Das Klavier

Ich weiß nichts über sie. Und natürlich ist das ein unmöglicher erster Satz. So kann keine Erzählung anfangen und keine Annäherung. So ein Satz kann am Ende stehen. Muss vielleicht sogar dort stehen.

 

Ich habe nicht einmal Fotos von ihr gesehen auf denen sie jung war. Als wäre sie erst als reife Frau, als Großmutter, auf die Welt gekommen.

 

Ich weiß nicht einmal, ob sie Geschwister hatte. Annie Wächter. Nur von dem Klavier glaube ich zu wissen. So deutlich, dass ich es sehen kann. Einsam, glänzend und schwarz in einem Salon.

 

 

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16 Gedanken zu “Das Klavier

    1. Aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen bist du im Spam gelandet, und ich habe Deinen Kommentar eben erst entdeckt. Ich frage mich gerade, ob nicht erst der zweite Satz den ersten so erscheinen lässt, wie er von euch mehrheitlich wahrgenommen wird? Vielleicht ist es manchmal gar nicht schlecht, den Leser zum Widerspruch zu reizen?

    1. Eine der kleinen Herr K. Geschichten aus der Schule, war die von den zwei Menschen, die sich nach langer Zeit begegnen und der eine sagt zu dem anderen: Sie haben sich gar nicht verändert, und dann dieser Satz: Oh, sagte Herr K. und erbleichte. Das hat damals sehr großen Eindruck auf mich gemacht, so sehr, dass ich bis heute daran glaube, man kann einen Menschen nur dann ansatzweise sehen, wenn man sich bewusst ist, nichts von ihm zu wissen.

    1. Ich bin mir gar nicht sicher, ob es mir von selbst aufgefallen wäre, aber Du hast zweifellos Recht. Es ist ein Satz, der ein schlechtes Gewissen beinhaltet. Irgendwann Anfang des Jahres gab es von Frau Blau den Impuls, sich noch einmal Gedanken über unsere Großmütter zu machen und ich musste feststellen, dass es so gut wie keine Geschichten von ihnen gibt, weitaus mehr als die Großväter, von denen zumindest markante Eckdaten erzählt worden sind, bleiben die Großmütter leere Gefäße, in die man alles mögliche hineinprojezieren kann.

  1. Gerade heute habe ich gedacht, von dem Bekannten weißt Du nicht mehr, wie er ausgesehen hat, aber wenn ich einen ähnlichen LKW sehe, wie er gefahren hat, denke ich an ihn. Was das Gedächtnis so macht!

  2. Das spricht mich sehr sehr an. Für mich beginnen auf die Art entweder kurze intensive Augenblicke mit Fremden oder Abenteuer mit alten Seelenverwandten. Der erste Satz – und man ist schon mittendrin.

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