Tzveta Sofronieva

Sprache

Die Sprache ist wie Wasser.
Beim Halten verliert man sie,
im Fließen hat sie Bestand,
schenkt eher Leben als Ertrinken,
wäscht keine Flecken aus,
ist der erste Grund, dass alles keimen kann.

Tzveta Sofronieva in der Edition Lyrik Kabinett. Ich bin dankbar für diesen Gedichtband.

 

Rapunzel und der Mönch

Rapunzel saß in einem Turm und wurde es leid, ihre Zöpfe zu flechten. Im Traum war ihr ein Mönch erschienen, hatte ihr kichernd empfohlen, Rüben zu züchten und war verschwunden. Rapunzel löste ihre Zöpfe. Das löste ihre Probleme nicht, das löste auch nicht den Turm in Luft auf, es löste lediglich den Wunsch aus, mit dem Mönch zu sprechen.
„Können Mönche sprechen?“, fragte sie ihre Stiefmutter, nachdem diese keuchend an Rapunzels Zöpfen in den Turm geklettert war.
„Woher kennst du solche Worte?“, fragte die alte Frau atemlos.
„Ich habe sie geträumt“, antwortete Rapunzel.
„Wenn das nicht aufhört mit den Träumen, schneide ich dir die Zöpfe ab“, drohte die hässliche Frau.
Im selben Moment kam ein Mönch vorbei. Er hatte Rapunzels Stimme gehört und plötzlich war er überzeugt davon, ein Prinz zu sein. Mit dieser Annahme irrte er sich. Er war kein Prinz. Er konnte bloß fliegen. Er erhob sich in die Lüfte. Er folg vor das einzige Fenster der Burg und wedelte mit den Armen.
„Huhu Rapunzel“, rief er, „sieh nur, ich kann fliegen.“
Die Stiefmutter sagte: „Das ist ein Mönch. Jetzt weißt du es also