Fünf mal zwei

Als ich erwachte, erschrak ich über das Verschwinden der Nacht, statt mich über das Anbrechen des Tages zu freuen. Es gibt zwei Möglichkeiten, den Dingen zu begegnen, sie wahrzunehmen.

 

 

Was wir sehen ist nicht das, womit wir unsere Betrachtungen beschreiben. Die Gedanken sind nicht die Rückseite dessen, was wir gedankenlos sehen könnten; sie sind etwas ganz anderes.

 

 

Wenn uns etwas verfolgt, gibt es etwas, dem wir davon laufen. Das sich uns einprägt, weil wir uns weigern, ihm zu begegnen.

 

 

Was geschieht ist etwas anderes als das, was wir erwarten. Ohne Erwartung könnten wir die Dinge vielleicht sehen, wie sie sind.

 

 

Die Erwartung ist eine Bewegung weg von dem, was ist. Erwartungslose Betrachtung ist eine innere Bewegung, tief und ohne Ziel.

 

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22 Gedanken zu “Fünf mal zwei

  1. Liebe Elke,
    ich bewundere immer wieder wie du Emotionen und Gedanken kurz knapp und prägnant in Worte fast.
    Heute habe ich dreimal gelesen, denn jeder Abschnitt steckt voller Weisheit, die ich aufnehmen wollte.
    LG Susanne

    1. Danke, Susanne. Auch wenn es sich immer wieder merkwürdig anfühlt, derartiges Lob anzunehmen, denn ich habe nicht das Gefühl, dass wirklich „ich“ das schreibe, es ist eher ein Geschenk. Matthias Engels hat das kürzlich sehr anschaulich beschrieben. Hier: http://dingfest.wordpress.com/2013/11/13/ich-werde-oft-gefragt-wie-meine-gedichte-entstehen/.
      Aber natürlich freue ich mich sehr, wenn Du darin etwas findest, das Dir wert erscheint, aufgenommen zu werden. herzlichen Dank.

      1. Liebe Elke,
        das sind interessante Worte von dir.
        Vielleicht ist es gerade diese Distanz von dir selber, die die Worte so eindringlich macht. Du betrachtest die Welt nicht durch deine eigene Lupe.
        Ich werde mir den Link gleich anschauen, dir einen schönen Samstag, lg von Susanne

    1. Ich freue mich ja besonders, dass hier gerade eine kleine Diskussion entsteht, was Erwartungen betrifft. Ich glaube, wir verstehen scheinbar unterschiedliche Dinge darunter, aber vielleicht sieht das auch nur so aus, und im Grunde ist es dasselbe was wir meinen und wir ordnen es nur unterschiedlich ein, machen andere Dinge daraus…

  2. Erwartungen hängen an Wünschen, das macht sie so menschlich. Neulich dachte ich spontan: alles wollen – nichts erwarten, das wär’s. Funktioniert aber nicht. Es ist wie bei einer Wippe, es können nicht beide Enden gleichzeitig ganz oben sein. Vielleicht am Ende eines durchmeditierten Lebens, wenn Körper und Biologie gegen Null runtergefahren wurden. Wollen bzw. schaffen aber die wenigsten. Ich bin mir auch nicht sicher, ob wir die Dinge im Zustand völliger Erwartungslosigkeit sehen, „wie sie sind“. Die Dinge existieren eher nicht ‚aus sich heraus‘, sondern nur im Wechselspiel mit unserer Wahrnehmung. Wozu wiederum Erwartungen gehören…

    1. Hm, interessant. Aber ich glaube ich verstehe etwas anderes unter Erwartungen, etwas, das sehr in die Richtung Vorurteile geht, ich tue etwas, und erwarte das und das Ergebnis, ich sage etwas und erwarte diese und jene Reaktion, von mir, aber auch von anderen, wenn man an die Stelle der Erwartungen nun einfach das Wünschen setze und die Neugier, ich glaube tatsächlich, dass das den Blick verändern könnte…

      1. Gerade fällt mir noch ein Nachtrag ein: Du schreibst; Erwartungen hängen an Wünschen. Das ist sicher wahr. Aber es gibt da einen Unterschied: hängen sie an den wirklich ureigenen Wünschen, oder an denen von anderen?

