Silvester in Berlin (voriges Jahrhundert)

Es ist Silvester und kalt.

 

Wir sind zu fremd, um uns fremd zu fühlen und viel zu beschäftigt damit, dazu zu gehören, sprich einsam. (zu dünn angezogen auch. Und zu jung. Falls man zu jung sein kann. Zu jung für das Ende des Jahres. Aber daran denken wir nicht. Wir denken, falls wir überhaupt denken, dass wir verdammt noch Mal einen würdigen Platz finden müssen, um das neue Jahr zu begrüßen. Das Jahr, in das wir all unsere Hoffnung gelegt haben. Scheinbar von Anbeginn der Zeit. Es ist immer dieses unmittelbar bevorstehende Jahr und die nahezu unlösbare Aufgabe, den richtigen Ort zu finden, um es in Empfang zu nehmen, um sich in Empfang nehmen zu lassen von ihm.)

 

Wir hatten eine Adresse, die ins Nirgendwo führte und das stete Vergehen der Zeit. Schließlich landeten wir in einer Bar, in der uns ein Transvestit aus der Hand las.

 

Glücklicherweise waren wir zu diesem Zeitpunkt schon zu betrunken, um zu verstehen, was er sagte.

 

Und das Jahr begann, mit all dem, was längst vergangen war.

 

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2013 – Ein Rückblick

Januar

Im neuen Jahr mit einem uralten ICE und Kater von Berlin zurück in die Provinz gefahren.

Nach gut einer Woche kommen Kälte und Sonne zurück.

Ende Januar liegt zentimeterhoch Schnee. Ich feiere eine Geburt, die auf einmal schon zehn Jahre zurückliegt.

Außerdem: die Beschäftigung mit Marina Abramovic, der Großmutter der Performance und den eigenen Großmüttern.

Februar

Weiter in alten Fotos gewühlt. Viele Gesichter unbekannt und niemand mehr, der sie benennen könnte.

István Kemény entdeckt.

März

Der Winter hält sich hartnäckig. Wieder nicht zur Messe nach Leipzig gefahren. Dafür ganz unerwartet den Literaturpreis der Isla Volante gewonnen. Noch einen Gedichtband von István Kemény ausfindig gemacht. Den wunderbaren Roman von Olga Martynova gelesen.

April

Verpasste Chancen. Krankheit. Mißverständnisse.

Aber auch das Gedicht von Dorothea Grünzweig. Vom Finden und Verlieren.

Mai

Wenige schöne Tage, große Kälte weit über die Eisheiligen hinaus. Ein Kindergeburtstag. Valeria Luiselli .

 

Juni

Immer noch kein Sommer. Ende Juni die Versuchung, die Heizung anzustellen. Ein Seminar, zwei Gallenkolliken. Christine Lavant mit ihrer zeitlosen Prosa.

Juli

Die Narben wachsen. Am Körper und in der Seele.

Claire Keegan als Schwester Christine Lavants entdeckt.

August

Zunächst keinen bezahlbaren Urlaub gefunden. Dann einfach drauf losgefahren. Drei Tage Hamburg, dann weiter nach Husum, Abschlusstag auf Amrum.

María Luisa Blancos Gespräche mit António Lobo Antunes gelesen und Hiob von Joseph Roth entdeckt.

Aber auch vom Tod Wolfgang Herrndorfs gelesen.

September

Die neue Schule. Die Wiederentdeckung der Duras.

Oktober

Ein goldener langer warmer Monat. Noch einmal Luft holen, Licht tanken vor dem Winter. Abschiede, Änderungen und Sofronievas wunderbarer Gedichtband.

Ein kleiner Pflaumenbaum wächst jetzt in unserem Garten heran. 

November

Nebelwände, die sich mit anmutiger Grausamkeit durch die Landschaft bewegen.

Und dann ist Peter Kurzeck tot.

Dezember

Kurz danach stirbt auch Peter Urban. Wie fast immer zum Ende des Jahres Überdruss. Gepaart mit der Vorfreude auf ein Neues Jahr. Völlig irrational, aber nicht weniger wirkmächtig. Geschichten von Fremdheit, Sehnsucht, Einsamkeit und der heilenden Kraft der Poesie bei Francisca Ricinski: Als käme noch jemand.

Warten

Warten - Isla volante
Warten – Isla volante

 

Das Meer sagt ich solle das Warten vernachlässigen, nicht mich. Die Wellen sind eine Selbstverständlichkeit, weil sie mit dem Mond spielen, nicht weil sie ihm gehorchen. Stille, sagt das Meer, gibt es im Überfluss, genau wie Zeit. Und das alles liegt ganz allein in mir. Wenn ich das Warten aufgebe und es kaum noch erwarten kann, einfach nur zu sein. Wie die Wellen, die Farben, das Meer. Wie die Bilder der Isla volante.