, es erklären und auch dem letzten Analphabeten zugänglich machen.

 

Ich werde mir das Buch kaufen, aber ich werde kein Wort darüber verlieren, vielmehr in ein schweigendes Gespräch eintreten und ganz viel darüber lernen, wie Literatur dem Leben Arbeit und Struktur geben kann, unter nahezu allen Umständen.

 

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17 Gedanken zu “Wolfgang Herrndorf – Arbeit und Struktur

  1. ja, das werde ich wohl auch so halten. manchmal sind rezensionen wie die hallogenscheinwerfer am tatort eines mordes: alles wird repektlos ausgeleuchtet.

    gerade bei herrndorf ist das nicht ausgesprochene das, was mich am meisten angesprochen hat.

    1. Selbst die Tatsache, dass der Blog als Buch erscheint, lässt mich zwiespätlig zurück, irgendwie ist es pietätlos (auch wenn das vielleicht nicht der wirklich treffende Begriff in diesem Zusammenhang ist), dass das alles so schnell ging und doch bin ich natürlich irgendwie froh, diese Sammlung von großen Sätzen jetzt unabhängig vom Computer lesen zu können…

      1. Liebe Mützenfalterin,
        genau, es ist wunderbar, alle diese, wie Du zu Recht schreibst, großen Sätze jetzt in die Hand nehmen und lesen zu können. Ich habe das Buch gelesen (und übrigens nicht den Blog, da bin ich Spätstarter gewesen) und lese immer wieder darin.
        Zur Pietätlosigkeit schreibt Herrndorf übrigens am

        „5.10. 2011 22:19
        Das Wort Pietät für mich immer eine ähnliche Leerstelle gewesen wie Ehre oder Seele. Im Zusammenhang mit dem Tod sowieso absurd. Auf die Gefühle der Angehörigen muß Rücksicht genommen werden, klar, und sonst? Ist der Vorgang nicht mindestens genauso interessant wie das umgekehrt oft so genannte Wunder des Lebens?“

        und ein paar Zeilen drunter im selben Abschnitt:

        „Und Pietät mein Arsch. Wenn mit Lebenden einmal so pietätvoll umgegangen würde wie mit Toten oder Sterbenden oder wenigstens ein vergleichbares Gewese drum gemacht würde.“

        beides hier: http://www.wolfgang-herrndorf.de/2011/09/zwanzig/

        So sehe ich das auch, und nicht nur, weil mir der Herr it der Sense schon ein paar mal ziemlich nahe gekommen ist.

        Das heisst übrigens nicht, dass ich Deine Meinung nicht nachvollziehen kann – und vielleicht kommt es nicht von ungefähr, dass sich in den meisten guten Besprechungen (das ist für mich ein Unterschied zur Interpretation) sehr viel zitiert wird.

        Liebe Grüsse, Kai

      2. Danke, dass Du noch einmal Herrndorf selbst zu Wort kommen lässt, was die Pietät angeht. Vielleicht habe ich auch gar nicht so sehr Pietät gemeint, sondern die Tatsache, dass die Medien und auch wir, als Leser dieser Medien, die Menschen nicht in Ruhe lassen können, ihnen kein Privatleben zugestehen und das heißt in diesem Fall, den Blog (auch als Buch) einfach für sich sprechen zu lassen, denn da steht ja alles in sehr klaren Worten. Und wenn es dann etwas zu schreiben und zu sagen gibt, sollte das vielleicht höchstens mit demjenigen, der es liest zu tun haben und davon handeln, was das, was er da gelesen hat, in ihm auslöst. Und Du hast Recht, es gibt erstaunlicherweise auch gute Besprechungen, die nicht übergriffig sind und die arbeiten viel mit Zitaten.
        Herzliche Grüße m.

  2. Ich habe den Blog seit etwa der Hälfte bis zum letzten Eintrag verfolgt. Dabei hatte ich den Eindruck, dass nicht „Literatur dem Leben Arbeit und Struktur geben kann“, sondern dass er den Titel wählte, um seinem Leben durch Arbeit eine Struktur zu verleihen.
    Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

    1. Das ist ja kein Widerspruch, lieber Herr Ärmel, sondern eine Ergänzung, dasselbe von der anderen Seite her gedacht, klar hat er sich dadurch gerettet, dass er seinem Leben durch Arbeit Struktur gab und dank einer klaren Struktur arbeiten konnte, so lange es eben ging, aber ich glaube keine andere Arbeit als die an und mit der Literatur hätte ihm diesen Halt geben können, und das macht diese Sache so groß, die wirklich große Liebe Herrndorfs zur Literatur und sein Instinkt dafür.

  3. (Wenn ich darüber nachdenke, daß auch ich mich meines Blogs bedie{t}e, um meinen Tagen, meinen Wochen, Monaten und mittlerweile Jahren eine Struktur zu geben … ich mag mich nicht mit Hernndorf vergleichen und tu es doch jedesmal, wenn ich seine Texte lese.)