  3. Liebe MF,
    ich glaube, derdilettant hat das was Richtiges am Wickel. Vielleicht so zu sagen: Kaum dass du die Wahrheit erfasst hast, ändert sich die Welt, weil du sie berücksichtigst. Vielleicht gibt es nur den einen Weg: zu verstehen, was ich selber tue – und damit auch, was was ich erwarte, vielleicht sogar, wer ich bin.
    Dass du etwas anderes unter Erwarten verstehst, scheint mir auch richtig. Es ist die Antwort, um die es dir offenbar geht. Um sie zu erhalten, kommt es sehr auf die Frage an und den offenen Umgang mit den Wünschen.
    Ich wünschte zumindest, dass es so einfach ginge.
    Nur, es ist nicht in Andeutungen, Bildern, Gesten zu haben, sondern erfordert viel begriffliche Arbeit.
    Mir liegt mehr daran, den Rahmen zu sprengen und die Welt zu schaffen, wenn auch nur mit einem Bild.

    1. Ich freue mich über Deine Gedanken, Björg, aber ich habe das Gefühl, ich kann Dir nicht wirklich folgen. Dass die Welt sich ständig ändert, nicht zuletzt durch die Perspektive, die sich wiederum durch Erfahrungen ändert, ist sicher unbestritten. Nur, was hat das mit Erwartungen zu tun?
      Und um welche Antwort geht es mir?
      Du schreibst, Dir liegt daran, den Rahmen zu sprengen und die Welt zu schaffen, wenn auch nur mit einem Bild. Ich glaube, mir geht es eher darum, die Antworten in Frage zu stellen und damit auch das Bild, das wir uns von der Welt machen.

      1. Liebe mf,
        allein in diesem Thread gibt es, glaube ich, hunderte von Aspekten, die etwas mit Wahrheitssuche zu tun haben, und ich traue mir nicht zu, sie aufzudröseln. Erwartungen allein können so verschieden sein, ganz verschiedenen Kategorien angehören. Hörerwartungen, Erwartungen, dass sich xy so und so verhält, oder Erwartungen an Mitmenschen.

        Im ästehtischen Kontext – also auch hier auf diesem Blog? – habe ich die Erfahrung gemacht, dass es wundervoll sein kann, sich z.b. vom tonalen System zu verabschieden und alle Hoffnungen auf Harmonie fallen zu lassen. Plötzlich befinde ich mich absolut im Augenblick des Klangerlebnisses.
        Etwas ganz anderes scheint mir die Erwartung zu sein, dass eine Aussage zutrifft, eine Wahrnehung der Prognose, ein Bild dem Muster entspricht. Hier geht dem Erlebnis ein Theoriebildungsprozess voraus. Die Übereinstimmung ist ein plötzliches Glück. Gerade, weil es höchst unwahrscheinlich ist, dass die Muster übereinstimmen.
        Dann gibt es noch die von Bedürfnissen getriebenen Erwartungen, der Automat möge funktionieren, der Partner einen entlasten, die LIebe erwiedert werden. Hier ist meine Erfahrung, dass es sich lohnt, sich nicht allzusehr zu verlassen und die Wünsche offen anzusprechen.
        Aber mein Anlass, mich damit zu beschäftigen, ist noch ein anderer: Ich glaube nicht, dass allgemeine Wahrweiten, wenn sie wirklich substanziell sein sollen und nicht bloß analytisch, in der kurzen literarischen Form darstellbar sind. Ich glaube auch nicht, dass es viel bringt, das Bild der Welt noch einmal zu erschüttern. Allzu viele haben sich längst damit abgefunden, dass es neben den Transaktionen nichts Reales gibt, das Bestand hätte. Ich glaube vielmehr, dass die Welt mit uns spricht in den einfachen Dingen und uns auffordert, diese zum Ausdruck zu bringen. Daher auch mein Eindruck, sie mit Bildern schaffen zu können. Das war vielleicht ein bisschen naiv. Ich hoffe dennoch, hiermit ein bisschen mehr Klarheit geschaffen zu haben.
        LG
        Björg

  4. Diese zwei Sätze sind in besonderem Maße wissenschaftlich. Aber das weißt du sicher. (Und sie fühlen sich für mich wahr-nah an.)

