Wolfgang Herrndorf – Arbeit und Struktur

Als ich mich vor einigen Monaten mit einer Freundin über den Blog Arbeit und Struktur von Wolfgang Herrndorf unterhielt, sagte sie, sie habe dort nie wirklich lesen können, weil sie immer das Gefühl gehabt hätte, jemandem beim Sterben zuzusehen. Ich habe nichts darauf erwidert, denn sie hatte ja Recht und hatte doch nicht Recht. Denn erstens sterben wir ja alle ständig, Tag für Tag, auch wenn keine Krankheit eine relativ kurze Spanne Restlebenszeit vorgibt, ist es immer nur eine Restlebenszeit, die wir zur Verfügung haben und die jeden Tag schrumpft und dann, und das ist sicher ausschlaggebender, hat Herrndorf ja sehr genau darauf geachtet, was er einer Öffentlichkeit preisgibt und was nicht. Der Blog, diese messerscharfen Sätze, lebte ja gerade von dieser Gradwanderung, von der Distanz, die dadurch entsteht, dass vieles durch Verschweigen ausgesprochen wird.

 

Und darum habe ich ein sehr zwiespältiges Gefühl, wenn jetzt anlässlich des in Buchform erscheinenden Blogs überall Rezensionen und Auseinandersetzungen mit Herrndorfs Blog und dem, was er darin geschrieben hat, erscheinen. Weil dieses Besprechungen eben nichts verschweigen, sondern interpretieren, ergänzen und erklären, als wollten sie unbedingt das Verschwiegene an die Oberfläche holen, es erklären und auch dem letzten Analphabeten zugänglich machen.

 

Ich werde mir das Buch kaufen, aber ich werde kein Wort darüber verlieren, vielmehr in ein schweigendes Gespräch eintreten und ganz viel darüber lernen, wie Literatur dem Leben Arbeit und Struktur geben kann, unter nahezu allen Umständen.

 

Ausbruch

Du gehst mir so dermaßen auf die Nerven. Wie du neben mir herschleichst mit diesem Hundeblick. Und warum grinst du so dämlich? Ich kann es mir schon denken, ist ja nicht schwer hinter deine hohle Stirn zu gucken. Das blendende Weiß, die klare Luft und der strahlende Himmel haben es dir angetan. Genieß es nur, solange du noch kannst. Vielleicht kommt etwas Leben in dein Marionettengesicht – jeder Kasper hat mehr Ausdruck in seinem Holzgesicht als du – wenn dir klar wird, dass wir unsere letzten Schritte machen, dass wir auf dem besten Weg sind, geradewegs ins Unheil zu rennen.


Der beseelte Ernst, mit dem du mich jetzt ansiehst, ist auch nicht besser als dein Grinsen.
„Ist diese Stille nicht wunderbar?“
Warum quatscht du dann rein in diese wunderbare Stille?

Meine Mutter meint, du bist genau der Richtige. Soll sie doch mit dir erfrieren. Ihr verklärter und dein dusseliger Blick, eure Köpfe einander zugewandt. Mit steifgefrorenen Gliedern würden wir euch Tage später finden, von der Kälte konserviert. Die gefrorenen Schneepartikel um deine Schläfen würden den Altersunterschied verwischen. Ihr wärt das perfekte Liebespaar.

Du trägst tatsächlich die Mütze, die meine Mutter dir gestrickt hat. Fehlt nur noch, dass du anfängst zu singen. Oder Wunderkerzen aus der Tasche ziehst.

Wenn du wenigstens still sein könntest. Aber du willst reden. Man kann doch über alles reden. Ich will aber nicht. Ich will nicht mit dir reden. Ich will dir nichts erklären und mir nichts erklären lassen von dir.
So kann es nicht weitergehen, sagst du.
Da hast du endlich mal Recht.

Weihnachten in einer einsamen Berghütte. Nur wir zwei.
Und meine Mutter.

Vermutlich brauchst du Anschauungsmaterial über Mütter und Töchter. Du erzählst mir ja nicht mehr, was du schreibst, seit ich dir einmal gesagt habe, wie todlangweilig und ungereimt das war, was du mir vorgelesen hast. Du hast behauptet, dass ich nichts davon verstehe.
Ist das bei euch Dichtern eigentlich wie bei den Popstars? Wer gut aussieht und seine Show abziehen kann, braucht kein Talent? Muss wohl so sein, wie käme sonst jemand wie du auf die Idee zu dichten? Da fallen die falschen Töne nicht jedem sofort auf.

Meine Mutter meint immer, du musst vor Liebe blind sein. Aber ich will verdammt noch mal gesehen werden. Ich will keinen Blinden, sondern einen, der alles sieht, sogar das, was ich nicht zeige. Und der das aushält und dann sagt: du bist ein Miststück, aber ich liebe dich. Das kannst du nicht. Das könntest du nie.

Den Ring hast du schon vergessen. Du hast mir wieder einmal verziehen. Dabei habe ich deinen Ring nicht verloren, nicht einmal absichtlich. Ich bin nicht so schnell, wie du denkst. Alle meinen dich beneiden zu müssen, um deine Ruhe, deine Ausstrahlung. Dabei ist es wie mit meinen langen Beinen, nur außen eben, nur Oberfläche. Ich kann nicht weglaufen und in dir drin ist nichts. Das ist es, was du wirklich ausstrahlst. Nichts berührt dich, nichts bringt dich aus der Ruhe, weil du nichts verstehst.
Sag schon was, sag schon was, du versuchst deinen beschränkten Sprachschatz durch die Häufigkeit deiner Wiederholungen auszugleichen. Wie ein Papagei.

Das geht nicht in dein Dichterköpfchen, dass jemand einfach nicht mit dir reden will. Dabei kann man mit dir über alles reden. Du hast Verständnis. Für meine Mutter, die sich keinen Film ansehen kann, ohne zu Heulen, für den Hund, der den Teppich voll kotzt, für deinen Bruder, der sich gerade von seiner schwangeren Frau trennt.
Mit dir kann man reden. Kunststück, wo du doch nichts verstehst.

Schweigen kann man jedenfalls nicht mit dir. Wie mir das auf die Nerven geht, dass deine Blicke mich ständig durchbohren. Einen Fuß vor den anderen setzen im Schnee, einsinken, herausziehen, einsinken, dass kann man auch nicht mit dir.

Mit dir zusammen zu sein, ist einfach nicht schöner als allein zu sein.

Das Reh, das in panischer Angst über die Lichtung prescht, findest du niedlich. Vermutlich hast du den vorausgegangenen Schuss auch niedlich gefunden, wie Jäger überhaupt niedlich sind. Jäger und Haufen von toten Hasen und ein Reh in Todesangst und natürlich die kleine Blonde mit der Zahnlücke. Hast du das wirklich nicht gesehen, dass ihre Zähne so weit auseinander standen, dass du deinen Bleistift durch die Lücke hättest schieben können? Oder war es gerade das? Niedlich. Eine niedliche Zahnlücke.
Sollen sie glücklich werden mit dir und deinem debilen Dauergrinsen, deine niedlichen Schlampen. Der Schnee wird es für sie einfrieren und sie können sich einbilden, dass du lächelst, weil dein letzter Gedanke ihnen galt.

Ich jedenfalls gehe jetzt dahin, wo meine Gedanken längst sind. Zwei Füße, die ihren Weg zum Ursprung zurückverfolgen.
Du wirst deinen Weg schon finden. Und später kann ich immer noch meine Mutter schicken, um dich zu suchen.

[Dichtungsring 2007 – obwohl dieser Text schon so alt ist, liebe ich es immer wieder, ihn vorzulesen]