  4. Für mich ist Herrendorfs Blog eine Erinnerung an die Zeit, als ich die Einträge regelmäßig las. Sein Ringen mit dem Tod, seine Suche nach einer Haltung zum Tod. Dass das als Buch funktioniert, kann ich mir eher nicht vorstellen. Dass es als Buch erscheint, dürfte zu 99 Prozent wirtschafltichen Erwägungen geschuldet sein. Und ein bisschen schlecht wird mir, wenn ich mir vorstelle, wie der Verlag das Buch bewerben wird. Unsere durchkommerzialisierte und durchmediatisierte Welt hat leider den Respekt vor den großen Rätseln des Lebens verloren.

    1. Na ja von diesen Werbemaßnahmen habe ich ja geschrieben, darum ging es mir ja. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass Herrndorf das geregelt hat, ob der Blog als Buch erscheint oder nicht. Das ist seine Entscheidung gewesen, denke ich und somit geht das in Ordnung.
      Und im übrigen gebe ich Dir vollkommen Recht, dass wir und die Welt in der wir leben in vielen Bereichen zu schwatzhaft und laut sind.

      1. Das kann man gar in seinem Blog lesen, ich dachte die Lück (richtig geschrieben) lesen den Blog ständig.Ich tue das nicht, aber ich habe dort auch gelesen, warum er den Blog überhaupt geführt hat, aber ich verrate es jetzt nicht…

  5. Ich habe manchmal auch Schwierigkeiten gehabt, seinen Blog zu lesen, weil es für mich etwas anderes ist, zu denken: Irgendwann sterbe ich, oder wenn ich eine Krankheit aushalten muss und weiß: Es ist bald soweit. Vielleicht ist es auch weniger schlimm, dass wir sterben als sich vorzustellen, durch welche Hölle der irreversiblen und unberechenbaren Körperschmerzen man durch muss. An uns machen wir bis zu einem gewissen Alter immer wieder die Erfahrung, dass es eine „Gute Besserung“ gibt oder dass wir etwas in irgendeiner Art behandeln können, aber wenn erst einmal eine bestimmte Diagnose steht und nun für immer fest steht, dass es nicht mehr besser wird, dann hinterlässt das bei mir ein sehr erdrückend-beengendes Gefühl. All die Gerüche von Krankenhäusern, Antidesinfektionsmittel und der Kälte im Raum kommen auf mich zu – und das macht das Lesen so unverdaulich für mich (was mich nicht davon abgehalten hat).

    Ich weiß nicht, was ich vom Interpretieren, Analysieren etc. halten soll. Warum sollte man das bei Wolfgang Herrndorf lassen, aber bei all den anderen schon ab der 8. Klasse tun dürfen und müssen? Ich fand’s damals schon komisch, über die Anwesenheit eines Schriftstellers hinweg so zu reden, als würde er dies so und so meinen müssen. Für den besseren Interpretationsinhalt (also jenen, den man in Reclam Analysen findet oder in der Meinung des Lehrers), hat man auch die bessere Note bekommen. Fängt es nicht dann schon an, dass wir beginnen, uns anzumaßen, Autoren und Autorinnen verstanden zu haben? Ich finde es soviel reicher, mit jedem Gedanken zu spielen und sich immer wieder als eigener Akteur in der Geschichte eines anderen wiederzufinden. Aber immer mit der Demut der Unsicherheit darüber, dass ich ihn – den Schriftsteller oder sie, die Schrifstellerin – vermutlich auch ganz anders verstanden habe, weil ich ich bin und er er. (Oder sie sie.)

    1. Mir ist noch ein Gedanke gekommen. Vielleicht ist einer der Gründe, warum uns das bei ihm etwas mehr stört, wenn er rezensiert wird der, dass das Medium Blog uns das Gefühl gibt, den Menschen dahinter persönlicher erfahren zu haben als in einem Buch, weil wir Blogs mit dynamischerer „Interaktion“ assoziieren. Das könnte dazu führen, dass wir bei einem Zuviel an „Ausschlachtung“ und Analyse das Gefühl haben, da würde eine Grenze überschritten werden. Nur so’n Gedanke.

      1. Ich habe den Gedanken an seinen Tod beim Lesen nicht einmal verdrängen müssen, weil ich verrückterweise sicher war, er würde ewig weiterleben. Diese Verwechslung von Literatur und wahrem Leben passiert mir immer wieder.
        Was meine Abneigung gegen die Interpretation angeht, wobei natürlich alles was Du schreibst, richtig ist, in diesem Fall ist es so eine Art Vermächtnis, das ich vielleicht auch einfach für mich haben will, nichts was man teilen kann, nichts worüber man sofort und unverdaut reden kann. Ich weiß nicht, ob ich das verständlich machen kann. Herrndorf selbst hat einmal geschrieben, er halte den Roman für den Aufbewahrungsort des Falschen und dass die Wahrheit in die Wissenschaft gehört. Daher kann man über Romane getrost reden und streiten und interpretieren, ohne irgendetwas zu verletzen, ohne irgend eine Grenze zu überschreiten. Aber hier, in diesem sehr speziellen Blog, ging es um eine ganz besondere Art der Wahrheit, Wahrhaftigkeit könnte man es vielleicht nennen, und irgendwie denke ich, es ist unangemessen, dem etwas hinzuzufügen.

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