Zeiträume

Jetzt, da meine Tage zerschnitten erscheinen, Zeit immer nur in kleinen Stücken denkbar ist, erinnere ich mich häufig an diese Zeit: ich ein Kind, dem Zeit nichts bedeutet, abgesehen von einer diffusen Vorstellung von Zukunft (wenn ich einmal groß bin) und den Ermahnungen der Mutter: es ist Zeit. Zeit aufzustehen, Zeit, ins Bett zu gehen.

Wenn ich an diese Zeit denke, denke ich seltsamerweise an Räume. An das kleine Zimmer, das sich die drei V. Schwestern teilen mussten, an unsere Überraschung, als wir entdeckten, dass T.’s Kinderzimmer viel größer war als unsere Kinderzimmer. Wie fassungslos wir waren, als wir begriffen, dass ihre Eltern das Kinderzimmer als Schlafzimmer nutzten und ihr das (weitaus größere) Schlafzimmer überlassen hatten. An unsere Wohnungen aus Laub und Eicheln, die wir uns im Herbst auf der Wiese hinter den Mietskasernen bauten.

Hinter dem Haus. Also sichtbar für meine Mutter. Meine Mutter, die nur auf den Balkon treten musste, um mich zu sehen, das Küchenfenster öffnen, um mich zu rufen. In Rufweite. Ein behutsames Entfernen.

Ich, die kurz hintereinander zwei Kinder bekommen habe, weil es sonst womöglich zu spät hätte sein können, weil ein Kind nicht richtig gewesen wäre.

Ich, die lange nicht begriffen hat, was das Erholsame (Segensreiche) daran gewesen ist, sehr kleine Kinder zu haben, dieses fortwährende (manchmal ununterbrochene) Gebrauchtwerden, als nicht zu vereitelnde Ablenkung von mir selbst.

Und wie sich die Räume ändern, mit dem behutsamen Entfernen.

Damals. Und jetzt.

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25 Gedanken zu “Zeiträume

    1. Das Verrückte ist ja, wie die Erinnerung also umwertet, wie man nur das Gute und Schöne in Erinnerung zu behalten scheint. Damals, als meine Söhne beide noch sehr klein waren und ich dauererschöpft, sagten mir alle: Genieß die Zeit, sie geht so schnell vorbei. Das war natürlich nicht so, die Tage waren sehr lang und nicht nur schön, sondern manchmal auch sehr zäh, aber jetzt, im Abstand von vielen Jahren, ist die Zeit natürlich schnell vergangen….

  1. Schön, was du über die Zeit und ihre Bedeutung in der Kindheit schreibst. Genauso war es. Und ich konnte kaum erwarten, dass sie vergeht, dass ich endlich groß sein würde. Und nun bedauere ich diesen immer schneller scheinenden Fluss der Zeit …

  2. Schönen Dank für die treffliche Beschreibung kindlichen Zeit-Raum Erlebens. Genau so erinnere ich das auch. Und auch wie die fortschreitende Zeit Vergangenheitsräume verändert. Wie sie kleiner werden Und dass die Zukunftszeiträume mit zunehmendem Alter im Erleben auch kleiner werden, hat damit fast etwas tröstliches. Einzig gross ist unsere Gegenwart, der Tag, diese Stunde, die wir jetzt (er)leben.
    Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

    1. Als ich noch gaaanz, ganz jung war, habe ich die großartige Entdeckung gemacht, dass älter werden bedeutet, dass sich der Punkt der Gegenwart immer weiter nach vorn verschiebt, dass es also immer mehr Vergangenheit und immer weniger Zukunft gibt.
      Um ganz ehrlich zu sein, glaube ich, dass ich als Kind die Gegenwart viel unbedingter und größer erlebt habe als jetzt, wo sich ständig (außer in den sehr raren, wertvollen Momenten) Vergangenheit und Zukunft hineinstehlen.

    1. Davor habe ich schon jetzt Angst. Andererseits möchte man natürlich auch nicht, dass die Kinder ewig unselbstständig bleiben. Schön wäre nur ab und zu die Zeit anhalten, oder wenigstens für einige kurze Momente zurückdrehen zu können.

      1. Mein Sohn ist ja nun gerade zum Studium nach Göttingen gezogen, nachdem ich mit ihm gut 10 Jahre als alleinerziehende Mutter gelebt habe. Ich wußte vorher, dass er außerhalb Berlins studieren will, so hatte ich Zeit, mich vorzubereiten. Ich habe beschlossen, zu studieren. So ist es mir erspart geblieben, in das berühmte Loch zu fallen. Ich bin beschäftigt. Aber meine Gedanken sind immer ein wenig bei meinem Sohn und noch telefonieren wir fast täglich….
        Du brauchst keine Angst haben, du findest bestimmt etwas, womit du das Loch füllen kannst, bevor es dich verschluckt!

  3. Mein größter Wunsch war als Kind, so alt zu sein wie meine Schwestern, nicht vorstellbar, dass es mal umgekehrt sein könnte. Es ändert sich dauernd, dieses Erlebnis der Zeit. Dein Artikel machte es mir wieder bewusst.

  4. so sehr ich mir gegenwärtigkeit wünsche, ersehne, so sehr bekommt der gelebte augenblick doch erst im rückblick seine dreidimensionalität – in der erinnerung …
    danke für diesen dichten text!

      1. In einer sehr schwierigen Phase meines Lebens hat mir die Vorstellung, die Gegenwart bereits rückblickend aus der Zukunft zu betrachten, sehr geholfen. Es wurde, noch während ich drin war, schon ein Stück weit Geschichte, eine Geschichte. Was einen im Moment zu Boden drückt, kann später Erhaben sein, persönlicher Mythos. Die Griechen brauchten dafür Jahrtausende. Man muss also nur ein klein wenig die Zeit austricksen… ; )

      2. Na ja, das kenne ich schon auch, meine Mutter hat das nur nicht so mythologisch fundiert, sie sagte dann immer: bis zur Hochzeit ist alles wieder gut. 😉
        Nein, ganz im Ernst, es stimmt schon, dass manche Niederlagen und schlimmen Zeiten notwendig zu sein scheinen für das, was man ist, oder werden soll, aber in dem Moment, in dem es geschieht, bin, zumindest ich, nicht fähig, daraus Trost zu ziehen. Vergänglichkeit hat eben immer zwei Seiten, dass das Schöne vergeht, tut weh, und dass das Arge genau so vergeht, tröstet.

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