    „Was geschieht ist etwas anderes als das, was wir erwarten. Ohne Erwartung könnten wir die Dinge vielleicht sehen, wie sie sind.“

    „Die Erwartung ist eine Bewegung weg von dem, was ist. Erwartungslose Betrachtung ist eine innere Bewegung, tief und ohne Ziel.“

    1. Wenn wir Wissenschaft (so wie Du es tust) als etwas durchaus auch Leibliches meinen, als eine Erkenntnis nach der wir mit allen Poren streben, einer Frage, der wir uns verschreiben, dann sind diese Sätze sicher wissenschaftlich und ich freue mich ganz besonders darüber, dass sie sich wahr-nah anfühlen für Dich. Weil das viel mehr ist, als würden sie sich wahr anfühlen, ich glaube denkend, sprachlich, kann man der Wahrheit immer nur nah kommen…

      1. Das denke ich auch, liebe Elke. Weil Sprache und Denken immer auch Kategorien, Definitionen und vor allem Abstraktion erfordern; und in Abstraktion ist schon drin, warum wir immer nur wahr-nah sein können …

  5. „Schön, dass du dich einmischst!
    “Was geschieht ist etwas anderes als das, was wir erwarten.“ Ja, aber wir haben eine Chance dem nahezukommen, weil wir auch über das, was geschieht, urteilen können. Oder, genauer gesagt: Unser Urteilen bestimmt, was wir als Geschehen erleben – kein bisschen Transzendenz also.

    „Ohne Erwartung könnten wir die Dinge vielleicht sehen, wie sie sind.” Es wäre schon allerhand, wenn wir sähen, was wir sehen.

    „Die Erwartung ist eine Bewegung weg von dem, was ist.“ Ja! Genau! Schön dass wir das können!

    „Erwartungslose Betrachtung ist eine innere Bewegung, tief und ohne Ziel.“ Ich weiß es nicht. Die Aussage ist ein bisschen tautologisch, aber was ist gemeint? Analytische Wahrheit meint ja meist etwas anderes. Ich glaube zu verstehen. Es ist das Einssein mit dem Betrachteten. Mir schwebt etwas vor, wie die phänomenologische „Epoche“, das Einklammern des intentional gefangenen Erkenntnisapparates…

  6. … dazu fällt mir nur ein:
    jegliche wahrnehmung ist subjektiv.
    in allem, was wir wahrnehmen, schwingt eigenes mit, erfahrungen (positive wie negative), erwartungen, hoffnungen, wünsche.
    schöne zeilen, liebe mützenfalterin, die sich endlos aus- und weiterspinnen lassen …
    lg von diana

  7. Liebe Mützenfalterin,
    ich bin zu spät, ich weiß. Möchte Dir aber unbedingt mitteilen, wie sehr mich dieser Gedanke, Dein Satz, anspricht:
    „Ohne Erwartung könnten wir die Dinge vielleicht sehen, wie sie sind.“
    Herzlichen Dank und
    liebe Grüße, mb

    1. Danke, liebe mb. Weißt Du was (vielleicht gar nicht so) merkwürdig ist? Seit ich diesen Satz aufgeschrieben und dann auch noch hier diskutiert habe, lese ich ihn an unterschiedlichen Stellen in unterschiedlicher Ausprägung. Gerade letztens bei der Lektüre von Pulp Head von John Jeremiah Sullivan.

  8. feine Überlegungen finde ich hier, wobei ich darüber nachdenke, ob ich mich im Moment des Betrachtens gedanklich schon bewege, oder ob dieser Moment nicht doch in einer Zeitspanne sehr dicht davor liegt
    und manchmal geschieht auch etwas, was wir erwartet haben, es setzt aber voraus, daß wir sehr klar und stukturiert denken, uns nicht von unseren Wünschen leiten lassen.
    Eine Logik des Denkens, die imstande ist, sämtliche Gefühle während des Vorganges auszuklammern und sich auf das zu beschränken, was klar aufgezeichnet vor uns liegt…

    Eine gute denkende Seite habe ich hier bei Dir gefunden. Wundervoll!

    LG von Bruni

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